Zur Ordensgeschichte

Ursprung und Anfang

Die „Gesellschaft Jesu“ ist der grösste Männerorden der katholischen Kirche. Er wurde 1540 durch ein formales Dekret Papst Paul III. zugelassen, ist also „päpstlichen Rechts“ und weltweit tätig. Das erste Jahrhundert des Ordens war von stürmischem Wachstum geprägt. Im Todesjahr des Ignatius, 1556, zählte der Orden bereits tausend Mitglieder. 1640 waren es mehr als 15 000. Zur Seelsorge kam rasch die Schulbildung hinzu. Bereits Ignatius, aber auch sein Nachfolger Diego Laínez († 1565) und Petrus Canisius (†1597) sahen im Bildungswesen ein geeignetes Mittel, um die katholische Glaubenspraxis zu verlebendigen. Anliegen der Jesuiten war, das humanistische Bildungsideal mit gesamtmenschlicher Formung und religiösen Erziehung zu verbinden. Neben der Schule bildeten die geistlich Bewegung der Marianischen Kongregationen und das Theater wichtige Tätigkeitsfelder. Durch Seelsorge, Predigt, Beichthören, Katechese und Volksmissionen leisteten sie einen bedeutenden Beitrag zur Umsetzung der Reformbeschlüsse des Konzils von Trient (1545-1563) und zur Erneuerung der Volksfrömmigkeit.

Um sich den jeweiligen Gegebenheiten vor Ort besser anpassen zu können, hatten die Jesuiten von Beginn an keine einheitliche Ordenskleidung und kein gemeinsames Chorgebet. Der Orden setzt darauf, dass seine Mitglieder selbstverantwortlich und - je nach den Umständen in denen sie leben - angemessene Formen des Gebets und der Andacht ausüben. Das sieht in grossen Ausbildungshäusern, den Kollegien, verständlicherweise anders aus als in kleineren Kommunitäten oder gar bei allein lebenden Jesuiten.

Missionen in China und Lateinamerika

Schon die ersten Jesuiten waren von den europäischen Entdeckungen neuer Länder und Kulturen geprägt. Die Frohe Botschaft des Christentums diesen fremden Völkern zu verkünden, wurde zu einem zentralen Anliegen. Franz-Xaver SJ brach bereits 1540 als Missionar nach Indien auf. Seine Reise führte ihn über die Molukken nach Japan. 1546 starb er auf einer kleinen Insel vor China. Franz-Xaver legte den Grundstein für eine neue Missionsmethode, für das «Akkommodationsprinzip». In Japan lernte er, dass die fremde Kultur studiert und als Eigenwerte anerkannt werden muss. Zeugen für diese Missionsart sind die Patres Roberto de Nobili (†1656) in Indien sowie Matteo Ricci (†1610) und Adam Schall von Bell (†1666) in China. Die anfangs erfolgversprechende Chinamission scheiterte jedoch am «Ritenstreit». Die Jesuitenmissionare respektierten die in China übliche Ahnenverehrung als einen Akt der Ehrfurcht vor den Verstorbenen. Die Missionare der Bettelorden sahen diese Verehrung als religiösen Kultakt und konnten in Rom bewirken, dass die jesuitischen Missionen geschlossen wurden.

Eine weitere Blüte jesuitischer Missionsgeschichte sind die Reduktionen in Lateinamerika. Ab 1610 wurden nomadisierende Indianer in Siedlungen sesshaft gemacht. Sie lebten fortan von der Landwirtschaft. Grund und Boden waren Gemeineigentum. Zeitweise lebten rund 100‘000 Einwohner in 30 Reduktionen. Die Spanische Krone empfand die Reduktionen als „Staaten im Staat“ und bekämpften sie. Schliesslich konnten sich die Reduktionen nicht halten.

Aufhebung des Ordens 1773

Im Laufe des 18. Jahrhunderts regte sich in Europa mancherlei Feindschaft gegen die Gesellschaft Jesu. Im Zeitalter des Absolutismus verbreitete sich das Ideal der uneingeschränkten Herrschaft des Fürsten über alle Bereiche des Staates. Der Einfluss des Papstes wollte man auf die Ortskirche eindämmen. Die Jesuiten, direkt dem Papst unterstellt und nicht leicht in politische Grenzen einzufügen, wurden als Hindernis und Bedrohung wahrgenommen. Die weltlichen Herrscher sagten dem jesuitischen Schulsystem den Kampf an. Die Jansenisten warfen den Jesuiten Laxismus vor, die Aufklärer meinten, sie machten nur mangelnden Gebrauch von der Vernunft. 1759 wurden die Jesuiten aus Portugal, 1764 aus Frankreich, 1767 aus Spanien und Neapel und 1768 aus Parma vertrieben. 1773 gab Papst Clemens XIV. dem Druck der Bourbonenhöfe nach und hob den Jesuitenorden auf. Akten, Briefe und Rechnungslisten wurden beschlagnahmt, der Ordensgeneral und seine Mitarbeiter verhaftet. Die einen Jesuiten wurden vertrieben, andere lebten in Weltpriestergemeinschaften weiter und gingen denselben Aufgaben wie früher nach. Allein in Russland wurde das päpstliche Aufhebungsdekret auf Geheiss der Zarin Katharina nicht verlesen. Sie wies den Jesuiten die Betreuung der katholischen Minderheit zu. So konnte dort der Orden in kleinen Zellen fortbestehen.

Die Wiederherstellung 1814

Nach der französischen Revolution, in der Zeit der Restauration, wurde der Wunsch nach der Wiederherstellung des Jesuitenordens laut. Der Orden wurde in England 1803, in Neapel 1804 und in den USA 1805 wieder zugelassen. Die offizielle Wiederherstellung erfolgte am 7. August 1814 in der Kirche Il Gesù in Rom. 150 Jesuiten aus der Zeit vor der Aufhebung wohnten der Feier bei, der jüngste unter ihnen war über sechzig. Zahlreiche Exjesuiten traten dem wiedererrichteten Orden aber auch nicht mehr bei.

Entwicklung im 19. Jahrhundert

Die Jesuiten vermochten mit Volksmissionen und der Neugründung von Kollegien das kirchliche Leben schnell zu erneuern. Der international konzipierte Orden hatte aber mancherorts Schwierigkeiten mit den entstehenden Nationalstaaten. Liberale und sozialistische Kräfte beobachteten ihn mit Argwohn. Unter dem Generaloberen P. Philip Roothaan SJ (†1853) wurde der Orden konsolidiert. Roothaan erliess eine neue Studienordnung und liess die Exerzitien in neuer Gestalt geben. Unter ihm wuchs der Mitgliederbestand stark an. Die Blütezeit der Weltmission wurde unter ihm eingeleitet. Auf wissenschaftlichem Gebiet setzten sich die Jesuiten für eine Wiederbelebung der Scholastik und des Thomismus ein. Darin zeigt sich, dass sie im 19. Jahrhundert Vertreter der Restauration waren. Die Jesuiten waren treue Parteigängern von Papst Pius IX. Sie stützten 1871 auf dem Ersten Vatikanischen Konzil die Unfehlbarkeitserklärung des Papstes.

Herausforderungen im 20. Jahrhundert

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erlebte die Gesellschaft Jesu ihr grösstes Wachstum, besonders in den USA und Spanien. 1964 zählte sie 36 000 Mitglieder. Insgesamt begann sich die schöpferische Kraft des Ordens wieder zu regen. Dabei kam es zu einigen Akzentverschiebungen. Wohl blieb er vorerst ein Schulorden. Neben der Pflege der scholastischen und patristischen Tradition begannen sich Jesuiten mit aktuellen Wissenschaften auseinanderzusetzen. Herausragendste Vertreter sind der Paläontologe und Theologe Pierre Theilhard de Chardin (†1955), der Philosoph Erich Przywara (†1972) sowie die Theologen Henri De Lubac (†1991), Karl Rahner (†1984), Jean Daniélou (†1974) und Hans Urs von Balthasar (†1988), ein Schweizer, der die Gesellschaft allerdings 1950 verlassen hat. Jesuiten waren unter den massgeblichen Kräften, die das Zweite Vatikanische Konzil (1963-1965) vorbereiteten, prägten und bei der Umsetzung halfen. In dieser Zeit verlagerte sich der Schwerpunkt des Ordens aus Europa in die grossen Kontinente Lateinamerika und Asien. Damit gewann die Frage der sozialen Gerechtigkeit an Bedeutung.

In der Generalkongregation von 1974/75 gab sich der Orden das Motto „Glaube und Gerechtigkeit“. Die Bekämpfung des Atheismus und die Auseinandersetzung mit dem Marxismus und seinem Gedankengut waren erklärte Ziele. In der Rückbesinnung auf seinen Ursprung im 16. Jh. wurden auch die Exerzitien in ihrer ursprünglichen Form wieder erschlossen. An der Schwelle zum 21. Jahrhundert traten der interreligiöse Dialog und die Spiritualität wieder stärker ins Zentrum.

Die allgemeine Kirchenkrise, die sich unter anderem in der Bewegung von 1968 kristallisierte, hat auch den Orden stark getroffen. Vor allem die USA und Europa waren von Austritten und sinkenden Ordensberufungen betroffen. Heute zählt der Orden weltweit rund 17 000 Mitglieder.