Älter als alle Zeit, jünger als der Tag

Gastautor von Gastautor,

Der Schreck der letzten Monate sitzt Niklaus Brantschen SJ in den Knochen – «hoffentlich nachhaltig», schreibt er. «Und ja, es ist möglich, jeden Tag immer wieder ja zu sagen oder es zumindest zu versuchen. Und dankbar zu sein. Dankbare Menschen schlafen besser, sind glücklicher, weniger depressiv. Ich behaupte das nicht. Das zeigen neue Studien.»

Von Niklaus Brantschen SJ

Die Corona-Auszeit bot bei all den Krisen, die damit verbunden waren, auch Chancen. In dieser Zeit konnte ich bei Spaziergängen rund ums Lassalle-Haus, das Bildungshaus der Schweizer Jesuiten ob Zug, wo ich wohne und wirke, die Natur ganz neu entdecken. Ich nahm wahr, wie die Nadeln an den Lärchenzweigen sich täglich etwas mehr nach aussen wagten, wie die Blüten der Kirschbäume ihre Pracht entfalteten, wie der Duft des Bärlauchs vom Waldrand her in meine Nase stieg. In einem Hymnus der Mystikerin und Medizinerin Hildegard von Bingen über den Heiligen Geist spricht sie von der «Grünkraft», vom immergrünen Geist. Für sie ist die Erde durch und durch grün, das heisst voll Leben. Hildegard im Originalton: «Der Geist geht aus, wird grünender Leib und bringt seine Frucht. Das ist das Leben.» Das habe ich neu erfahren.

Und nun, nach dieser erzwungenen Auszeit, ist das Neue wie das Alte, mehr vom Gleichen. Will ich das? Ich muss wohl da anknüpfen, wo ich aufgehört habe und weitermachen. Das ist das eine. Andererseits stelle ich fest, bei mir und bei anderen: eine gewisse Nachdenklichkeit. Der Schreck ist unter die Haut gegangen, sitzt in den Knochen, wirkt nach – hoffentlich nachhaltig.

Ich frage mich: Was kann ich in meinem hohen Alter beitragen, das Neue sichtbar werden zu lassen? Wie kann ich das Neue, Junge, Frische, Hoffnungsvolle in mir als alter Mann pflegen, so dass es ansteckend wird? Ich bin alt, unsere Gesellschaft wird immer älter. Und doch, es ist etwas in uns, dass älter ist als alle Zeit und jünger als der Tag. Das möchte ich in meinen mir noch verbleibenden Jahren vermitteln. Das ewig Junge, das uns je neu anfangen lässt. Nicht mehr vom Gleichen oder mehr vom Gestern, sondern mehr vom Leben heute.

Dabei mag es in dieser unsicheren Zeit durchaus Gefühle der Unsicherheit, der Blockade, ja der Ohnmacht geben. Ratschlag habe ich leider keinen für die Bedrängnis des Lebens. Auch ein Ratschlag ist bekanntlich ein Schlag. Ich kann aber aus meiner Erfahrung sagen, dass trotz der Einschränkungen und Behinderungen, die wir erleben, es möglich ist, jeden Tag immer wieder ja zu sagen oder es zumindest zu versuchen. Auch ich habe meine Beschwerden, altersbedingte, und versuche trotzdem, jeden Tag wieder neu anzufangen und dankbar zu sein. Dankbarkeit scheint mir die zentralste menschliche Tugend zu sein.

Mir wurde in letzter Zeit einmal mehr der Zusammenhang von Dankbarkeit und Wohlbefinden deutlich. Zu Beginn des dritten Jahrtausends gibt es einige Untersuchungen, die nachgewiesen haben: Menschen, die dankbar sind, fühlen sich besser, sind glücklicher, weniger depressiv. Sie leiden weniger unter Stress und sind zufriedener mit ihren sozialen Beziehungen. Dankbare Menschen schlafen besser. Es ist also ratsam, sich am Abend zu fragen: Wofür kann ich danken? Wenn ich nichts finde, wofür ich dankbar bin, dann ist es hilfreich, sich achtsam auf den nächsten Tag einzustellen und zu fragen: Wie gehe ich durch den nächsten Tag? Mit offenen Sinnen und einem wachen Herzen, bereit, mich überraschen zu lassen – und dankbar zu sein!

Bild: Park im Lassalle-Haus Bad Schönbrunn ZG

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