Max Zürny

Für die meisten von uns kam die Nachricht vom Tod unseres lieben P. Max Zürny unerwartet. Wir wussten zwar um seine angeschlagene Gesundheit. Seit seiner Nierenoperation in der Neunzigerjahren, vor allem aber seitdem seine ihm noch verbleibende Niere ihren Dienst nicht mehr leisten konnte und er sich der Dialyse unterziehen musste, war uns klar, dass Max sich schonen musste und dass die ihm geschenkte Zeit begrenzt war - wie sie das ja für uns alle auch ist - nur, dass wir uns dessen nicht immer so deutlich bewusst sind.

Jetzt hat uns sein Tod doch ziemlich überrascht und den wenigsten von uns war es vergönnt, Abschied zu nehmen. Max ist von uns gegangen. Er, der doch noch gerne gelebt hätte. Denn er wusste sowohl in gesunden als auch in kranken Tagen, sich des Lebens zu erfreuen. Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen - das wissen wir zwar, aber im Grunde rechnen wir nicht damit. Max hat in den letzten Tagen gespürt, dass es wohl zu Ende gehen würde. Er war darauf gefasst.

Die Stationen seines Lebens führen uns zuerst nach Winterthur, wo er am 30. Juli 1935 als ältestes von drei Kindern geboren wurde. Seine Schwester Adelheid und sein Bruder Hans sind einige Jahre jünger. Seine Jugendzeit verbrachte Max im aargauischen Baden.

Von 1956-1959 arbeitete er als Lehrer im Fricktal, nachdem er im Lehrerseminar Wettingen sein Diplom erworben hatte. Dann trat er in die Gesellschaft Jesu ein. Nach dem zweijährigen Noviziat in Fribourg absolvierte Max die ordensüblichen Studien: Philosophie in Pullach bei München und Theologie in Lyon und Innsbruck. Dazwischen machte er in unserem Kolleg Stella Matutina in Feldkirch ein Praktikum. 1969 wurde Max von Bischof Anton Hänggi zum Priester geweiht. Seine Oberen schickten ihn als Lehrer und Erzieher wiederum nach Feldkirch, wo er bis 1976 wirkte. Dann war er Vikar, hier in der St. Marienpfarrei in Basel. Von 1981 bis 1991 betreute Max die deutschsprachigen Pfarrei St. Boniface in Genf und war verantwortlich für das dortige Wohnheim für Studierende. Genf war wohl der Höhepunkt seines Wirkens. Er war gerne dort. Doch nach zehn Jahren Welschland kehrte Max wieder in die Basler Gegend zurück und wurde Pfarrer der Pfarrei St. Franziskus in Riehen. Schliesslich übernahm er nach einer Sabbatzeit in Wien und in Irland, 1999 die priesterlichen Dienste in der Basler Studentenseelsorge. 2001 wurde er Pfarradministrator in Bettwil hoch über dem Hallwilersee. Er gehörte weiterhin der Basler Kommunität an und hat vor vierzehn Tagen noch an deren Kommunitätsausflug teilgenommen.

Auch wenn Max Zürny immer wieder auf Einzelposten wirkte, blieb er doch stets mit der Jesuitengemeinschaft verbunden. Er war der erste und bis jetzt einzige Schweizer Jesuit, der als Feldprediger seinen Dienst tat. Und das konnte er denn auch: Predigen. Das lag ihm und er hat einige seiner Weihnachts- und Karwochen-Predigten, die er hier in St. Marien, dort drüben auf der Kanzel gehalten hat, auch veröffentlicht.

Seine Stärke - und vielleicht auch seine Schwäche - war, dass er immer wieder die Nähe der Menschen suchte. Er brauchte die Freundschaft, um sich wohl zu fühlen, und er investierte selbst viel da hinein. Er liebte das Leben, freute sich an einer gemütlichen Tischrunde, Kunst und Kultur hatten ihren Platz - Max hatte eine grosse Bibliothek - und auch das Reisen konnte ihn begeistern. „Ich mache nichts lieber als mich in den Zug zu setzen und durch die Gegend zu fahren“, verriet er mir einmal. Das war für ihn ein Symbol für’s Leben.

Nach seiner Sabbatzeit in Pulkau bei Wien, wo er rumänische Theologiestudenten betreute, fuhr er immer wieder nach Rumänien. Er sah, dass Hilfe nötig war. Er war grosszügig und sensibel. Auch das: Max war verletzlich und konnte sich auch wieder zurückziehen, wenn ihm etwas gegen den Strich ging oder wenn er sich nicht verstanden fühlte. Er brauchte Verständnis und Vertrauen. Und wer bräuchte das nicht?

Das halbe Jahrhundert im Orden und die vierzig Jahre als Priester waren wohl nicht immer leicht. Es gab Höhen und Tiefen. Aber Max ist seiner Berufung treu geblieben. Er wollte Jesuit und Priester sein, kein Kirchenfunktionär, sondern ein Freund der Menschen, ein Verkünder der frohe Botschaft. Er konnte das Leben geniessen und ich habe immer wieder gestaunt darüber, wie er auch schwierige Situationen meistern konnte und sogar den langen Stunden im Krankenhaus, während der Dialyse, noch etwas Positives abgewinnen konnte.

Seine sechs Karwochenpredigten, die er vor dreissig Jahren veröffentlichte, hat Max unter den Titel „Mit Ihm vereint“ gestellt. Im Vorwort schreibt er: Das Thema sei - in Anlehnung an die Vision des Hl. Ignatius von Loyola in La Storta - die „Nachfolge Jesu im Leiden“. Und er bemerkt: Die Predigten wollen nicht mehr sein als sie sind: Hilfe, Trost, Stütze für die, die sie lesen, und - das scheint mir bezeichnend - für den Verfasser selbst. So entdeckt, wer seine Predigten meditiert, einen Max Zürny, den man sonst vielleicht so nicht vermutet hätte.

Und die Weihnachtspredigten zum Thema „Weil Gott uns liebt“ von 1995 schliesst er mit der Bemerkung Friede kann nur gelingen in der Freiheit, die den andern lässt, wie er ist, respektiert, wie er ist.“ Es gäbe noch viel zu sagen: über sein seelsorgliches Engagement bei den Ministranten, bei den Sakristanen usw.

Max Zürny hat seinen Lauf vollendet. Er ist angekommen. Wir aber, wir sind alle noch unterwegs. Und die Frage nach Leben und Sterben der anderen beschäftigt uns. Wir trauern um einen lieben Mitbruder und Freund. Aber wir sind im Glauben auch voller Hoffnung und Zuversicht, dass er, dass sein Leben von Gott angenommen und vollendet wird, dass seine Sehnsucht erfüllt und seine Freude vollkommen sein wird, dass Gott selber ihn erfüllen wird mit seiner unendlichen Güte und Liebe.

Die Frage nach unserem eigenen Leben und Sterben, nach unserem Tod allerdings, betrifft uns existenziell tiefer. Und sie stellt sich immer wieder neu, je älter wir wer-den, auch und gerade angesichts des endgültigen Abschieds eines anderen, eines Mitmenschen. Wie möchte ich gelebt haben, wenn es so weit ist? Die Frage nach der „ars moriendi“, nach der „Kunst des Sterbens“, hat die Menschen immer schon beschäftigt. Sie ist eng verknüpft mit der „Kunst des Lebens“. Darüber hinaus aber stellt sich die Frage nach der Endgültigkeit, nach dem letzten Sinn, nach dem Ziel unserer Existenz. Dass das, was Fragment ist, Vollendung erfährt, dass bei aller Bruchstück-haftigkeit und trotz aller Endlichkeit etwas aufleuchten möge, wovon der Mensch immer schon geträumt hat, verlässliche Endgültigkeit, bleibende Gerettetheit. Wie sollen wir es nennen? Auch ein grosser Theologe wie Karl Rahner kommt hier ins Stottern.

Jesus gebraucht Bilder: Vom ewigen Gastmahl, von Haus der Vaters, ist die Rede: Es sind Bilder, die einen Bezug haben zur Gemeinschaft und zur Freude. Und die letzte Seite der Bibel spricht davon, dass Gott alle Tränen abwischen werde und vom neuen Jerusalem, ja von einem neuen Himmel und einer neuen Erde. Es ist die Schöpfermacht Gottes, die das vermag, die schöpferische Liebe Gottes, die stärker ist als der Tod. Wir nennen es „Auferstehung“. Sie hat an Ostern mit Jesus begonnen. Sie gilt auch uns. Das ist unser Glaube und unsere Hoffnung. Unser lieber Max Zürny hat an den Auferstandenen geglaubt und hat sich in den Dienst seiner Verkündigung gestellt. Wir danken ihm. Amen.

P. Hansruedi Kleiber SJ

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