CORONAVIRUS und Vorstellungen über China

Hansruedi Kleiber SJ von Hansruedi Kleiber SJ,

Das Coronavirus fordert heraus: die Anzeichen deuten darauf hin, dass es zu einer Pandemie kommt, dass also die ganze Welt in der einen oder anderen Form davon erfasst wird.

Noch ist ungewiss, ob ich die Vorträge zum Coronavirus in Stockholm und in Zürich überhaupt halten kann, da die Panik unter der Bevölkerung stark verbreitet ist. Die Sorge über die Ansteckungsgefahr ist verständlich, doch deshalb scheint es umso notwendiger, möglichst sachlich darüber nachzudenken. 

Unübersehbar zeigt sich dabei in breiten Kreisen eine Ignoranz über China. In einer Schweizer Zeitung schlägt etwa ein Journalist vor, angesichts des bevorstehenden Ausfalls von medizinischen Produkten aus China müssten diese wieder in der Schweiz und in Europa produziert werden.

Dabei gebietet doch der gesunde Menschenverstand, dass es völlig unmöglich ist, Produkte in diesen Massen in Europa oder in den Vereinigten Staaten herzustellen. Bisher hatte ich den Eindruck, dass kaum jemand in Europa oder Amerika Anstoss nimmt an den oft unmenschlichen Arbeitsbedingungen der Menschen in Asien. Entscheidend scheint nur zu sein, dass die neuesten Mobiltelephone termingerecht auf den Markt kommen.

Welcher Amerikaner, welche Europäerin wäre willens, unter solchen Bedingungen zu arbeiten – Arbeitsbedingungen mit Zügen einer Sklavenhaltergesellschaft, die den Graben zwischen und arm und reich ständig weitet? Und wer nimmt wirklich Anstoss an rassistischen Ausbrüchen und Bemerkungen gegen «Schlitzaugen», «Schlitzohren» und «Sündenböcke» dieser Krise: das Coronavirus, ein «Geschenk von China»? Es gäbe noch viele weitere Beispiele für Vorurteile von Personen, die völlig von sich selber eingenommenen sind.

Die momentane Krise rund um den Coronavirus birgt in ethischer Hinsicht auch einige Chancen. Der Direktor der Weltgesundheitsdirektion, Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus, richtete sich anfangs Februar mit drei Worten an die Weltöffentlichkeit: «Solidarity, Solidarity, Solidarity!» 

Gerade in diesem wohl herausforderndsten Punkt, die eigene egoistische Beschränktheit eines Bünzlis zu überwinden, liefern uns Chinesinnen und Chinesen eindrückliche Beispiele der Einbeziehung des Anderen. Der junge Augenarzt Li Wenliang, der schon früh die Gefährlichkeit des Virus erfasst hatte und in der Pflege von Infiszierten starb, ist nur einer unter den vielen, die täglich ihr eigenes Leben im Einsatz für andere riskieren.  

Arztkonsultationen in China mit Spitälern und Spezialisten verlaufen seit der Krise immer mehr online über Internet und soziale Medien. Damit zeigt China sein enormes Potential für soziale Innovation: Mit Online- Konsultationen haben auch Menschen Zugang zu ärztlichem Rat und Medizin, die sonst ausgegrenzt wären, Auch Schulen und Universitäten wachen endlich auf und verstehen, wie entscheidend Online-Unterricht und Bildung ist. Sie ersetzen den wichtigen menschlichen Dialog zwischen Lehrenden und Studierenden zwar nicht vollständig, mit Sicherheit aber erreichen sie all diejenigen, die sich Bildung sonst nicht leisten könnten.

P. Stephan Rothlin SJ, Direktor des Macau Ricci Instituts, Macau/China

P. Rothlin hält dazu den Vortrag «Rebellion der Bünzlis», Dienstag, 31.3.2020, aki Hirschengraben 86 Zürich, 20 Uhr. Der Anlass findet in Zusammenarbeit mit dem Ladanyi-Verein statt. 

 

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