Zum Leben des Mystik-Spezialisten und Filmfachmannes Fridolin Marxer SJ

Auf den ersten Blick wirkte er schüchtern und linkisch, ja beinahe verschroben. Wer ihn jedoch näher kennenlernen durfte, staunte, wie sicher und kundig sich der herzliche Mann in Welten von enormer geistiger Weite bewegte. Leise und teilweise unkonventionell hat Fridolin Marxer, der einzige Jesuit, der in den letzten Jahrzehnten aus dem Fürstentum Liechtenstein stammte, und im März 2009 im Alter von 84 Jahren verstarb, in Basel vor allem mit seiner Filmarbeit Generationen von Gymnasiasten mitgeprägt.

In Mauren 1925 geboren, trat er 21-jährig in die Gesellschaft Jesu ein. Nachdem er seine philosophische und theologische Ausbildung in Rom mit der Doktorarbeit abgeschlossen hatte, begann er 1961 in Basel seine Seelsorgetätigkeit. Ab 1966 leitete er dort das Kino "Borromäum". Daneben unterrichtete an Gymnasien Religion und Philosophie, predigte und befasste sich mit Fragen im Bereich "Naturwissenschaft und Mystik".

Marxers erstes Interesse galt den christlichen Zugängen zum Ewigen. In seiner Dissertation widmete er sich einem der filigransten Bereiche christlicher Spiritualiät: den inneren geistlichen Sinnen. Später verfasste er weitere Bücher zur Mystik. Gleichzeitig interessierte ihn das aktuelle geistige Geschehen. Zunächst spiegelte sich dieses für ihn vor allem in Theateraufführungen. Doch mehr und mehr zog es ihn ins Kino zur scheinbar oberflächlichen Filmkunst. Abbé Joye hatte in Basel die Tradition der Jesuiten, welche sich intensiv mit Filmen auseinandersetzten, begründet. Marxer setzte sie nun fort und fand in den Bildern, welche die grossen Autoren-Filmer von der Welt lieferten, ein neues Zuhause.

Mit Gymnasiasten entwarf er Film-Zyklen. Vor der Präsentation eines Filmes führte er jeweils in die spirituelle Dimension des folgenden Werkes ein. Vor allem die italienischen Werke von Michelangelo Antonioni, Federico Fellini und Lucino Visconti waren für ihn grosse Kunst. In ihren Bilderfolgen sah er Tiefenschichten menschlicher Existenz visualisiert. Ihre Geschichten waren, so Marxer, aus dem Leben gegriffen und gleichzeitig überhöht. Die Wirklichkeit mystisch verklärend, erzählten sie, wie das Leben neu gesehen werden konnte. Besonders gerne zeigte Marxer auch Streifen von Ingmar Bergman oder Luis Buñuel. Dort, in den Meditationen "dieser sogenannten Atheisten" (wie Marxer sie nannte) und nicht bei Mel Gibsons bluttriefender Verfilmung von Jesu Kreuzigung, geschah für ihn redliche Annäherung an fundamentale Wahrheiten des Glaubens.
Auch "Hollywood-Schinken" konnte er schätzen. Auch in ihnen sah er spirituelle Themen lebendig und allgemeinverständlich dargestellt. Gerade darum würdigte er sie als Ergänzung und nicht als Konkurrenz zur kirchlichen Verkündigung.

Vielleicht wird die Kirchengeschichte die Jahrzehnte nach dem 2. Vatikanischen Konzil dereinst auch als Epoche charakterisieren, in welcher sich tief humane Seelsorger darin aufrieben, den nachfolgenden Generationen die christlichen Mysterien neu zu erschliessen. Marxer könnte dann als typischer Vertreter solcher Seelsorger-Persönlichkeiten gelten. In den Augen von Statistikern, welche bloss darauf achten, wie viele brave Kirchenschäfchen ein katholischer Hirte gehütet, geformt oder sogar produziert hat, mag er brutal gescheitert sein. Doch zum Aufleuchten eines gescheiten, dialogfähigen und menschenfreundlichen Katholizismus hat er Wesentliches beigetragen.

Franz-Xaver Hiestand SJ

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