Covid-19-Gottesdienst-Debriefing

Toni Kurmann SJ von Toni Kurmann SJ,

Erstens gestaunt über die vielen virtuellen Gottesdienste, zweitens gefreut über den ersten wieder öffentlichen Gottesdienst – und drittens bange in der Kirchenbank gesessen: Was, wenn nur noch sentimentale Erinnerung bleibt? Viertens kam es anders: Spiritualität hat Kraft und erreicht auch Menschen, die mit Kirchenkalender und Liturgie nicht bewandert sind.

Ein Debriefing will per Definition nach Abschluss einer intensiven Phase drei Fragen klären:  Was ist passiert? Warum ist es passiert? Und würden wir beim nächsten Mal wieder gleich handeln?

Die Frage warum ist es passiert? ist bei den Naturwissenschaftern gut aufgehoben. Mich interessiert hier vor allem der Fragekomplex was ist passiert? Er lässt Erinnerungen wach werden an diese lange Zeit der virtuellen Gottesdienstfeiern in der Lockdown-Phase. Was ist uns im Gedächtnis geblieben? Im Nachhinein sind wir immer alle gescheiter. Nehmen wir uns Zeit und blicken zurück, wie wir als Ordensgemeinschaft und als Kirchen in der Lockdown-Phase kommuniziert haben. Wen hatten wir im Blick in dieser aussergewöhnlichen Zeit? 

Mein persönliches Debriefing: Erst einmal war ich am Staunen über die verschiedenen virtuellen Gottesdienstformen. Bald kristallisierte sich eine Werteskala heraus. Positiv wirkten glaubwürdige Worte in authentischer Sprache und entsprechender Körperhaltung der handelnden Personen. Auch war die Gestaltung des Raumes, der mir zugetragenen Kamera-Bilder zentral. Abschreckend hingegen waren Lieblosigkeiten von der Art des blauen Plastikputzeimers neben dem Ambo, wie der «Tisch des Wortes» genannt wird, das Lesepult im Altarraum.  Der Eimer rückte just in jenem Moment in mein Blickfeld, als der Priester die Worte der Frohen Botschaft verlas. Unserer Gottesdienst-Räume kommunizieren immer in ihrer Gesamtheit und erst recht in aussergewöhnlichen Zeiten. Da fallen Unstimmigkeiten viel stärker ins Gewicht.  

Zweitens war ich sehr gespannt auf den ersten, wieder öffentlich erlebten Gottesdienst. Dass ich an Pfingsten zusammen mit weiteren Gottesdienst-Teilnehmenden in den Bänken der Kirche von Rotmonten in St. Gallen sass, hat eine über zweijährige Vorgeschichte. Geplant war, dass Pater Saju George SJ zusammen mit jungen Talenten seines Bildungs- und Tanzzentrums in Kalkutta den Festgottesdienst mitgestalten würden. Über Monate hatten sich Hauptorganistin Maja Bösch und Saju Tondateien hin und her geschickt. Sie wollten über Musik und Tanz die grenzüberschreitende Dynamik von Pfingsten illustrieren. Doch mit dem Lockdown Mitte März begann für Gemeindeleiterin Vreni Ammann und ihr Team eine herausfordernde Zeit. Es galt, immer wieder neue Gottesdienst-Konzepte zu erarbeiten: nur mit Saju, der ein gültiges Visum auf sicher hatte oder doch mit seiner Tanztruppe, die vielleicht im letzten Moment mitreisen dürfte? Die ganz harte Lockdown-Variante mit nur fünf Personen in der Kirche? Oder halt doch die Video-Schaltung in die Wohnstuben der Gemeindemitglieder? 

Nun sass ich also da an diesem Pfingstsonntag-Morgen, gut zwei Meter entfernt von meinem Nachbarn in der Kirchenbank. Bevor es los ging, fragten wir uns mit humorvollem Unterton, ob die Feier uns wohl zu überzeugen vermöge. Dieser Gottesdienst zum Geburtstagsfest der Kirche an Pfingsten war so etwas wie ein Bewährungstest. Würde uns das gemeinsame Feiern der Eucharistie beschenken und mit innerer Kraft und Zuversicht erfüllen? Was wäre, wenn wir nach der Feier ernüchtert feststellen müssten, dass nur ein schales Gefühl bliebe, nur nostalgische Sentimentalität bei der Erinnerung an frühere Gemeinschaftserlebnisse in der Kirche? 

Die angeregten Gespräche nach dem Gottesdienst liessen deutlich werden: Worte, Gesten, Rituale und vor allem die Musik hatten die Mitfeiernden berührt und bewegt wie selten zuvor. Nichts hatte die innere, dankbare Vertiefung stören können, nicht einmal die TV-Leute mit all ihren Kameras, Kabeln und Scheinwerfern. 

Ich frage mich: Was ist es, was uns Menschen über alle Hindernisse hinweg trägt in der Spiritualität? Die virtuellen Gottesdienste während der Lockdown-Phase haben über alle Defizite hinaus wohl deshalb auch «funktioniert», weil sie viele Menschen zu verbinden vermochten. Wir waren gemeinsam unterwegs dank der geteilten Erinnerung an liturgisch geprägte Zeiten. Verbunden durch Fastenzeit, Ostern und Christi Himmelfahrt, fanden wir auf Pfingsten hin wieder mit Selbstverständlichkeit in das gemeinsame Feiern hinein. 

Als Schlussbemerkung: Der Einwand, dass dies alles nur für Menschen im Kirchenmilieu, für Menschen vertraut mit Kirchenkalender und Liturgie funktioniert, stimmt nicht. Gottesdienstfeiern kann nicht exklusiv sein, schliesst andere nicht aus. Biblisch betrachtet geht das gar nicht. Denn wir sind nicht nur aufgefordert, uns anderen als Nächste zu erweisen (Lk 10,25-37). Es liegt auch an uns, jederzeit freudig Auskunft zu geben über den Grund der Hoffnung, die uns erfüllt (1 Petrus 3,15). Warum also nicht von dieser Gottesdienstfeier berichten, die mich und die weiteren Anwesenden in der Kirche Rotmonten bewegt und mit Zuversicht erfüllt hat. 

Bild: Vorbereitungen zum TV-Gottesdienst in der Kirche Rotmonten/St.Gallen an Pfingsten 2020 (TK)

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