Geschichte, umgedeutet für die Partei – Von Mike Bacher

Philipp Anton von Segesser
Philipp Anton von Segesser

 

Gemäss Nationalrat Christoph Blocher geniesst die heutige Jugend keinen richtigen Geschichtsunterricht mehr. Um diesem Übelstand abzuhelfen, hat er vor einigen Jahren diese Aufgabe übernommen, indem er regelmässig eine „Würdigung grosser Schweizer Persönlichkeiten“ vornimmt. Am vergangenen Donnerstag waren nun drei bedeutende Zentralschweizer Persönlichkeiten (Niklaus von Flüe, Philipp Anton von Segesser und Robert Zünd) an der Reihe.

Gegen Geschichtsunterricht lässt sich wenig einwenden. Problematisch wird die Lektion aber, wenn nicht mehr die Geschichte und ihre handelnden Akteure im Vordergrund stehen, sondern die historischen Persönlichkeiten zur eigenen Profilierung verwendet werden. Ein Umstand, der anlässlich der Veranstaltung unschwer zu erkennen war. Die historischen Protagonisten – ihres zeitgenössischen Umfelds beraubt und dem Sinn ihrer Worte entkleidet – waren bloss noch Staffage für fremde Zwecke.

Besonders zeigte sich dies bei der Behandlung Philipp Anton von Segessers. Hier wies die „Würdigung“ das nämliche Problem auf, wie der lange in der Schweiz praktizierte Geschichtsunterricht: die einseitige Perspektive. Aussagen wie „1848 war die Zeit, als die Schweiz das Heft wieder selber in die Hand nahm“ dienten lange dazu, jegliche Kritik am Bundesstaat als reaktionär und fortschrittsfeindlich zu verurteilen.

Tatsächlich schienen die Ausführungen geradezu liberal-radikalen Pamphleten jener Zeit entsprungen zu sein. Komplexe Entwicklungen wurden übersprungen, rechtliche Zustände erst gar nicht erwähnt; und für den Sonderbundkrieg kann es natürlich nur einen Hauptgrund gegeben haben – die Jesuiten. Denn diese seien „eine ganz militante Gesellschaft gewesen“, welche „der Luzerner Regierung geraten haben, fremde Hilfe aus dem Ausland ins Land zu holen!“ Obschon sämtliche dieser Aspekte noch im 19. Jh. als falsch widerlegt wurden und nur noch in kulturkämpferischen Parolen ihr Dasein fristeten, hält dies Christoph Blocher im 21. Jh. nicht davon ab, sie unreflektiert als historische Wahrheit zu verkaufen. Mit markigen Sprüchen à la „Jesuiten wollen den Staat nach ihrer Art unterbringen und das Volk soll nichts mehr dazu zu sagen haben“ wird Blocher weder der Geschichte des Sonderbundes noch der Gründung des Bundesstaates gerecht. Segesser war weder Jesuitenfreund noch deren Feind, sondern mahnender Anführer der Integration der Katholiken in den neuen Bundesstaat. Dies trotz jahrzehntelangen Anfeindungen und Angriffen der Sieger des Sonderbundkrieges – von Blocher beschönigend als „sehr humaner Umgang mit den Unterlegenen“ bezeichnet.

Es kann nicht bezweifelt werden, dass die Auseinandersetzung mit der Geschichte und ihren Akteuren nicht nur die Selbstidentifikation eines Volkes stärkt, sondern auch für die heutige Politik ein Mehrwert bringen kann. Ob dies allerdings gelingt, indem ein undifferenziertes und politisch vereinnahmendes Geschichtsbild weitergetragen wird, darf bezweifelt werden.

Mike Bacher ist Assistent am Lehrstuhl für Rechts- und Staatsphilosophie an der Universität Luzern und Mitautor einer Studie über Philipp Anton von Segesser (2013).

Hier veröffentlicht mit Genehmigung des Verfassers, erschienen in der Basler Zeitung vom 6. Januar 2014, S. 6.

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