Ringen mit Gott im christlichen Heilsdrama: Vortrag über Raymund Schwagers Werk

Hochaktuell bleibt das Schaffen des 2004 verstorbenen Schweizer Jesuiten Raymund Schwager. Nun erscheint der achte und letzte Band seines Gesamtwerks. Anlass für die Jesuitenbibliothek, am Donnerstag, 25. Oktober zu einem Vortrag von Prof. Josef Nieviadomski aus Innsbruck* einzuladen, profunder Kenner von Schwagers Werk (20 Uhr, aki, Hirschengraben 86 Zürich, Eintritt frei, Kollekte).

Raymund Schwager SJ wusste: Das Leben ist nicht nur ein Zuckerschlecken. Vielmehr arbeitete er in intensiver Lektüre der Bibel ein dramatisches Welt- und Geschichtsverständnis heraus. Nicht die Tragödie – im Alten Griechenland dargestellt und geprägt vom Schicksal und Kampf mit den Göttern – bestimme letztlich das menschliche Leben. Vielmehr zeige die Bibel das Leben von Menschen und Völkern als dramatisches Geschehen. Es ist gezeichnet von Rivalität und vom Ringen mit Gott, der den Menschen gerade in diesem Drama über sich hinausführe. Dabei wächst der Mensch, überwindet Entfremdung, wird freier und erlöster. Dieses Heilsdrama offenbare sich grundsätzlich und paradigmatisch im Leben Jesu.

Verbindung mit Religionsphilosoph René Girard

Es ist ein Glücksfall, dass Schwager als Theologe schon in den 1970er-Jahren auf René Girard (1923–2015) stiess, den französischen Kulturwissenschafter, Ethnologen und Religionsphilosophen. Girard analysiert das Begehren als eine Kraft, die Menschen in andauernder Nachahmung, Rivalität und Gewaltbereitschaft sein lässt. Damit hat er nicht nur die Gewaltdramatik, die dem Leben zu Grunde liegt, psychoanalytisch erfasst. Er entlarvt auch die Mythen und Opferriten der Religionen als rituelle Verarbeitung von Rivalität und Gewalt. Er entdeckte, dass das Heilige und die Gewalt zusammen gehören, erlag aber nicht der naiven Beschuldigung, Religionen würden zu Gewalt neigen. Girard zeigte jedoch, dass der Mensch in der Religion seine Gewalttätigkeit verschleiert.

Es ist die geniale Arbeit von Schwager, dass er Girards Sichtweise mit seiner dramatischen Theologie verbunden hat: Jesus wurde zum Sündenbock und Opfer von menschlichem Begehren nach Selbstbehauptung und Macht. Doch er unterläuft und verwandelt durch seine Hingabe am Kreuz den alles bestimmenden Selbstbehauptungs- und Gewaltmechanismus der Menschen. So kann in seiner Nachfolge eine Gemeinschaft von Christen entstehen, die diese Hingabe in Taufe und Eucharistie stets neu vergegenwärtigt. Dabei wird die dramatische Geschichte der Menschen Millimeter um Millimeter in eine Heilsgeschichte gewandelt, wenn sich die Menschen denn vom Geist Jesu führen lassen.
Christian Rutishauser SJ

 

* Jozef Niewiadomski: Der Schweizer Jesuit Raymund Schwager wurde 1977 Professor für Dogmatische und Ökumenische Theologie an der Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck. Einer seiner ersten Doktoranden war Josef Niewiadomski. Der katholische Theologe aus Polen ist heute Professor für Dogmatik an der Universität Innsbruck.

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