Geschichte

Die Jesuiten und die Alte Eidgenossenschaft bis 1773

Die Alte Eidgenossenschaft spielte in den Augen Ignatius’ und seiner ersten Gefährten keine bedeutende Rolle. Dennoch kam es früh zu Berührungen. Ignatius unternahm 1521 eine Pilgerreise nach Jerusalem. Er schiffte sich in Venedig ein. Mitpassagiere waren drei Eidgenossen. Vom Zürcher Peter Füssli besitzen wir einen Reisebericht, der eine wichtige Ergänzung zur schriftlichen Hinterlassenschaft von Ignatius bietet.

Im Spätherbst 1536 reisten die ersten neun Jesuiten von Paris über die Nordschweiz und das Tirol nach Venedig, um dort erneut nach Jerusalem in See zu stechen. Ignatius war als einziger nicht unter ihnen. Er reiste über Spanien. Die Gruppe machte in Basel und Weinfelden Station. Sie suchte das Gespräch mit der neu zum Protestantismus übergetretenen Pfarrerschaft.

1558, zwei Jahre nach dem Tod des Ordensgründers Ignatius, begann P. Nikolaus Bobadilla SJ im Veltlin zu wirken, das damals Bündner Untertanengebiet und Zufluchtsort für protestantisch gewordene Italiener war. Im darauffolgenden Jahr musste er auf Drängen der Bündner Herren das Land verlassen. Die katholischen Orte bemühten sich früh um die Entsendung von Jesuiten in die Eidgenossenschaft. Dahinter stand das Anliegen, solide katholische Bildungsstätten zu errichten. Seit der Glaubensspaltung gab es keine mehr für Katholiken. Diskutiert wurden als Standorte Bremgarten, Rapperswil, Freiburg, Ittingen, Rorschach und Locarno. Die Bemühungen scheiterten unter anderem auch am Widerstand der Jesuiten. Sie liessen sich erst auf eine Niederlassung ein, wenn der Unterhalt der Ordensmänner mit einem ausreichenden Stiftungskapital gewährleistet war. Bis 1773 kam es in der heutigen Schweiz zu folgenden Gründungen:

Die Jesuiten in der Schweiz seit der Wiedererrichtung 1814

Nach dem Zusammenbruch des Ancien Régime (1798) und dem Scheitern der Helvetik (1803) wurden bald Stimmen nach einer Wiederherstellung des Jesuitenordens laut. 1805 berief der Präfekt der Autonomen Republik Wallis „Väter des Glaubens Jesu“, eine kleine Ordensgemeinschaft nach Sion, um dort das Gymnasium zu übernehmen. Sie hatte sich die Neugründung der Gesellschaft Jesu zum Ziel gesetzt. Napoleon stellte für die Schule einen Schutzbrief aus, so dass sich dort dafür eine Keimzelle bilden konnte. Nachdem Papst Pius VII. 1814 die Gesellschaft Jesu kanonisch wiederhergestellt hatte, konnten die Patres sogleich ein Noviziat in Brig eröffnen. Bald konnten sich die Jesuitenschulen in Brig, Fribourg und Sion eines internationalen Rufs erfreuen.

Wann genau die Jesuiten zu Gegnern des republikanischen Staates wurden, ist unklar. Ihre Berufung nach Luzern wurde jedenfalls 1841 als Provokation aufgefasst. So wurden sie für das Anzetteln des Sonderbundskriegs verantwortlich gemacht. 1847 wurden sie des Landes verwiesen. 1848 wurde ein Jesuitenverbot verfassungsmässig verankert. Es blieb bis zur Volksabstimmung 1973 in Geltung.

Jesuitisches Leben setzte sich vorerst im 1856 gegründeten Gymnasium Stella Matutina in Feldkirch fort. Viele Schweizer schlossen sich in Deutschland, Frankreich oder England dem Orden an; viele wurden in die Missionen geschickt. In der Schweiz konnten die Jesuiten zuerst in Basel (1884), Genf (1916), Zürich (1918), Bern (1926) und Bad Schönbrunn ob Zug (1928) Fuss fassen. Sie sind seitdem vor allem in der Jugend-und Akademikerseelsorge sowie im Exerzitienapostolat tätig. Lange wirkten sie als Volksmissionare und als Spirituäle in Priesterseminaren. In Zürich gaben sie von 1937 bis 2009 die Zeitschrift „Orientierung“ heraus, seit 1959 „Choisir“ in Genf. Bis 1947 war die Schweiz Teil der oberdeutschen Provinz, seither eigenständige Schweizer Jesuitenprovinz.

Residenz SJ Sion

Die Aufhebung des Jesuitenverbots in der Schweiz 1973

Im 19. Jahrhundert erlebte die Schweiz bis zur Gründung des neuen Bundesstaates 1848 und dann noch einmal im Kulturkampf (1870–1878) stürmische Zeiten. In der Hauptsache war es eine politische Auseinandersetzung zwischen Radikalen und Konservativen, die aber auch die alten Gräben zwischen Protestanten und Katholiken neu aufriss. Unlöslich damit verbunden war die Agitation um Klöster und Jesuiten. Sprachen die Radikalen von einer «fürchterlichen Jesuitenexplosion», so sahen die Katholisch-Konservativen in den Jesuiten «die sicherste Stütze und zuverlässigste Schutzmauer». Nach dem Sonderbundskrieg erliess die Tagsatzung am 3. September 1847 den Ausweisungsbefehl gegen 250 Jesuiten, und in die Verfassung von 1848 kam Artikel 58, der jegliche Aufnahme von Jesuiten in der Schweiz verbot. Die im Kulturkampf 1874 von Volk und Ständen angenommene Verfassung, die bis zum Jahre 2000 Bestand haben sollte, wollte das Verbot mit Artikel 51 noch verschärfen. Dazu kam mit Artikel 52 das sog. «Klosterverbot».

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war der Bundesstaat von 1848 für alle in der Schweiz Selbstverständlichkeit geworden. Der Kulturkampf war verebbt, die beiden Konfessionen sich näher gekommen. Nach 1945 wurde es immer schwieriger, Ausnahmerecht gegen die katholische Bevölkerung anzuwenden. Der entscheidende Schritt zu einer Verfassungsrevision erfolgte 1954 durch die «Motion von Moos». Diskussionen um die Ratifizierung der Europäischen Menschenrechtskonvention und die Einführung des Frauenstimmrechts waren zugleich im Gang. Das Zweite Vatikanische Konzil (1963 - 1965) öffnete zudem den Katholizismus auf die Gesamtgesellschaft hin. Als eine Art «Weihnachtsgeschenk an die grösste Minderheit des Landes» verabschiedete die Regierung am 23. Dezember 1971 die «Botschaft des Bundesrates an die Bundesversammlung über die Aufhebung des Jesuiten- und Klosterartikels der Bundesverfassung». Sie beantragte die ersatzlose Streichung der beiden Artikel. Der Urnengang wurde auf den 20. Mai 1973 angesetzt. Der Abstimmungskampf dauerte zweieinhalb Monate. Für schweizerische Verhältnisse gestaltete er sich lebhaft, zum Teil heftig. Es wurde konfessionalistisch argumentiert. So kam es zu emotionalen und unsachlichen Angriffen nicht nur gegen Jesuiten, sondern gegen die katholische Kirche überhaupt. Auf protestantischer Seite gab es jedoch eine ganze Reihe von Persönlichkeiten, die sich für die Abschaffung des Artikels aussprachen. Mit 790’799 gegen 648’959 Stimmen (55 zu 45 Prozent) und mit 16 ½ gegen 5 ½ Standesstimmen wurde die Aufhebung des Jesuiten- und Klosterartikels gutgeheissen. Die Stimmbeteiligung betrug 39,7 Prozent.