Sommerzeit der Scholastiker: Valerio Ciriello SJ

Heute berichtet Valerio Ciriello SJ (42), der in Bad Zurzach AG und in Süditalien aufwuchs.

 

Bereichernde Begegnungen – und oft unerwartete!

Unmittelbar nach den Abschluss-Prüfungen meines kombinierten Studiums der Philosophie und Theologie in Paris, begann ich mit der Vorbereitung einer Sitzung mit Vertretern der Provinzen Deutschland, Schweiz, Österreich, Litauen und Ungarn – es sind die fünf Provinzen, die 2021 zur Zentraleuropäischen Provinz zusammengeschlossen werden. Ziel war es, das Sozial-Apostolat der künftigen Provinz näher zu definieren. Die Arbeit stützte sich auf eine umfangreiche Umfrage, welche jeder von uns bei Sozialpartnern, Experten und Mitbrüdern durchgeführt hatte. Während unseres Workshops Anfangs Juli in Zürich kamen wir gut voran. Der Austausch war sehr interessant und fruchttragend – es zeigten sich klare Prioritäten wie Umwelt („integrale Ökologie“), sozialer Zusammenhalt, Mitarbeit mit Laien.

Danach nutzte ich die Gelegenheit, Freunde und Mitbrüder in der halben Schweiz zu treffen. Auch war ich einige Tage bei meiner Familie in Luzern, wo ich als stolzer Onkel viel Zeit mit meinem bald zweijährigen Neffen und meiner achtjährigen Nichte verbrachte. Eine grosse Freude, sie beide mal etwas länger zu erleben! Danach fuhr ich für eine Woche ins Lassalle-Haus Bad Schönbrunn ob Zug, wo mich ein Mitbruder während den jährlichen Exerzitien begleitete – stets eine bereichernde, essentielle Zeit für den weiteren geistlichen Weg.

Nach einem Zwischenhalt in Paris erwartete man mich am 29. Juli in Lourdes. Ich hatte schon lange den Wunsch, einen Einsatz am berühmten Wallfahrtsort im Südwesten Frankreichs  zu leisten. Meine Oberen in Paris empfahlen mir ein Engagement für die internationale katholische Friedensorganisation Pax Christi (www.paxchristi.net). Ich wusste lediglich, dass die Organisation 1945 mit dem Ziel gegründet worden war, die Versöhnung zwischen Deutschland und Frankreich nach dem zweiten Weltkrieg zu fördern. Mittlerweile ist Pax Christi in mehr als sechzig Ländern vertreten und insbesondere in Denuklearisierungs-, Versöhnungs- und Antikriegskampagnen aktiv.

Die Arbeit vor Ort bestand vor allem darin, die vielen Pilger von überall auf der Welt anzusprechen und sie für die Friedensthemen und Aktivitäten von Pax Christi zu sensibilisieren. Ich erlebte zwei intensive Wochen; insbesondere die Zusammenarbeit mit den anderen Freiwilligen war eine überaus bereichernde Erfahrung – sie sind auf den Bildern zu sehen. Wir konnten den Grund legen für echte Freundschaften, gingen nach unseren Einsätzen gemeinsam essen, beteten zusammen, führten tiefe Gespräche bis spät in die Nacht.
Die Gelegenheit, nach mehr als dreissig Jahren an diesen Wallfahrtsort zurückzukehren, war eine tiefe Erfahrung. Mit seinem riesigen Heiligtum, mit den Massen von Pilgern aus aller Welt, mit Männern und Frauen jeden Alters gehört Lourdes zu einem der wichtigsten Wallfahrtsorte der katholischen Kirche – das wusste ich. Aber so viele junge Menschen unter den Pilgern zu entdecken – das überraschte mich. Unter ihnen unzählige Freiwillige, die sich in verschiedenster Weise einsetzen, behinderte und kranke Menschen zur Grotte begleiteten, bei der Mahlzeitenverteilung, beim Ordnungsdienst mitanpacken – ja überall dort, wo eine helfende Hand gebraucht ist. Unter den Freiwilligen traf ich auch einige Agnostiker, sogar Atheisten, wie ich im Gespräch mit ihnen erfuhr. Das beeindruckte mich sehr und öffnete mir die Augen: Neben all jenen, die in christlicher Art und Weise glauben, gibt es auch viele andere, die sich nicht mit einem bestimmten Glauben identifizieren können, aber trotzdem auf der Suche nach Spiritualität und tieferem Lebenssinn sind.

Mitte August war ich wieder zurück in Paris, wo ich mich unter anderem mit grosser Freude um das leibliche Wohl meiner Mitbrüder kümmerte: Ich kochte jeweils abends für sie, da die angestellten Köche bis Ende August in den Ferien sind. Des Weiteren genoss ich die Spaziergänge in der halbleeren Stadt, die stillen Momente in den prachtvollen Gärten, wo ich ein Buch las, mir Notizen machte und Inspiration suchte für meine kommende Bachelorarbeit in Theologie.

Den Sommer habe ich mit einer Reise nach Sizilien beendet, der Heimatinsel meiner Mutter, wo Freunde und Verwandte auf mich warteten. Und wo ich seit über vier Jahren vermisst wurde...! Auch hier eine Zeit von interessanten und bereichernde Begegnungen: Ich traf Freunde, Verwandte und Mitbrüder in Palermo und Ragusa, die ich zuvor nicht kannte. Ein wahrlich interessanter Aspekt des Daseins als Jesuit. Wo auch immer man hingeht, man fühlt sich  schnell zu Hause und angenommen.
Die grösste Freude bereitete mir die Begegnung mit einem betagten Priester, ein Cousin meiner Grossmutter, dem ich zuvor nie begegnet bin. Ich war verblüfft – und tief dankbar: Es war, als würden wir uns schon ein Leben lang kennen.

Valerio Ciriello SJ

 

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