Ostermeditation: Was ist Religion? Was ist eine gute Religion? Welches ist die richtige? Gibt es nur eine?

Christian M. Rutishauser SJ

I. Religion und Glaube

Was ist Religion? Das, was mit Gott zu tun hat? Doch die alten Ägypter, Griechen und Römer hatten mit Göttern zu tun.
Was ist Religion? Lateinisch religio - Rückbindung, religare - zurückbinden an den Ursprung. Die Frage stellen, woher wir kommen und wohin wir gehen?
Was ist Religion? Lebenshilfe, Orientierung an letzten Werten, Deutung der Welt? Antwort auf die grundlegenden Fragen des Menschen?
Was ist Religion? Umgang mit Mächten und Kräften, Suche nach Ermächtigung in den Ohnmachtserfahrungen der Welt? Überwältigt werden.

Immer wieder sind Propheten aufgetreten, Priester haben Opfer dargebracht. Prediger und Künder, Nonnen und Mönchen, Schamanen und Heiler bevölkern den Erdkreis seit je. Viele Religionen hat die Menschheit hervorgebracht. Götter wurden geschaffen und Gott wurde behauptet. Zahlreich sind die Riten und Gebete, die Meditationswege und Pilgerfahrten. Tempel und Kirchen, Pilgerstätten und Pagoden, Klöster und Moscheen, Synagogen und Kapellen wurden gebaut. Philosophien und Lehrgebäude wurden errichtet, um diese und die jenseitige Welt zu verstehen. Unzählige Regeln und Gesetzte wurden aufgestellt, um dem Menschen den Weg zum Heil zu weisen; oft führten sie auch ins Unheil. Mystische Erlebnisse habe Menschen verändert. Charismatiker ziehen immer wieder viele Menschen an.
Was ist Religion? Was ist eine gute Religion? Welches ist die richtige Religion? Gibt es nur eine? Gibt es viele? 
Und was ist Atheismus? Was bedeutet es, für und in einer säkularen Gesellschaft zu leben? Auch die säkulare Welt hat Werte, auch sie hat ihre Philosophie. Auch der säkulare Mensch deutet und vollzieht sein Leben in Riten: Nationalfeiertage, Thementage von der UNO ausgerufen, Zeremonien in Politik und Wirtschaft, beeindruckende Liturgien im Sportstadion. Was ist das gute Leben? Welches ist die richtige Lebensweise jenseits organisierter Religion?

  • «Was kein Auge gesehen und was kein Ohr gehört hat, was keinem Menschen in den Sinn gekommen ist, das hat Gott denen bereitet, die ihn lieben.»

  • Gott, dessen Name nicht aussprechbar ist und von dem sich niemand ein Bild machen kann, er hat auf den Aufschrei der Leidenden gehört.

Mögen säkulare Menschen, wie auch Anhänger von Religionen nach letzten Werten und Antworten suchen. Mögen Sie mit ihren Religionen Orientierung finden und sich an das Unsagbare herantasten. Unableitbar und unerwartet, jenseits aller Religionen und gleichsam durch alle Religionen hindurch,kommt Gott auf den Menschen zu. Er erwidert den Liebenden seine Liebe und führt die Leidenden zu Freiheit und Heil. Wer sich auf Gott einlässt, jenseits aller Religionen und durch alle Religionen hindurch, der glaubt. Glaube ist das grosse Wunder. «Glauben heisst festmachen in dem, was man nicht sieht.» Glauben heisst hören auf eine Stimme, die nicht spricht. Glaube, das grosse Paradox, das Religionen nicht einfangen können. Wohl dem, der glauben kann. Wohl der, die das Geschenk des Glaubens empfängt.

II. Exodus, Pessach und Abendmahl

Nicht in den Tempeln von Ägypten zeigt sich Gott. Pyramiden und goldenen Mumiensärge beeindrucken ihn nicht. Er hört auf den Schrei der Israeliten. Er wendet sich den ausgebeuteten Sklavenarbeitern zu. Ein Riss geht durch die Welt, und Gottes Herz ist aufgerissen. Er ist barmherzig und gnädig, langmütig und reich an Huld und Gnade. Der Pharao soll sich bekehren, Arbeitsrechte geben, mit der Unterdrückung aufhören, die Israeliten ziehen lassen. Er will nicht, ist unfähig sich anzupassen, umzukehren, sich zu verändern. Plage über Plage kommt über Ägypten, damit der Pharao aufgerüttelt werde. Doch weder Blut im Nil noch Heuschrecken auf den Feldern, weder Hagel vom Himmel noch Blitz und Donner können den Pharao umstimmen. Nicht rachsüchtig ist Gott. Barmherzig ist er. Gott will die Sklaven retten. Es bleibt ihm nur noch eins: die Erstgeburt der Ägypter selbst zu töten. Wohin musste sich der gnädige Gott führen lassen! Es wird paradox. Ein blutiges Geschehen: Die Ägypten verlieren ihre Söhne und Töchter. Der Pharao reitet mit hoch erhobenem Arm, mit Ross und Wagen, Armee und Polizei in den Abgrund des Meeres. Gott aber führt die Israeliten heraus aus dem Sklavenhaus. Gott will die Freiheit, denn nur da ist Gerechtigkeit und Liebe möglich.
Pessach, das Fest der Juden. Jedes Jahr wird der Auszug aus Leid und Unterdrückung gefeiert. Exodus in die Freiheit, Exodus in die Erlösung ist immer neu zu leben und zu feiern. Bei jedem Frühlingsvollmond am 14. Nisan sitzen die Juden zusammen, erinnern sich, erzählen die Geschichte neu. «Was unterscheidet diese Nacht von allen anderen Nächten?» Ja, der Unsichtbare, von dem sich niemand ein Bild machen kann, er führt in die Freiheit. Er schenkt mit seinem Gesetz eine neue Ordnung, eine Ordnung der Gerechtigkeit. Jedes Jahr wird ungesäuertes Brot gebrochen, werden die Becher voll Wein getrunken. Gott als König will gelobt sein, der in dieser Nacht aus dem Elend herausgeführt. Er hört den Aufschrei und führt sein Volk ins gelobte Land. Da sollen Milch und Honig fliessen. Er führt sein Volk bis nach Jerusalem, in seine Gegenwart. «Nächstes Jahr in Jerusalem!» Mit diesem Ruf verhallt die erste Festnacht des Pessach.

«Geht voraus in die Stadt», sagt Jesus seinen Jüngern, «und bereitet das Pessachmahl vor.» Jesus will in Mitten seines Volkes, in Jerusalem selbst das Fest der Freiheit feiern. Von äusseren Mächten will Jesus befreien, aber auch von inneren Zwängen, von Sünde und Schuld. Jesus will mit seinen Anhängern ganz nach Gottes Gesetz in gerechter Ordnung leben. Das Reich Gottes soll anbrechen, in dieser Nacht. Im Kreis seiner Vertrauten feiert Jesus. Sie erzählen sich die Geschichte des Exodus. Und Jesus nimmt die ungesäuerten Brote. Und beim Brechen und Verteilen bricht er sich selbst, schenkt sich dahin. Er nimmt einen Becher voll Wein und stösst auf Gottes Taten an, die den Menschen aus den Kräften des Todes befreit; beim Weiterreichen des Bechers gibt er sich selbst dahin. Noch verstehen die Jünger nicht, in welch radikaler Weise nun Pessach gefeiert wird. Sie verstehen es auch tags darauf nicht, als ausgerechnet einer aus ihrem Kreis Jesus dem Hohenpriester übergibt. Als die Römer in schliesslich foltern und kreuzigen, fliehen sie. Die Römer lassen ihre Herrschaft der Ungerechtigkeit mit aller Härte auch Jesus und seine Jünger spüren. Unfreiheit, so paradox ist die Erfahrung der Jünger, wo sie doch Pessach feiern. Erst im Morgengrauen des ersten Tages der Woche gehen ihnen langsam die Augen auf: Der erstgeborene Sohn wurde blutig ermordet. In seiner Hingabe aus Liebe aber wird die Kraft sichtbar, die stärker ist als der Tod. Auferweckung von den Toten, Befreiung von den Fesseln der Ungerechtigkeit und Gewalt. Ein Auferstandener, der ihnen nie einen Vorwurf für ihr Versagen macht. Allein: «Friede sei mit Euch!» «Fürchtet euch nicht.»
Osterfest. «Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat. Was keinem Menschen in den Sinn gekommen ist, das hat Gott denen bereitet, die ihn lieben.»

III. Juden und Christen

«Die Herrlichkeit Gottes ist auf dem Antlitz Jesu Christi erschienen», schreibt Paulus. Und Christus ist gemäss dem Johannesevangelium das Paschalamm. Nicht nur den Schrei der Israeliten von einst und der Juden von heute, der Schrei von allen Menschen, die leiden und unfrei sind, wird von Gott erhört. Glaubt wie die Juden, ruft Paulus, ohne dass ihr Juden werden müsstet. Schliesst euch ihrem Messias an, der nicht nur äussere, sondern auch innere Unfreiheit überwindet, sagt er. Christus Jesus bringt umfassendes Heil, Schalom. - So entsteht langsam christlicher Glaube, das Christentum. Das Christentum ist ein Judentum für Nicht-Juden. «Verlasst eure Religionen und wendet euch dem Gott des Juden Jesu zu», hallt es nun durch die Weltgeschichte. Findet in euren Religionen und jenseits aller Religion und in aller säkularen Gesellschaft den Gott, dessen Name nicht aussprechbar ist und von dem man kein Bild machen kann. Allein der Aufschrei der Leidenden, im Gekreuzigten vor Augen geführt, und allein Freiheit und grössere Gerechtigkeit soll auch leiten. «Sucht zuerst Gottes Herrschaft und alles weitere wird Euch dazu geschenkt», spricht Jesus im Matthäusevangelium.
Seither stehen jüdischer Glaube und christlicher Glaube Seite an Seite. Schulter an Schulter sind Juden und Christen ausgerichtet. Beide sind auf dem Weg eines umfassenden Exodus. Sie lassen Ungerechtigkeit und Gewalt, Ausbeutung und Sünde, Todeskräfte und Unwahrheit hinter sich. Beide sind auf dem Weg in das gelobte Land. Sie lassen sich von Gottes Taten führen, in die Freiheit und in die Gerechtigkeit, in eine Kultur der Liebe. Mitten in einer Welt voll von Religionen und unterschiedlichsten Weltdeutungen, von Wertediskussionen und Meditationsangeboten, von Ritualen und säkularer Lebensweise scheint der Glaube auf. Er hat Anteil am Raum, der Gott dem Schrei der Leidenden eröffnet. Der Glaube schwingt ein in den Raum, der Gott den Liebenden schafft.
Evagrius Ponticus, ein Theologe aus dem vierten Jahrhundert, sieht Juden und Christen wie die Kundschafter, die ins gelobte Land vorausgegangen sind. Das Buch Numeri in der Hebräischen Bibel berichtet davon, dass sie im Land riesengrosse Früchte gefunden haben. Es fliessen da wirklich Milch und Honig. Eine Traube ist so gross, dass man sie an eine Stange hängen muss. Und die Kundschafter tragen diese Stange auf den Schultern und gehen hintereinander her. So schreiten sie mit der Traube an der Stange zwischen ihnen voran, den Blick ausgerichtet und voll Hoffnung. In der ganzen Welt sind sie Zeugen für die Verheissung, Zeugen für die Vollendung des Exodus im Reich Gottes. Der vordere Kundschafter ist für Evagrius das Judentum. Die Juden schauen nach vorn und haben die Traube im Rücken. Sie können und müssen sie nicht sehen. Der hintere Kundschafter ist für ihn das Christentum. Die Christen schauen auch nach vorne und haben die Traube immer vor Augen. Sie ist gemäss Evagrius Sinnbild für Christus, der sich mit Leib und Blut hingegeben hat.
Wir Christen stehen in der Karwoche. Mit Jesu feiern wird das Abendmahl. Es ist das Pessachmahl, wie er es mit seinen Jüngern gefeiert hat. Seine Hingabe steht im Zentrum und der Weg durch die Wüste ins gelobte Land steht bevor, der Weg des Karfreitags, des Leidens mit den Leidenden. Und es wird Ostern folgen, die Auferstehung von den Toten, Freiheit jenseits aller Kräfte von Ungerechtigkeit und Zwang, von Sünde und Tod. Und die Juden feiern nun am Freitagabend ihr Pessachmahl und eröffnen damit die achttätige Festzeit, die an den Auszug aus der Sklaverei und ihre Todeskräfte erinnert. Alles zum Frühlingsvollmond, weil ein neues Leben entstehen soll, das keine Ungerechtigkeit und keine Leiden mehr kennt, nur Gerechtigkeit und Freiheit, Wahrheit und Liebe.

IV. Schuldbekenntnis

Warum haben wir Christen die Juden immer wieder verachtet?
Warum konnten Glaubensgeschwister nicht in Frieden miteinander leben?
Warum kam es zu Hass und Verfolgung, zu Ungerechtigkeit bis hin zu Mord gerade von Christen an Juden? In den Karwochen brannten die Synagogen. In der Johannespassion werden die Juden pauschal negativ dargestellt.
War nicht Leiden und Aufschrei genug? Ist der Glaube nicht gerade im Namen von Freiheit und Liebe aufgetreten?
Verstehen wir eigentlich unseren Glauben? Was ist Glaube?
Immer wieder sind Christen und Juden zurückgefallen in die Rivalitäten der Menschen. Wie unversöhnte Geschwister haben sie sich gegenseitig bekämpft.
Heiliger Gott, Heiliger, starker Gott, Heiliger, unsterblicher Gott, erbarme dich unser.

Warum haben Christen andere Religionen verachtet und bekämpft?
Warum konnten sie nicht die Wahrheiten, die ihnen aufscheinen, wertschätzen bei allem Wissen um den eigenen Glauben?
Warum wurde im Namen von Gott und im Namen des Glaubens Gewalt ausgeübt?
War nicht schon Aufschrei genug in der Welt, ein Riss, der durch sie ging und nach Heilung verlangte?
Warum kam es zu Rivalität mit dem Islam, zur Verunglimpfung? Warum kann der Glaube der Muslime nicht wertschätzend angenommen werden?
Immer wieder sind Christen angesichts anderer Religionen zurückgefallen in die Rivalitäten der Menschen. Gottes Name wurde missbraucht, in seinem Namen Gewalt ausgeübt.
Heiliger Gott, Heiliger, starker Gott, Heiliger, unsterblicher Gott, erbarme dich unser.

Warum können Christen so schlecht mit der säkularen Welt umgehen? Einmal totale Ablehnung, dann wieder blinde Gefolgschaft?
Warum fällt es so schwierig, einen Standpunkt aus dem Glauben einzunehmen und die anderen trotzdem zu achten?
Warum fehlt der Mut, in der säkularen Gesellschaft für den Glauben einzustehen, ihm Sprache zu geben?
Warum ist die Glaubenssprache zerfallen, nicht mehr verstehbar? Haben wir sie nicht gepflegt, nichts mehr in Glaubensbildung investiert? Ist Glaube zur Folklore verkommen.
Immer wieder sind Christen angesichts der säkularen Welt zurückgefallen in Zweifel, sind hin und hergerissen zwischen Selbstgerechtigkeit und Minderwertigkeitsgefühl. Gott wurde nicht mehr bezeugt.
Heiliger Gott, Heiliger, starker Gott, Heiliger, unsterblicher Gott, erbarme dich unser.

V. Die Botschaft vom Kreuz

Sich auf die Mitte des Glaubens zurückbesinnen, auf Jesu Worte und auf sein Wirken, vor allem aber auf sein Sterben am Kreuz. Jesus lehrt Gottes Willen ungeachtet der rivalisierenden Auslegungen von Gottes Wort durch die religiösen Bewegungen der Schriftgelehrten und Pharisäer, der Sadduzäer und Essener. Jesus lehrt, dass alle Menschen berufen sind, in Freiheit und Gerechtigkeit zu leben. Er setzt sich ein für die Randständigen und Kranken. Auch sie sind berufen. Er fordert die religiöse Elite heraus. Reich Gottes ist seine einzige Devise. Es kann nicht anders sein, als dass Viele sich provozieren lassen! Wahrheit und Gerechtigkeit provoziert immer. So gerät Jesus ins Zentrum der Interessenkonflikte. Sogar seine Jünger, die ihn machtvoll zum Messias machen wollen, stolpern über ihre eigennützigen Interessen. Nicht nur Unrecht und Gewalt, prallt auf Jesus ein. Auch das schrecklich Gutgemeinte, denn das Gegenteil von gut ist nicht böse, sondern gut gemeint. Jesus aber lässt sich nicht beirren. Er bleibt verwurzelt in tiefer Beziehung mit Gott. Er schlägt nicht zurück. Er handelt nicht im Eigeninteresse, nicht im Interesse seiner Bewegung, die er geschaffen hat. Er steigt auf das Spiel der Rivalitäten nicht ein. Er lässt sich nicht zu Machtspielen und Gewalt hinreissen. Er kann sich nur hingeben. Er wird zwischen den Mächten zerrieben. «Wenn das Samenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bringt es keine Frucht», hat er seine Jünger ja immer schon gelehrt. Und er versuchte, ihnen beizubringen: «Der Menschensohn muss viel Leiden.» Jesus weiss schon aus den Psalmen und den Propheten, dass der Gerechte ohne Selbsthingabe und Leid nicht auskommt. So ringt es ich durch, in der Nacht nach dem Pessachmahl, im Garten Getsemani: «Lass diesen Kelch an mir vorübergehen, doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe.» Er bewahrt seine Freiheit. Um der Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit willen, um der Liebe und Freiheit willen sagt er ja zum Leiden und zur Folter am Kreuz. Er wird nicht zurückschlagen. Getsemani ist die entscheidende Stunde. Hier zeigt er seinen freien Willen. Hier schwingt er ein in Gottes Willen. In Getsemani entscheidet er sich.
Und weil Jesus diese gewaltlose Freiheit lebt, wird sein Sterben erlösend sein. In Getsemani schlägt die Stunde der Erlösung. Danach läuft alles ganz rasch ab, wie in einem Film, keine zwölf Stunden und er ist tot. Das Ja zu seiner Sendung in Getsemani trägt durch die Stunden der Folter, durch das Geschehen der Kreuzigung. So kann er sterbend, am Kreuz erhöht, ausrufen: «Es ist vollbraucht.» Die Botschaft vom Kreuz ist die Botschaft der Treue zum Auftrag Gottes. Die Treue zu einem Leben, das sich ganz von Gerechtigkeit und Freiheit, von Wahrhaftigkeit und Liebe prägen liess. Es bewährt sich unter den widrigsten Umständen. Jedes Ego ist überwunden, jede Selbstbezogenheit, jeder Narzissmus. Weil sich Jesus nicht auf die Machtspiele der Mitmenschen, nicht auf die Rivalitäten der Gruppen, nicht auf die Eigeninteressen der Menschen – und mögen diese noch so edel sein –eingelassen hat, darum kann das Kreuz erlösen. Was mit dem Exodus aus dem Sklavenhaus in Ägypten begonnen hat, vollendet sich vor den Toren der Stadt Jerusalem. Ein Leben in einer reinen Kultur der Hingabe und Liebe. Doch jede Gesellschaft ist auf Opfer gebaut. Jemand muss den Preis für friedliches Zusammenleben bezahlen. Normalerweise sind es die Ausgebeuteten und Armen, die Verachteten und Ausgestossenen. Bedenken Sie: jede Gesellschaft hat eine Leiche im Keller, nicht nur das alte Ägypten. Weil Jesus darum weiss, bezahlt er den Preis gerade selbst: Selbsthingabe und Tod am Kreuz. Für das neue Gottesvolk, das entstehen soll, hat Jesus den Preis bezahlt. Die Kirche ist vom Geiste her gesehen die einzige Gemeinschaft, die keine fremde Leiche im Keller hat, weil der Leichnam Jesu daliegt. Ach, hätte doch auch die Kirche heute, wie wir sie real existierend kennen, keine Leiche im Keller! Gott Jesu Christi, erbarme dich unser!

VI. Das Evangelium der Auferstehung

Sich auf die Mitte des Glaubens zurückbesinnen, auf Jesu Worte und auf sein Wirken, vor allem aber auf seine Auferweckung durch Gott. «La resurrection est une affaire de la justice», rief uns Studenten einst Prof. Leon Dufour entgegen. «Die Auferstehung ist eine Angelegenheit der Gerechtigkeit.» Gott lässt den Gerechten nicht im Stich. Die Machtinteressen und Rivialitäten, die Ungerechtigkeit und die Gewalt haben nicht das letzte Wort. Sie dürfen nicht das letzte Wort haben. Gott erweckt die Opfer der Gewalt. Hat Gott schon aus dem Nichts das Universum erschaffen, wie leicht ist es für ihn, aus dem Tod den Gerechten zum Leben zu erwecken. Aus Liebe hat er das Universum geschaffen. Seine Liebe ist stärker als der Tod. Nur die Gerechtigkeit und Liebe, die Freiheit sind stärker als der Tod. «Der Gerechte wird leben», heisst es in den Psalmen. Christus ist der Gerechte. Er ist zu Gott erhöht. Aus ihm strömt der Geist Gottes, das Leben für die Welt. Weil wir Menschen aber alle verstrickt sind in Macht und Eigeninteressen, weil unsere Egos rivalisieren, weil wir alle gewalttätig sind und eine Leiche im Keller haben, sind wir alle sterblich. Doch sofern wir gerecht handeln, wahrlich aus Liebe leben, kann der Tod uns nichts anhaben. Stärker als der Tod aber sind wir nicht aus uns selber, sondern weil wie Teilhaben an der Gerechtigkeit Jesu, an der Wahrhaftigkeit, mit der er gelebt hat. Wir werden auferweckt von den Toten, weil wir an der Hingabe und Liebe Christi teilhaben, in ihm gerecht gemacht sind. «Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir», ruft Paulus aus. Er lebt mit diesem Christus und in diesem Mitsein mit ihm wird ihm das Leben in Fülle zu Teil, Freiheit und Gerechtigkeit.
«Auferstehung ist eine Angelegenheit der Gerechtigkeit.» «Was kein Auge gesehen und was kein Ohr gehört hat, was keinem Menschen in den Sinn gekommen ist, das hat Gott denen bereitet, die ihn lieben.» An Ostern geht es nicht um die Unsterblichkeit der Seele. Es geht beim Frühlingsvollmond nicht wie im November um die Sterblichkeit des Leibes und die Unsterblichkeit der Seele. Über Fragen der Endlichkeit spekulieren die Philosophen. Darüber diskutiert die säkulare Gesellschaft. Die Religionen haben der Sehnsucht nach Unendlichkeit und Unsterblichkeit einen Ausdruck gegeben. Von feinstofflichen Mächten, von Engeln und Seelen wird gesprochen. Was könnte nach dem Sterben weiterleben, was nicht? Was geschieht im Werden und Vergehen der Dinge und der Menschen? All das interessierte schon die Israeliten in Ägypten nicht. Sie hatten keine Zeit zum Philosophieren. Sie waren Sklaven. Sie schrien nur nach Gerechtigkeit und Freiheit. Weltanschauungen und Religionen mögen ihre Antworten versuchen. Alles ist eine Frage der Ethik sagt der Glaube. So machten sich die Juden im Glauben und im Vertrauen an Gott fest, dass Gewalt und Ungerechtigkeit nicht das letzte Wort haben. Das Töten darf nicht siegen. Und an der Folter und am Mord des jungen Juden aus Nazareth, gut 30 Jahre alt, offenbart Gott nochmals diese Wahrheit. Wäre Jesus alt und lebenssatt geworden, mit über 80 Jahren gestorben, Gott hätte an ihm den Primat von Gerechtigkeit und Liebe, von Wahrhaftigkeit und Freiheit nicht zeigen können. Doch der Jude Jesus aus Nazareth hat gelehrt und gewirkt in nur wenigen Jahren. Er ist ein echter Israelit. Er steht in der grossen Heilsgeschichte jenes unsichtbaren Gottes, von dem man kein Bildnis machen kann. Doch dieser Gott, der nicht mit den Göttern zu vergleichen ist, beruft seit Abraham und Sara Menschen zu Gerechtigkeit und Freiheit. Jesus gibt diesen Glauben von Mose, Elija und von den Propheten weiter. Er vertieft ihn. Diesen Jesus hat Gott von den Toten erweckt und zu seiner Rechten erhöht. Er liess ihm Gerechtigkeit widerfahren. In der Ausgiessung seines Geistes, im Leben des Heiligen Geistes stehen wir heute als Christen und Christinnen, als Kirche, an der Seite der Juden. «Erhebt euer Haupt und lebt nach seinem Willen!» Singt an Ostern in überbordender Freude: «Halleluja! Jesus lebt. Halleluja, das Reich Gottes ist nahe.»

 

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