In Memoriam P. Jules Escher SJ, 15.3.1918 – 25.2.2007

Liebe zum Trauergottesdienst versammelte Angehörige, Mitbrüder und Gläubige!

Der Jesuitenorden, dem unser verstorbener Pater Jules Escher angehörte, feierte im vergangenen Jahr ein dreifaches Jubiläum: den 450. Todestag ihres Gründers Ignatius von Loyola sowie den 500. Geburtstag zweier seiner Gefährten, nämlich des Weltmissionars Francesco aus dem Schloss Javier im Baskenland, sowie des recht früh verstorbenen Pierre Favre aus Savoyen. Wenn wir diese drei ersten Gefährten der Gesellschaft Jesu miteinander vergleichen, dann fällt auf, wie unterschiedlich sie waren in ihrem Charakter, ihren Begabungen und in den Aufgaben, die sie zu erfüllen hatten. Ignatius war die Vaterfigur des jungen Ordens, Franz-Xaver der alle äusseren Grenzen sprengende Missionar, Peter Faber der mit sich selbst ringende spirituelle Begleiter.

Der Generalobere des Jesuitenordens, Peter-Hans Kolvenbach, gab bezüglich des dreifachen Jubiläums folgendes zu bedenken: Ein Jubiläum zu feiern, bedeutet nicht nur, die Erinnerungen an die Grösse dieser Gründergestalten zu pflegen, sondern uns unseres geistigen und geistlichen Erbes an Hand dieser drei Mitbrüder dankbar zu vergewissern und Impulse für unsere Gegenwart und Zukunft zu empfangen. Hier können wir uns und kann sich vor allem jeder Jesuit fragen: Welchem von diesen drei ersten Gefährten stehe ich am nächsten, an welchem kann ich mich besonders orientieren? Wenn ich heute stellvertretend für Pater Escher eine Antwort geben soll, dann fällt die Wahl eindeutig auf den seligen Peter Faber. Im Spiegel seiner geistlichen Gestalt wollen wir den Lebensweg des Verstorbenen etwas zu deuten versuchen.

Zunächst aber ein Blick auf die Stationen dieses Lebensweges. Pater Jules Escher wurde am 15. März 1918 als Sohn des Josef und der Barbara Escher-Jeitziner geboren. Er war Burger von Brig und Simplom-Dorf. Er hatte vier Geschwister, wovon das jüngste einjährig starb. P. Escher besuchte die Volksschule und das Gymnasium von Brig, wo er 1940 die Maturitätsprüfung ablegte. Anschliessend bat er um Aufnahme in den Jesuitenorden. Wegen des Weltkriegs konnte er aber nicht ins Ausland reisen, um dort das Noviziat zu beginnen. So studierte er zunächst mit anderen Kandidaten ein Jahr lang Philosophie in Sitten, wohin das von den Jesuiten geführte Innsbrucker Studienhaus Canisianum wegen der Naziherrschaft verlegt worden war. Als nach einem Jahr im liechtensteinischen Balzers ein Haus gemietet werden konnte, machte P. Escher dort sein zweijähriges Noviziat unter der Leitung von P. Ebneter. Im gleichen Haus setzte er dann seine angefangene philosophische Ausbildung fort. Dort war nämlich kriegsbedingt ein provisorischer Studienbetrieb mit den Professoren Willwoll und Mäder errichtet worden – gewiss keine ideale Lösung. So wagte man, in Fribourg das nicht belegte Haus der Englischen Fräulein zu mieten.

Nach Abschluss des Philosophiestudiums machte P. Escher ein Jahr lang sein Interstiz bei der Orientierung in Zürich, wo er die Bibliothek besorgte und dem Missionsprokurator behilflich war. Daraufhin begann er mit der Theologie in belgischen Enghien und übersiedelte nach einem Jahr nach Lyon. Dort wurde er am 31. Juli 1949 von Kardinal Gerlier zum Priester geweiht und konnte am 15. August in seiner Heimatpfarrei Glis Primiz feiern. Bald nach der Rückkehr nach Lyon erkrankte P. Escher wie auch andere junge Jesuiten an Typhus. Für einen der vier angesteckten Schweizer Mitbrüder verlief die Krankheit tödlich.

Im Anschluss an das Studium machte P. Escher in Florenz das Terziat. Nach dessen Beendigung bereitete er sich in Bad Schönbrunn auf einen Einsatz in der Volksmission vor, dem er sich dann kräftemässig doch nicht gewachsen fühlte. Stattdessen wirkte er fünf Jahre lang als Vikar in der Pfarrei St. Paul in Luzern. Dort herrschte eine angenehme Atmosphäre und ein gutes Einvernehmen zwischen den Vikaren und dem Pfarrer. Anschliessend an diese Lehrzeit wirkte P. Escher 9 Jahre als Krankenseelsorger in Basel: 1 1/2 Jahre im Kantonsspital und 7 1/2 Jahre im Claraspital.

Dann kam P. Escher nach Brig ins Kloster St. Ursula. Dort war er 10 Jahre lang als Latein- und Religionslehrer tätig und unterstützte den Spiritual in seiner Arbeit. Als die Latein- und Sekundarschule des Klosters aufgehoben und in andere Häuser verlegt wurde, wünschte P. Escher von Brig abberufen und nach Möglichkeit in ein Altersheim versetzt zu werden. Diesem Wunsch wurde von der Provinzleitung entsprochen. So wirkte er 13 Jahre lang als Heimseelsorger im Josefsheim in Susten VS. Er betreute alte und kranke Menschen, mit denen er sich seelisch verbunden fühlte. Es waren dies meistens arme, gebrechliche Heimbewohner, denen er auf seine Art besonders nahe stand.

Die letzte Lebensstation P. Eschers war das Altersheim St. Barbara in Kippel im Lötschental. Dort wirkte er zunächst wiederum als Hausgeistlicher und übernahm gelegentlich auch Aushilfen in der Pfarrei. Als die Kräfte nachliessen, lebte er weitgehend zurückgezogen auf seinem Zimmer, gut betreut durch die Hausleitung und das Personal. In seinem bis 2003 nachgeführten Lebenslauf erwähnt er eine grosse Ermüdbarkeit und Konzentrationsschwierigkeiten. Später kamen Harninkontinenz und Gleichgewichtstörungen dazu. Im kalten Winter war ihm so auch der Gang in die nahe Kirche verwehrt. Im Frühling des vergangenen Jahres trat eine deutliche Verschlechterung seines Gesundheitszustandes ein. Dies machte eine intensive und nicht immer leichte Hauspflege notwendig. Am vergangenen Sonntag wurde Pater Jules Escher nach stillem Todeskampf von seinen Leiden erlöst.

Wie angekündigt möchte ich nun noch gewisse Verbindungslinien zwischen dem Verstorbenen und der geistlichen Gestalt des seligen Peter Faber aufzuzeigen suchen. Peter Faber stammte aus einfachen bäuerlichen Verhältnissen. Er erhielt in Paris die für einen Priester übliche Ausbildung. Dort begegnete er Ignatius von Loyola, dessen Freundeskreis er sich anschloss. Als Wanderapostel bereiste er ganz Europa. Völlig entkräftigt starb er erst vierzigjährig nach seiner Rückkehr nach Rom am 1. August 1546. Soweit der äussere Lebensrahmen dieses Mitbegründers des Jesuitenordens. Für uns wichtiger ist jetzt aber ein Blick auf seine innere Entwicklung.

Peter Faber war zweifelsohne ein äusserst sensibler Mensch. Mit grosser Aufmerksamkeit nahm er innere Vorgänge wahr. Er fühlte in sich ganz unterschiedliche und entgegengesetzte Regungen. In Paris wurde er von verschiednen starken Gemütsschwankungen und Skrupeln arg geplagt. Er litt an depressiven Zuständen und Ängsten. Peter Faber schreibt am 29. November 1542: Mit eigentümlichem geistlichem Verlangen und einer besonderen Einsicht in den (wenn ich so sagen darf) 'Kriechzustand' und die Niedergeschlagenheit meines Geistes erbat ich mir hier auch die Gnade geistlicher Erhebung: dass meine Seele nicht mehr wie bisher so tief unten und im Geist ihres Siechtums zu den niedrigsten Dingen gebeugt bleibe, sondern von der Gnade des Herrn Jesus Christus losgebunden werde und so immer mehr aufwärtsschauen könne. Faber litt an starkem innerem Unfrieden, an der Neigung, die Fehler anderer zu beobachten, sie zu verdächtigen und zu verurteilen; schliesslich plagten ihn Skrupel bezüglich zahlloser unerdenklicher Unvollkommenheiten. Wir können uns da eine deutliche Labilität vorstellen, vielleicht eine Überverantwortlichkeit, verbunden mit starken Minderwertigkeitsgefühlen.

Peter Faber hat aber auch die Erfahrung gemacht, dass gerade die Schwachseiten des Menschen zum Einfallstor für Gottes Trost und Gnade werden können. Er stellte fest: Nie befiel mich eine Bedrängnis, eine Angst, ein Skrupel, ein Zweifel, eine Befürchtung oder ein anderer böser Geist, ohne dass ich zugleich oder doch nur wenige Tage später in Gott, unserem Herrn, ein wirksames Gegenmittel gefunden hätte. In dieses Kapitel gehören auch unzählige Gnadenerweise bezüglich der Erkenntnis und Erfahrung verschiedener Geister. Ich lernte sie von Tag zu Tag besser kennen, weil unser Herr mir einige 'Stacheln' gelassen hatte (2 Kor 12,7), die mich nie zur Lauheit erschlaffen liessen.

Ich möchte hier die vergleichenden Hinweise auf das Leben und die Eigenart von Peter Faber beenden. Wer unseren verstorbenen P. Escher näher gekannt hat, wird mit mir einiggehen, dass zwischen den beiden eine gewisse innere Nähe, eine Affinität besteht. So wollen wir jetzt bei dieser Bestattungsfeier den seligen Peter Faber, den frühen Gefährten des Ignatius und Mitbegründer des Jesuitenordens, in besonderer Weise bitten, er möge für Pater Jules Escher Fürbitte einlegen. Gott möge auch ihm nach der Mühsal und den Beschwerden des irdischen Lebens die Fülle des Trostes und die ewige Ruhe schenken.

Bruno Lautenschlager SJ

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