Allerheiligen und die eigene Heilsgeschichte

Toni Kurmann SJ von Toni Kurmann SJ,

Kaum ein Feiertag bietet einen derartigen Raum der Verkörperung von uns wichtigen und gleichzeitig alltäglichen zwischenmenschlichen Beziehungen wie Allerheiligen. In lebendiger Weise gedenken wir auch bereits verstorbener Menschen, die uns geprägt haben.

Um dies besser verstehen zu können, sind für mich Erfahrungen mit sogenannt traditionell geprägten Kulturen hilfreich. Denn sie sind in ihren Ausdrucksformen in unbeschwerter Weise sehr konkret. Gerne erinnere ich mich an das Feiern von Allerheiligen während meiner Studienzeit in den Philippinen: An diesem Tag wird deutlich, dass Familienzusammengehörigkeit nicht nur zwischen den Lebenden wichtig ist. Auch die Toten gehören absolut selbstverständlich dazu. Konsequenterweise verbringen die grossen Familien, von Grosseltern bis hin zum Säugling, den ganzen Tag an der letzten Ruhestätte ihrer Angehörigen. In ausgelassener Fröhlichkeit werden die Verstorbenen auch mit einbezogen in das gemeinsame Essen. Wer im philippinischen Kulturkreis mit anderen zusammensitzen darf, ist reich, und so wird das Picknick mit den Lebenden und den Toten geteilt: Auf dem Grab stehen zumindest Kaffee und traditionelle Reisküchlein. Das Zusammensein mit den Verstorbenen ist eine äusserst konkrete Vorstellung. Falls der Verstorbene im früheren Leben geraucht hat, werden auch Zigaretten auf die Grabplatten gelegt.

Auch was uns im Christentum heilig ist, braucht eine Art «Einkleidung». Unsere persönliche Glaubenserfahrung ist von Narrativen geprägt, von historisch festmachbaren Ereignissen, letztlich von konkreten Gesichtern. Wir Christen sind überzeugt, dass unser Glaube nicht nur ein schöner Gedanke in der Ideenwelt von einzelnen sein kann. Verheissungen, selbst wenn sie an ein Individuum ergehen, wollen sich auf die Gemeinschaft der Menschen auswirken. Damit sie Gemeingut werden, bedürfen sie einer Verkörperung, der Inkarnation. Nur über Werte wie Glaube, Hoffnung und Liebe nachzudenken und zu reden, hätte dieselbe Wirkung wie das Lesen von Kochbüchern. Auch wenn dies inspiriert: Sättigung ist davon nicht zu erwarten.

Welche Dimension von Heiligkeit wird an Allerheiligen «eingekleidet» – und in welche Form? Meine Vermutung: Es geht um die prägenden Beziehungen. Gerade im Rückblick staue ich oft, wie stark mich Begegnungen mit anderen geformt haben und noch immer formen – selbst über das Grab hinaus.

So gesehen ist Allerheiligen feiern ein Verkörpern der vielfältigen Beziehungen in meiner persönlichen und auch in unserer gemeinschaftlichen Biographie. Diese am Feiertag erneut lebendig werdenen Beziehungen selbst über den Tod hinaus eröffnen mir weitere Chancen für meine eigene Heilsgeschichte: Dankbar anerkenne ich, was mir vorangegangene Menschen an wertvollem Erbe anvertraut haben. Und mindestens so wichtig ist ein Verstehen, was noch immer über den Tod hinaus nachgetragen wird – und somit zu einer erneuten Chance zur Versöhnung gereichen kann. Durch beide Dimensionen ermöglichen uns bereits verstorbene Menschen mehr Lebensqualität. Uns, die wir in unserem Zusammenleben weiterschreiben an der Geschichte, an der Heilsgeschichte unserer Beziehungen. Eine Ahnung vom offenen Himmel?

Toni Kurmann SJ, Missionsprokurator

Bild: Grab auf dem Nordfriedhof in Manila, Sherbien Dacalanio/Alamy Live News

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