Die Leuchtspur von Weihnachten

 


Hinter vielen Festen liegt eine Erzählung, hinter dem Weihnachtsfest eine besonders wundervolle - und besonders skandalöse. Gott, der Anfang und Ende ist, Gott der Unaussprechliche, der unendlich Andere, ist in einem wimmernden Wesen, im Juden Jesus von Nazareth, Mensch geworden.
Im Lukas-Evangelium sagt es der Engel den Hirten so: „Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Messias, der Herr. Und das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt.“ Diese Sätze fassen das Wunder und den Skandal in Worte. Mit ihnen leuchtete vor 2000 Jahren in unserer Welt eine Spur auf, die sich nicht mehr verwischen lässt. Was heisst das?

Zwar hat es die Kirche schon oft herausgearbeitet, und doch wird es immer wieder vernachlässigt: die Hirten zählten damals zu den Aussenseitern. Gerade sie aber werden als erste von der Botschaft in Kenntnis gesetzt, dass ein Retter gekommen sei. Nicht nur kommt also Gott, der bisher Unfassbare, majestätisch Erhabene, den Menschen in einem noch blutenden, nackten Säugling nahe, nicht nur sagt Gott so: „Ich liebe dich, du Welt, du Mensch“, sondern dieses Wunder, dieser Skandal wird zuerst ausgerechnet einigen verachteten Leuten anvertraut. Auf all dies verweist die Leuchtspur.
In der bis zu jenem Zeitpunkt grausamen und unbarmherzigen Antike finden sich einige Unterprivilegierte plötzlich auf Augenhöhe mit dem wimmernden Sohn Gottes. Seither sind die Armen und Machtlosen in ihrer Würde anerkannt. In der Geburt Jesu hat der Gedanke, dass alle Menschen gleich und Geschwister sind, sein Fundament, auch wenn er erst viel später Karriere machen wird. In der Krippe beginnt die Leuchtspur der Aufklärung, der heutigen Menschenrechte.
Heute kann sich jeder von ihr beleuchten und wärmen lassen, gerade auch die Verliererinnen und die Wehrlosen. Sie, wir alle dürfen erfassen, dass der damals geborene Retter und Messias auch unser Bruder, auch unser Retter ist. Der mit uns neu beginnt und auch die Nacht unserer Finsternis und Hoffnungslosigkeit heller macht.

Mit der Geburt von Jesus aus Nazareth entstand aus dem schieren Nichts eine Bewegung unvergleichlicher geistiger Kraft. Sie hat Frieden gestiftet und Kriege geführt, die Gedanken beflügelt und unterjocht. Das Christentum war schwach, wenn es stark, und stark, wenn es schwach war. Es hat unsere Kultur geprägt, hat Waffen gesegnet und sich vor dem Markt verneigt. Es hat aber auch hinter die Kulissen des Erfolgs geleuchtet, den Hässlichen eine Stimme verliehen und Barmherzigkeit glaubwürdig gelebt. Jeder Christbaum, jeder Adventskranz und jede Weihnachtsdekoration, mögen sie noch so kitschig oder pompös wirken, erzählen von dieser Leuchtspur, die damals aufschien.

Franz-Xaver Hiestand SJ

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