Fridolin Marxer

Im Herbst 1946 hatten wir uns im kleinen Städtchen Rue (Kt. Freiburg) im "Château des Augustins" getroffen, um hier das Noviziat zu beginnen. Wir waren acht Novizen im ersten Jahr aus den verschiedensten Gegenden der Schweiz und er aus Liechtenstein. Das pflegte er uns gegenüber sehr zu betonen. Der Jesuitenorden war damals noch offiziell in der Schweiz verboten. Trotzdem hatte der Kanton Fribourg uns in einem abgelegenen Städtchen, das von einem ehemals savoyischen Schloss dominiert wurde, Gastrecht gewährt; aber wir mussten uns diskret verhalten. Es war ein Neuanfang für uns mit einem neuen Novizenmeister, Josef Stierli SJ, der uns in seinen Instruktionen an die Quellen des Ordens führte und sehr darauf achtgab, dass wir unsere Köpfe im ersten Eifer nicht ruinierten.

Fridolin Marxer war sehr geprägt von seiner liechtensteinischen Heimat. Geboren am 12. März 1925 in Mauren als Kind einer angesehenen Bauernfamilie, wuchs er dort mit vier Geschwistern auf. Nach der Primarschule durfte er in Vaduz das Gymnasium besuchen, das von Maristen-Schulbrüdern geleitet wurde. Es war eine besondere Freude für ihn, als er von 1982 bis 1989 an diesem Gymnasium Philosophie lehren durfte. Von seinen Eltern hatte er eine gute Begabung geerbt und dazu den Sinn für die Realität. Er stand mit beiden Beinen auf dem Boden und blieb seinem Heimatdorf, das ihm zu seinem Goldenen Priesterjubiläum ein grossartiges Fest bereitete, durchs ganze Leben verbunden. An allen grossen Festen und auch im Sommer war er in seiner Heimatpfarrei zur Aushilfe.

Die lange Ausbildung im Orden - drei Jahre Philosophie in Pullach und vier Jahre Theologie in Lyon krönte er mit zwei Jahren Studium der spirituellen Theologie an der Gregoriana in Rom. Aus diesem Studium erwuchs die immer wieder beachtete, grundlegende Dissertation "Die inneren geistlichen Sinne. Ein Beitrag zur Deutung ignatianischer Mystik". Diese spirituelle Theologie wurde fortan ein Hauptthema seiner Werke, zuletzt noch in seinem Buch "Die mystische Erfahrung", 2003 erschienen im Echter-Verlag. Ich habe die Bücher und Schriften von Fridolin Marxer aus den verschiedenen Gestellen unserer Bibliothek zusammengeholt, angefangen von dem Faszikel "Philosophie-Kurs 7. Klasse" bis zu seinem Buch "Wiedergeburt, Hoffnung oder Illusion?", das er mit seinem ehemaligen Schüler und jetzt Physik- und Mathematiklehrer Andreas Traber 1995 herausgegeben hatte. Je nach Zählung kommt man auf 10 bis 11 Bücher.

Fridolin Marxer konnte schreiben, einfach und klar, ohne Eitelkeit und ohne Schnörkel und ohne uferlos zu werden. Es ging ihm um eine einfache, übersichtliche und verständliche Darstellung seines Themas, der Sache. Manchmal war es auch trocken, aber am Schluss sah man klarer. Man spürt in seinen Büchern immer den Lehrer, der etwas klarmachen will, immer mit Bezug auf heutige Missverständnisse, Einseitigkeiten oder ganz einfach Unkenntnisse. Er hasste Übertreibungen und Extremismen und stellte die einzelnen Probleme in die grossen Zusammenhänge. Ja, Fridolin Marxer war in seinem Leben vor allem Lehrer, 38 Jahre Religions- und Philosophielehrer an den Basler Gymnasien in unteren und oberen Klassen, in den Schulen und im Borromäum (kurz „Borri“ genannt). Er hielt durch und suchte in allen Veränderungen der Jugend- und Schülerwelt neue Zugänge. Für die einen war er zu hoch und zu intellektuell, doch er verstand es auch abzuwechseln und zu mischen, zum Beispiel mit Kegeln in der Borri-Kegelbahn.

Hinter seiner ganzen Tätigkeit stand viel Arbeit. "Er war ein stiller Chrampfer“, wie Xaver Pfister, auch ein ehemaliger Schüler, in seinem liebenswürdigen kurzen Artikel in "Kirche heute" zu seinem 50. Priesterjubiläum schrieb. Wenn er in die Sommerferien - meistens in einem Jesuitenhaus in Sardinien oder in Istrien/Kroatien - ging, packte er in seinen Koffer einige dicke Bücher ein, die er lesen wollte und auch las. Aber er verband die Arbeit mit einem Bad an der Sonne oder im Meer.

Neben seiner grossen intellektuellen Tätigkeit hatte der Film sein ganz besonderes Interesse. Dieses brachte er aus seiner Theologie in Lyon nach Basel mit, wo er an die von Abbé Joye SJ begründete Filmtradition anknüpfen konnte. Damals gab es noch keine Kinos mit Filmzyklen ausser "Le bon Film" und dem "Ki-no Borri" von Fridolin Marxer. Mit einer Gruppe von interessierten Schülern und Studenten stellte er jeweils die Filmprogramme zusammen, bis zu drei Zyklen im Jahr und immer mit hochstehenden und anspruchsvollen Filmen. Für ihn war der Film Kultur. Diese Kultur pflegte er und gab daran Anteil durch Jahrzehnte. Ein Blick in die zwei hohen Schränke mit geordneten Sammlungen von Zeitschriften, Lexika und Zettelkästen macht staunen. Gewöhnlich leitete er die Filmvorführungen ein mit einer kurzen Besprechung, in der er wichtige Hinweise gab. Für die Vorführungen hatte er unter den Jungen Operateure und andere Helfer geworben, die ihm lange Zeit die Treue hielten.

Auch die berühmten Romfahrten und andere Reisen nach Venedig und Raven-na, die er von P. Trefzer und P. Merz übernommen hatte, sind nicht nur zu erwähnen, nein, sie waren ein Höhepunkt im Borri-Leben. Es waren gut vor-bereitete, lehrreiche, ja spannende Führungen die auf geschichtliche Zeiträume aufbauten. Auf diesen Reisen wuchsen viele Schüler enger zusammen, und es entstanden dauernde Freundschaften, ja Ehen daraus.

Trotz der vielfältigen Tätigkeit nach aussen war Fridolin Marxer ein scheuer Mensch und in vielem gehemmt. Er zeigte seine Gefühle selten. Auch in den letzten Jahren, als der gute Sportler von einst sich nur noch mit einem Rollator fortbewegen konnte, klagte er kaum. Für ihn waren das einfach Wirklichkeiten im Alter, mit denen er fertig werden musste. Seine innere Güte zeigte sich am meisten in seinem dankbaren Lächeln, gerade in der letzten Zeit der Schwachheit und des Leidens. Schon sehr geschwächt, war er zur Untersuchung ins Felix-Platter-Spital gekommen. Dabei hatte sich gezeigt, dass er einen Tumor im Darm hatte. Ein Herzinfarkt kam der Operation jedoch zuvor. Wenige Tage danach starb er am 23. März 2009 in Frieden.

Eugen Frei SJ, Basel

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