Bruder Karl Zuppiger SJ zum Gedenken.

Ansprache beim Abschiedsgottesdienst in St. Marien, Basel am 29. Mai 2008

Ich beginne mit einem Zitat:

„So sind die Schicksalswege dieser rauen Welt:
Heute wirst du sanft in den Sattel gehoben und
morgen wird dir der Sattel auf die Schultern gelegt“.

Dieser Text steht in einem Namenstagsgruss von Karl Zuppiger, geschrieben im Herbst letzten Jahres. Er könnte sehr wohl von ihm selbst stammen. Karl war sprachlich begabt und in seinen Briefen oder Reiseschilderungen finden sich immer wieder einprägsame Bilder.

Aber wann und wo wurde er sanft in den Sattel gehoben? Waren die Wege dieser Welt für ihn nicht allzu oft rau? Dieser Eindruck stellte sich bei mir ein, als ich über das Leben meines Mitbruders Karl Zuppiger nachdachte. Ich habe dreimal mit ihm in der gleichen Kommunität gelebt.
Vor bald sechzig Jahren im Noviziat; er ein grosser, stämmiger junger Mann, uns jungen Studenten voraus an Beruf- und Lebenserfahrung; dreissig Jahre später als sein Oberer im Bildungshaus Bad Schönbrunn und jetzt wieder die letzten Jahre in Basel, wo wir uns beide und nicht erst in der Krankheit näher gekommen sind.

Der äussere Weg ist bald erzählt:
Vor mehr als zehn Jahren, schon in Basel, hat Karl einen kurzen Lebenslauf verfasst, ein kostbares Schriftstück, wie wir noch sehen werden.
Karl Zuppiger wurde als drittes Kind einer gut katholischen Familie am 8. Juli 1922 in Jona geboren. Sein Vater war Fabrikvorarbeiter. Er wuchs zusammen mit seinen älteren Geschwistern Anna, der er sehr verbunden war, und seinem Bruder Josef auf dem Lande auf.
Ich zitiere: „Meine schwache Konstitution und Krankheiten machten mir viel zu schaffen und machten auch meinen Angehörigen viel Mühe. Hinzu kamen ein weiter Schul- und Kirchweg, so dass ich nicht sagen kann, dass ich in meiner Jugend eigentlich glücklich war. Der Weg wurde noch weiter, als Schule, kaufmännische Lehre und Arbeit in Rapperswil dazu kamen. Trotzdem habe ich damals auch über 500 Tage Militärdienst durchlitten und ausgehalten.“

Das also ist Karls vorherrschende Erinnerung, die sich ihm, der selten von sich sprach, siebzig Jahre später aufdrängte. Wenn er als Bub gefragt wurde, was er werden wolle, hatte er jeweils – ohne lange zu überlegen – geantwortet, er möchte ein HERR werden. Tatsächlich wurde aus ihm ein Beamter der Stadt Rapperswil in gesicherter Stellung.

Nichts gab äusserlich Anlass zu einer Änderung; sein Leben hätte so weitergehen können. Doch es kam ganz anders. Mit 27 Jahren trat er 1949 bei den Jesuiten ein. Das war in Rue im Kanton Freiburg unter dem Novizenmeister Pater Josef Stierli. Die Umstellung vom äusserlichen Berufsleben auf das Ordensleben als Jesuitenbruder kam ihn hart an, und er hatte, wie er schreibt, sehr Mühe, sich einzugewöhnen.
Für die weiteren Stationen seines Lebensweges zitiere ich wieder Karls Bericht. „An äusseren Arbeiten wurde ich mit folgenden Diensten betraut: Gleich nach dem Noviziat mit der Buchhaltung im Kolleg in Feldkirch für 29 Jahre; nach der Schliessung des Kollegs mit ähnlichen Arbeiten in Bad Schönbrunn für 3 Jahre; Pfarreiarbeit in Genf für 5½ Jahre; dann Pfarrei- und Hauswartarbeiten in Locarno für 5 Jahre; als (vorläufig) letzte Station Hauswart (wozu Garten, Einkauf Haushalt der Jesuiten und Sakristei gehörten) im Borromäum in Basel.“

Machen wir uns bewusst, was das an Umstellung und Bereitschaft, Neues zu lernen bedeutet, was das für Spannungen mit sich bringen kann mit Vorgesetzten, Mitbrüdern, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, besonders für einen eher ängstlichen und konfliktscheuen Charakter!
In einem Beitrag zum Thema Bruder-Beruf schreibt Karl:
„Meines Erachtens ist ein Bruder-Beruf die Folge einer inneren Berufung, die viel persönliches und fürbittendes Gebet voraussetzt. Alle äusseren Hinweise können helfen wie z.B. ein verständnisvoller Pater, ein angenehmes Haus, ein angemessener Beruf; aber als Ziel können diese auf die Dauer nicht genügen. Der als Bruder bei den Jesuiten taugliche Typ muss ein priesterliches Herz haben; denn nur so kann er es in der SJ (einem Priesterorden) und bei den „gescheiten Patres“ aushalten und voll zufrieden werden und sein.“

Gerne füge ich hier noch eine kleine humorvolle Episode voll tiefen Sinns an. Während seiner Zeit in der internationalen Stadt Genf - Karl war schon 65 Jahre alt - durfte er in Oxford unter Mitbrüdern aus verschiedenen Ländern einen Englisch-Kurs mitmachen und hatte dort einen kleinen Vortrag zu halten über die Jesuiten in der Schweiz. Hören wir dessen feierlichen Schluss:

It is good to learn, and wie have to learn,
first in our spiritual life and than in our dayly life.
And I am very glad to say here:
„We have to be Jesuits or not to be!“ (Hamlet)

Fragen wir uns, was Bruder Zuppiger die Kraft gab, in grosser Treue Tag für Tag seinen Pflichten nachzukommen und für die Mitmenschen, vor allem die Mitbrüder da zu sein. Da war eine Liebenswürdigkeit, die dann zum Vorschein kam, wenn er nicht von Arbeit überhäuft war, da waren ein verborgener Humor und eine Kreativität. Vor allem aber war da eine tiefe Frömmigkeit, ein durch nichts zu erschütternder Glaube an seine Berufung als Ordenschrist, die im Gott geschenkt hatte, als die Frage nach dem Sinn seines Lebens an ihn heran kam.

Dazu zitiere ich noch einmal Karls persönlichen Lebenslauf:

„Bei Jungmänner-Exerzitien im 'alten' Schönbrunn erhielt ich im Rahmen eines Standesvortrags von einem Jesuitenpater (ohne dass er davon wusste) auf alle meinen Fragen und Probleme, die ich innerlich mit mir herumtrug, präzise Antwort: der eigentliche Beginn meines Ordensberufes, den ich vor allem der Barmherzigkeit Gottes und vielem Fübittgebet verdanke. Diese Berufung war für mich das grosse Los, und ich war auf dem guten Weg glücklich zu werden; ich habe mein JA dazu nie bereuen müssen.“

Über das Noviziat, das, wie wir gehört hatten, für Karl eine grosse Herausforderung war, schreibt er: „Aber gerade durch das Vertrauen des Novizenmeisters und den Gehorsam, den er verlangte, erhielt ich in dieser Zeit durch Gottes Barmherzigkeit – und sicher auch das fürbittende Gebet – eine entscheidende Gnade, die mich tief innerlich glücklich machte, die ich nicht vergessen kann und die mich durch alle folgenden Schwierigkeiten, Dunkelheiten und Versagen getragen hat. Gott sei ewig Dank!“

Bruder Zuppiger hat, so viel ich weiss, mehr als einmal die Wallfahrt nach Lourdes mit gemacht. Von dort hat er eine grosse Andacht zur jungen Bernadette Soubirous mit gebracht. Zu ihr soll die Muttergottes gesagt haben: „Ich verspreche Ihnen nicht, Sie in dieser Welt glücklich zu machen, aber in der andern“.

Im Leben von Bruder Zuppiger, der in Erinnerung an seine Tessiner Zeit auch gerne Carlo genannt wurde, gab es schwere Stunden, aber auch viele schöne und glückliche Zeiten. Seine tiefste Freude gründete in einer grossen Dankbarkeit gegenüber Gott und den Menschen. „Sein Glaube hat sich bewährt und als wertvoller erwiesen als Gold, das im Feuer geprüft wurde“. Darum hoffen und beten wir, dass der Herr jetzt auch zu Karl die Worte spricht:„Du guter und treuer Knecht! Komm herein zum Freudenfest deines Herrn!“ Amen.

Werner Grätzer SJ, Basel

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