Paul Erbrich (1928 -2009)

"Ein schwerer Hecht aus dem Bodensee schwimmt in unsere Gewässer. Betet, dass er anbeisst." So empfahl uns der Novizenmeister P: Josef Stierli den Maturanten aus der Kantonsschule St. Gallen ins Gebet. Und tatsächlich kam er im Herbst 1947 ins Noviziat nach Rue zusammen mit sechs weiteren Kandidaten.

Der Herkunft nach stammte er aus Rorschach am Bodensee, wo die sechsköpfige Familie in einfachen Verhältnissen lebte. Später sagte er lachend von sich, er sei eine Mischung aus böhmischen Zigeunern und innerschweizerischen Klosterräubern. Damit spielte er auf die sudentendeutsche Abstammung des Vaters, eines Bäckers, und das schwyzerische Blut seiner Mutter an. Von zuhause brachte er sicher Disziplin, Fleiss und Schaffensfreude, Geradheit und Zielstrebigkeit mit und dazu eine nüchterne, schlichte Frömmigkeit.

Das Noviziat unter P. Stierli gab ihm viel und ebenso die Philosophie in Pullach. Im Interstiz in Feldkirch wurde er gleich in die Schule eingespannt und lehrte in unteren Klassen Mathematik und Biologie. Hier zeigte er seine Begabung und sein Interesse, sodass ihn die Oberen gleich nach einem Jahr in die Theologie schickten, damit er nach der Ordensausbildung bald sein Spezialstudium beginnen könne. Die Theologie absolvierte er bei den Franzosen in Enghien (Belgien). Doch gleich nach der Beendigung musste er im Schuljahr 1957/58 nochmals in Feldkirch unterrichten. Nach dem Terziat in England begann er im Herbst 1959 an der Universität Wien das Studium in Naturgeschichte und Philosophie, das er anfangs 1965, wie vorgesehen, mit dem Doktorat in Naturwissenschaften sehr gut abschloss.

Schon im Schuljahr 1965/66 unterrichtete er in der Stella Matutina Naturgeschichte (Biologie), Chemie und Philosophie. "Seine Spezialität war der Naturgeschichte-Unterricht", erinnert sich einer seiner talentiertesten Schüler, Dipl. Ing. Dr. Reinhard Schellner. "Vom Einzeller zum Menschen erschloss sich die Vielfalt des Lebens. Mit seiner Erzählkunst gelang es ihm, die Schüler in den Bann zu ziehen... Wir lernten die Wunder der Natur aktiv zu beobachten und zu beschreiben. Den "Binz-Becherer" in der Hand, erkundeten wir auf eigene Faust die Pflanzenwelt. (Jesuitenmission Zürich, Herbst 2009, p. 14) P. Erbrich lehrte immer aus einer grossen Fülle. Bei aller Gründlichkeit und Genauigkeit blieb er nie am Kleinen hängen. Durch die ständige Lektüre wissenschaftlicher Zeitschriften suchte er immer auf der Höhe der Wissenschaft und der aktuellen Probleme zu sein. Lange bevor Ökologie in der Schule zum Pflichtstoff wurde und gleich nach dem gründlichen Studium der "Grenzen des Wachstums" des Club of Rome, brachte er uns die Notwendigkeit des verantwortungsvollen Umgangs mit den Ressourcen unserer Welt eindringlich nahe", schreibt Dr. Schellner. "Sein Unterricht über die moderne Molekularbiologie war der absolute Höhepunkt für mich. Die damals sehr neue biologische Disziplin, sowie ihr Bezug zu Philosophie und Theologie wurden uns Schülern verständlich, aber nicht simplifiziert näher gebracht. Ist alles Leben nur Chemie? Bestimmt alleine Zufall und Notwendigkeit, was das Leben, der Mensch ist und sein kann? Lange bevor Paul Erbrich von Papst Benedikt XVI. zur Diskussion nach Castelgandolfo über das Thema "Schöpfung und Evolution" eingeladen wurde, durften wir Schüler bereits seine scharfsinnigen Überlegungen zu diesem Weltbild prägenden Thema hören."

Der Schulunterricht - bis zu 24 Stunden pro Woche - war das tägliche Pensum von P. Erbrich bis zur Aufhebung der Stella 1979. Aushilfsweise wurde er zwischendurch auch ins Bundesgymnasium und in die Pädagogische Akademie in Feldkirch geholt. Dazu kamen immer wieder Vorträge über aktuelle naturwissenschaftliche Themen in Österreich, Deutschland und in der Schweiz. Mindestens dreimal flog er für eine Forschungsarbeit an die UNI Sinos in Sâo Leopoldo (Brasilien) und hielt dort auch Vorlesungen. P. Erbrich erfüllte die Vorstellung, die der hochgeschätzte frühere Direktor der Stella, P. Justin Leibenguth, von einem Jesuitenlehrer hatte; denn er liess seine ganze jesuitische Ausbildung in seinen Unterricht einfliessen.

Er war ganz Naturwissenschafter und hatte für schöne Literatur keine Zeit. Als ihn einmal ein Schüler im Unterricht fragte, ob er auch Gedichte lese, antwortete er ihm: "Sicher, sogar Gedichte von höchstem Niveau. Ich lese jeden Tag Psalmen im Brevier." In seinem Studium, das ihn ganz forderte, pflegte er in einer Wiener Kirche, die von Akademikern besucht wurde, jeden Sonntag die Messe zu feiern und zu predigen. Dabei nahm er nicht die eben fälligen liturgischen Texte, sondern predigte ein ganzes biblisches Buch durch, z. B. den 1. Korintherbrief. Auch in der Stella stellte er sich für die Sonntagsgottesdienste gerne zur Verfügung, und seine Predigten waren bei den Schülern immer geschätzt.

Trotz der hohen Achtung, die P. Erbrich bei allen genoss, blieb er immer bescheiden, zu bescheiden, meine ich. Er war sehr kritisch sich selber gegenüber. Jede Aufgabe, die ihm gestellt wurde, nahm er deshalb sehr ernst, und er setzte viel Energie dafür ein. Die Arbeit beanspruchte ihn ganz, öfters bis tief in die Nacht hinein. Manchmal ging er einem auf die Nerven, wenn er allzu pessimistisch in die Zukunft schaute und das auch verkündete. Doch mir bleiben unvergessen die lustigen Runden bei einem Glas Tokayer. Dann waren wir selber Geniesser seines Erzähltalentes. Immer wieder spürten wir sein gutes Herz, wenn es galt zu helfen oder einen Dienst zu leisten. Gerne hätte ich noch die Vollendung seiner "Summe", die er plante, erlebt; aber Gott hat es anders gewollt. Er ruhe in Gottes Frieden.

Eugen Frei SJ, Basel

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