Ausstieg aus dem «Corona-Hausarrest»

Christian Rutishauser SJ von Christian Rutishauser SJ,

Der «Hausarrest» der letzten Wochen – was bleibt? Wohltuende Entschleunigung, tatkräftige Solidarität, aber auch beklemmende Einsamkeit, anspruchsvolle Heimorganisation. Und vor allem die Erkenntnis: Der Mensch wird am Menschen, nicht nur an den Gedanken oder am Bild des Andern. Auch die Kirche muss dazulernen: Gottesdienst und Gebet darf nicht nur institutionell getragen sein. Es braucht auch Hausliturgie und verankerte, gemeinsame Gebetsformen ohne Kirchenpersonal.

Auch wenn die Zeit von Corona andauern wird, so neigt sich die «Zeit des Hausarrests» ihrem Ende zu. Für diese lässt sich sagen, was Woody Allen über die Ewigkeit sagt: «Die Ewigkeit ist nicht so schlecht. Nur gegen Ende hin ist sie etwas langweilig.» Sehr unterschiedlich wurde die Zeit zu Hause empfunden: von wohltuender Entschleunigung über anspruchsvolle Heimorganisation bis hin zu beklemmender Einsamkeit. Dies alles abgesehen von wirtschaftlichen und gesundheitlichen Herausforderungen, die die Zeit von Corona natürlich vor allem prägen. Was die Solidarität der Menschen betrifft, freue ich mich auf jeden Fall, zu einer Gesellschaft zu gehören, in der tätige Nachbarschaftshilfe funktioniert und eine Glückskette stolze 35 Millionen Franken gesammelt hat.

Doch zurück zum «Hausarrest». Was lässt sich daraus folgern? Der wohltuenden Entschleunigung folgend, würden auch in Zukunft gesellschaftliche Auszeiten tatsächlich guttun, für Mensch und Umwelt. Wie wäre es mit vier autorfreien Sonntagen im Jahr, ähnlich wie sie in den 70er Jahren angesichts der Ölkrise verordnet wurden? Beziehungen könnten gepflegt und Naherholungsgebiete neu entdeckt werden. Vier flugfreie Wochenenden pro Jahr sollten heute dazukommen, um auch der Natur ihre Erholungszeit vom Menschen zu gönnen. Die Heimorganisation während dieser Corona-Zeit hat wiederum einen Schub der Digitalisierung ausgelöst. Viele mussten sich mit technischen Errungenschaften vertraut machen, vor denen sie früher zurückgeschreckt waren. Doch diese Umstellung soll auch in Zukunft helfen, über Distanzen hinweg zu arbeiten. Sie drosselt überbordende Mobilität und schafft Gefässe der Kommunikation, die früher nicht genutzt wurden. Also weitere Digitalisierung, wo sie sich bewährt und sinnvoll ist.

Isolation und Einsamkeit der «Hausarrest»-Tage haben aber auch gezeigt, dass der Mensch ein soziales Wesen mit Leib und Seele ist. Er will nicht nur digital kommunizieren. Sehen und hören geht zwar über Distanz hinweg. Doch nebst diesen Fernsinnen braucht er auch die Nahsinne: das Riechen, Schmecken, Berühren und Fühlen. Der Mensch wird am Menschen, nicht nur an den Gedanken oder am Bild des Andern. Jede wahre Beziehung ist Begegnung, schrieb einst Martin Buber. Gemeinschaft entsteht durch gemeinsames Tun. Ein gemeinsamer Theaterabend, die Teilnahme an einem Musikfestival oder Kinoabend mit Freunden ist etwas anderes als ein Abend zu Haus vor dem Bildschirm, mag die Übertragung technisch noch so perfekt sein. Live ist live. Dies unterscheidet sich von einer Live-Übertragung, erst recht von einem Streaming aus dem anonymen Netz.

Immer wieder hat es Schübe gegeben, den Menschen nur geistig und isoliert zu erfassen. In gewissen spirituellen Schulen, in der Philosophie, in der Vernunftepoche der Aufklärung wie auch nun in der Digitalisierung und Robotik. Das Leiblich-Sinnliche ist aber gerade nicht das, was die Neurowissenschaften erforschen und die Technik ermöglicht. Der Mensch ist nicht nur Gehirn. Er hat auch nicht nur einen Körper. Der Mensch ist Leib und Seele, ist Haut und Berührung, Schweiss und Geruch. Warum haben sonst so viele Menschen den Drang, sich zu tätowieren? Der Mensch ist Ausstrahlung und Aura. Er drängt mit seinem Leib nach Bewegung, nach Raum, der wortwörtlich er-fahren werden will. Er will Leib werden zusammen mit gleichgesinnten Mitmenschen. Er will Bewegung, Netzwerk, Gemeinschaft, Verein, Gesellschaft sein. «Seid umschlungen Millionen» ist wohl der romantischen Verbrüderung zu viel. Virtuelle Communities reichen aber auch nicht aus. Ersetzen können sie kollektive Erlebnisse und gemeinschaftliche Erfahrungen nicht.

Religionen haben seit je mit ihren Riten und Liturgien zur Gemeinschaftsbildung beigetragen. Während der «Hausarrest»-Zeit sind die Glaubensgemeinschaften jedoch besonders getroffen gewesen, da grosse Festtage nicht gemeinsam begangen werden konnten: Jüdische Hausehalte feierten den Sederabend von Pessach in den eigenen vier Wänden, wozu man sich sonst familiär und freundschaftlich weitläufig einlädt. Ostern wiederum ist das Fest der Christen schlechthin. Für keine anderen Tage, nicht einmal für Weihnachten, gibt es eine so reichhaltige und symbolträchtige Liturgie wie für die Karwoche und das Triduum pascale, die drei österlichen Festtage. Und auch der Fastenmonat Ramadan, mit dem die Muslime nun gleich beginnen werden, ist ein kollektives Erlebnis. Gemeinsam fastend verzichten und gemeinsam feiern, essen und trinken schweisst sozial zusammen wie kaum etwas. Gerade auf diese gemeinschaftsstiftende Funktion der Religion hat ein Philosoph wie Jürgen Habermas in seinem monumentalen Alterswerk letztes Jahr hingewiesen. Sie entreisst das Individuum seiner Konsumententolle, auf die ihn die neoliberale Wirtschaft reduziert. Sie stiftet Gemeinschaft durch Werte, nicht nur durch das Stillen von Bedürfnissen und niederen Trieben. Daher gehören Glaubensgemeinschaften an die Seite von Politik und Staat. Sie sollen in kreativem Dialog mit Kunst und Kultur stehen.

Dass der Bundesrat beim schrittweisen Weg aus dem Lockdown die Religionsgemeinschaften sozusagen vergisst, ist daher eine Schande. Wenn sich die offiziellen Vertreter der Glaubensgemeinschaften nicht lautstark für ihre Vollzüge einsetzen, ähnlich den Parteien und Wirtschaftsverbänden, zeugt es nur von ihrer Lahmheit. Eine gesellschaftliche Repositionierung der Kirchen ist schliesslich eine Notwendigkeit, wie sie sich schon seit einigen Jahren aufdrängt. Angesichts des gesellschaftlichen «Hausarrests» in dieser Corona-Zeit zeigt sich jedoch für die Kirche vor allem gegen innen eine Reformnotwendigkeit: Gottesdienst und Gebet darf nicht nur öffentlich und institutionell getragen sein. Es braucht auch Hausliturgie und verankerte, gemeinsame Gebetsformen ohne Kirchenpersonal. Sakramente allein genügen gerade nicht, weil sie der Priester und Diakone bedürfen. Gottesdienste reichen nicht, weil sie von Seelsorgenden und Theologinnen abhängig sind. Es braucht vielmehr auch Liturgie, die in jedem Haushalt und in jeder Familie gefeiert werden kann.

Nur so überlebt eine Glaubensgemeinschaft, die nicht mehr auf öffentliche oder staatliche Unterstützung zählen kann oder gar von ihr bedrängt wird. Psalmgebet und Rosenkranz, Segensgebete und Maiandachten, Anbetung und Vigilien waren einst solche Formen. Sie sind in den letzten Jahrzehnten verfallen. Es wird neue Formen brauchen, durchaus mit Anknüpfungen an diese Frömmigkeitstradition. Vor allem könnte die Kirche dabei vom Judentum lernen: Die Rabbiner haben einen Teil der Liturgie für die Synagoge vorgesehen und einen Teil für den Familientisch. Der Empfang des Schabbats am Freitagabend ist ein sehr schönes Beispiel dafür, wie öffentliche und private Liturgie ineinandergreifen. So etwas könnte die Kirche brauchen. Im Dialog können wir lernen und gestärkt daraus hervorgehen.

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