Sommerzeit der Scholastiker: Julien Lambert SJ

Für einen Scholastiker – einen Jesuiten in Ausbildung – ist der Sommer nicht nur die Zeit der Ruhe, der Ferien: Es ist auch die Zeit für Exerzitien und Engagements, die während des Jahres aufgrund akademischer Verpflichtungen nicht möglich sind.
Zurzeit sind fünf junge Schweizer Jesuiten auf dem Weg zu den letzten Gelübden und berichten von ihrem Sommer. Den Auftakt machte Pascal Meyer SJ aus Langnau ZH, den Schluss bestreitet nun Julien Lambert SJ aus Genf: Der 34-Jährige berichtet von seinem Aufenthalt im Südtirol, seinen Wanderexerziten in der Ostschweiz, seinem Engagement bei Flüchtlingen in Calais.

 

Von den Alpen zum Elend von Calais

Oft muss ich im Sommer länger suchen und laufen, um in meiner Heimatstadt Genf eine Werktagsmesse zu finden. Doch kaum bin ich am 21. Juni aus Paris angekommen, spricht ganz Genf vom Papstbesuch und kämpft um wertvolle Tickets für die Messe mit ihm! Es berührt mich, wie viele Menschen, egal ob kirchennah oder -fern, Sympathie empfinden für diesen Papst und für sein  Engagement, das der neue Film von W. Wenders so gut zeigt. Schade, dass dieser Gottesdienst, vom Bistum organisiert, ganz klassisch katholisch wurde, ohne Einklang mit dem brüderlichen Besuch des Papstes beim oekumenischen Weltrat der Kirchen. 

Wie immer ist es schwierig, mich zu erholen bei meinen drei Familien: Angehörige, treue Freundinnen und Freunde sowie Jesuitenmitbrüder. Glücklicherweise treffen sich die drei Gruppen gern. Nicht nur in meinem Herz, auch für Spiele der Fussballweltmeisterschaft oder einem Jazzkonzert meines Gitarristenbruders Nicolas in der Altstadt. Kontemplative, sonnige Vormittage auf dem fast leeren öffentlichen Badestrand am See oder Nachmittage unter den gigantischen Sekoyas der Genfer Parkanlagen lassen sich auch gut verknüpfen mit dem Lesen von feministischer Theologie für meine künftige Diplomarbeit.

Meistens ist das trübe Fenster von Skype unser Begegnungsort. Diesen Sommer aber kann ich mich mit zwei deutschen Mitnovizen im realeren Grenzgebiet Südtirol treffen, mit seinen Kirchen wie Schlagsahnetorten sowie mit seinem italienischem Dolce Vita. Am Abend im halbleeren, barocken  Priesterseminar teilen wir die kleinen Schätze unseres Jahres, ein Gedichtprojekt oder die Suche nach der individuellen Teilnahme der gemeinsamen Mission. Auf einer Wanderung lehrt mich Matthias Blumen und Gräser erkennen, die auch gut zu essen sind. Plötzlich setze ich meine rote Nase auf und führe ihn in die Kunst des Clowns ein: Wir improvisieren knietief in einem Bach stehend, während Wanderer uns unbeteiligt passieren. Zahlreich sind die Weisen, das brüderliche Zusammensein zu vertiefen und die Freude an der Existenz auszudrücken.

Die Pracht der Schöpfung wird auch in der Ostschweiz zu unserem Kloster. Mein Mitbruder Christoph, stets barfuss unterwegs, und ich begleiten dort ziemlich experimentelle Wanderexerzitien zum Thema integrale Ökologie (Foto).

Wenn auch die Weltsituation beängstigend wirkt und tatkräftige Reaktionen fordert, erinnern wir uns in der Meditation auf unsere Schwester Erde – ehe wir uns für ihre Retter halten können, vergegenwärtigen wir uns, dass wir alle von ihr stammen und Energie erhalten. Wir lassen uns von Laudato Si, der Enzyklika Papst Franziskus’ inspirieren, auch von Jesus und seiner Sprache voller Bilder aus der Natur. Und natürlich vom grossen Buch der Berge und Täler. Durch diese vernachlässigten Geschwister kommt uns Gott erneut nahe. Er verwandelt unser Gewissen, unser Herz, lässt uns Langsamkeit, fröhliche Genügsamkeit, Mitempfinden mit allem Lebendigen erfahren – erste Schritte zu einem respektvolleren Lebensstil im Alltag. Wir üben kreative Gebetsweisen durch alle Sinne, durch Identifikation mit den Personen der Passion und ihren zeitgenössischen Abbildern. Alles wird Erfahrung des Beschenkt- und Befreitseins vom Bedürfnis, immer mehr haben zu wollen. Wir essen zu Mittag Brot und Gemüse, schlafen des Nachts im Stroh auf Bauernhöfen. Menschen unterschiedlichen Alters, mit unterschiedlichen sozialen und religiösen Prägungen teilen mit uns am Abend die Erfahrungen des Tages, auch Müdigkeit und eigene Grenzen. Das Wort und Tun des Anderen wird dann manchmal zum Wort Gottes, wenn es mitten in der Stille und im ruhig gewordenen Herz laut nachhallt.  

Bei der Rückreise durch die Schweiz habe ich grosse Freude, wie meine koreanische Freundin Agnes aus Paris den älteren Mitbrüdern in Zürich so mutig die inneren Landschaften unserer Exerzitien beschreibt. Wie mein junger australisch-britischer Mitbruder Jack die Schweiz, ihre Mentalität, Offenheit und kulturelle Vielfalt lobt, als wir eine Freundin im Karmelkloster besuchen oder die Wasserpfeife bei Gitarrenimprovisation am nächtlichen See teilen.  Mit meinen Eltern und meinem Bruder im Walliser Chalet bleibt unser Familienhumor und unsere gute Stimmung feste Konstante, während neue gemeinsame Begeisterung gewachsen ist für das geheime Leben der Bäume oder das gesundere Essen...

Zu meiner persönlichen Exerzitienwoche in der Nähe von Lyon bringe ich meine Orientierungsfragen und meine Ohnmacht vor den Leiden der Welt mit.  Und werde glücklicherweise wie immer von Gott völlig umgedreht: Die Erkenntnis der Widersprüche in meinem Leben führt nicht zu Unsicherheit, sondern zu mehr Ehrlichkeit und Freiheit. Besser als eine Neuorientierung fühle ich mich einfach bestätigt in den eingeschlagenen Wegen des Theaters, der Ökologie, der geistlichen Begleitung: All diese Samen sind als solche schon wertvoll.  

Dann folgen zwei Augustwochen in Calais (Foto). Mit Freiwilligen aus ganz Europa erlebe ich die Gewalt der heutigen Migrationssituation mit. Nach Calais mit seinem grossen Hafen kommen meist junge, ausdauernde Männer, die in anderen Ländern keine Chance auf Asyl hatten und versuchen, unter grossen Risiken in Lastwagen nach England zu gelangen. Jede Nacht werden sie von der Polizei geweckt und vertrieben, um ihnen jede Art von festem Wohnsitz zu verunmöglichen. Die vielen Freiwilligen des Vereins Utopia 56 opfern Ferien oder Studienzeit, um Essen, Kleider, auch Freundschaft zu verteilen. Dabei merken viele nicht, dass sie selber Bedürftige sind bei ihrer Sinnsuche in diesem schweren Einsatz.

Wir sind froh, mit einem indischen Mitbruder auf dem Campingplatz der Freiwilligen logieren zu dürfen, wo es jeden Abend Bier und Musik und lange existentielle Gespräche gibt. Unser Jesuitenbungalow ist wie jeder andere, wacklig und vom Meereswind durchgelüftet. Und doch ist er feste Anlaufstelle für Durchfrorene, die ihre Eindrücke, ihre Sinnsuche in unsere Abendmeditation mitbringen wollen. Spiritualität und solidarischer Einsatz gehen einher, das spüren die jungen Menschen, die unsere Gesellschaft in eine neue Richtung führen möchten.

Julien Lambert SJ

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