Die Angst zu verlieren verloren – das ist Kirche

Valerio Ciriello SJ von Valerio Ciriello SJ,

Die Kirche kann eine Maske – Ideale, MoralRegeln sein, hinter der man sich versteckt und oft nur schwer atmen kann. Sie kann zur Fratze werden – Missbrauch, Schweigen, Verletzen. Sie kann aber auch ein Gesicht sein – lächelnd, zugewandt, wach, präsent… Ein Erfahrungsbericht unseres sommerlichen Arrupe-Monats* im belgischen Exerzitienhaus La Pairelle: 15 Jesuiten aus neun Ländern nahmen sich Zeit für Reflexion, Gebet, Austausch und Lektüre.

Es ist heute alles andere als selbstverständlich, Priester werden zu wollen und sich auf diese Weise an eine Kirche zu binden, die oft in eine ganz andere Richtung verbeult scheint, als Papst Franziskus es sich wohl wünscht. Die Kirche kann eine Maske – Ideale, eine Moral und Regeln sein, hinter der man sich versteckt und vielleicht manchmal nur schwer atmen kann.Die Kirche kann zu einer Fratze werden – Missbrauch, Schweigen, Verletzen. Aber die Kirche kann auch ein Gesicht sein – lächelnd, zugewandt, vom Leben gezeichnet, wach, präsent… Ein Gesicht, das sich selbst nicht zu ernst nimmt und dem Gegenüber – wer immer das ist – wirklich zu begegnen versucht. Denn eines ist sicher: Wir sind als Sünder berufen.Überheblichkeit ist nicht angebracht. 

Wir hatten im belgischen Exerzitienhaus La Pairelle Zeit, von jedem der 15 Mitbrüder aus seinem Leben und von seiner Geschichte erzählt zu bekommen. Und so wurden für uns viele dieser Gesichter lebendig, die uns gezeigt haben, wie die Kirche segensreich wirken kann. Die gemeinsame Zeit hat uns ermutigt, selbst immer mehr zu solchen Gesichtern der Kirche werden zu können. 15 Jesuiten, 13 davon Scholastiker – so faszinierend unterschiedliche Lebens- und Berufungsgeschichten machen einen unermesslichen Reichtum aus. Jeglicher „Homogenisierungsversuch“, ob innerhalb und ausserhalb der Kirche, läuft ins Leere. Das Leben ist ein weites und buntes Mosaik und eben kein Joghurt aus dem Regal! 

Neben vielen Inputs und Diskussionen haben uns vier Gäste besondere Schauplätze präsentiert: Ein französischer Jesuit erzählte uns von seinem Weg als Priester im Orden, der ihn trotz aller Schwierigkeiten mit grosser Freude erfüllt – die Weihe sei nicht nur etwas für die grossartigen Momente. „Man ist nicht Priester, weil man so genial ist, sondern Christus kann sich in unseren Schwächen und Begrenzungen vermitteln“, so seine Erfahrung.

Ein Ehepaar gab uns einen Einblick in ihr gemeinsames Ringen, das Gleichgewicht zwischen Rationalität und Affektivität zu erhalten. Ein Ringen, das auch davon lebt, sich klare Grenzen zu setzen. Mit beiden konnten wir über verschiedene Priesterbilder ins Gespräch kommen. Für sie ist ein Jesuit jemand, der mit Christus im Herz der Welt steht. Auf die Frage nach dem Zölibat antwortete das Paar pragmatisch. Einerseits sei die affektive Einsamkeit wohl nicht leicht zu leben, andererseits sei es eben eine Schwierigkeit, wenn ein Priester nicht ungeteilt für seine Mitmenschen da sein könne. Die Sendung wäre eingeschränkt, so die Ansicht des Paares. Zölibat ist so gesehen nicht nur Verzicht, sondern Ausdruck der Bereitschaft, aufs Ganze zu gehen.

Ein drittes Zeugnis gab uns ein Diözesanpriester, der uns von den drei Revolutionen erzählte, die das Zweite Vatikanische Konzil angestossen hat: Der Priester ist nicht mehr nur ein Funktionär der vertikalen Kirche, sondern zuerst selbst Getaufter, der dem Volk Gottes hilft, seine Berufung zu leben. Die Kirche ist nicht mehr die Insel der Geretteten, sondern riskiert, sich für die Verlorenen zu verlieren. Schliesslich die Theologie, sie denkt nicht mehr nur vom Ideal, sondern ist eine Theologie des Weges im Stil der Emmaus-Erzählung. Er warnte vor einer Fokussierung auf die Eucharistie, die nach seinen Worten die Gefahr mit sich bringt,  dass der Priester nur noch ein Sakramentspender ist. „Der Priester ist zuerst ein Begleiter der Gemeinschaft der Kirche, der mit Menschen auf dem Weg ist, sie entdeckt und sie liebt“ – eine Kirche, die die Angst zu verlieren verloren hat.

Neben diesen Gesichtern der Kirche und dem aufrichtigen Austausch in der Gruppe waren die Exerzitien am Ende des Monats eine wichtige Hilfe der Unterscheidung.  Und der Bekräftigung des Weges, der ein Weg jedes Einzelnen bleibt, der mit Geduld verbunden ist, der in eine grössere Freiheit führen kann. Ein Weg, auf dem nicht alle Fragen geklärt werden können, sondern ein Risiko und Abenteuer bleibt, aber zur Wegrichtung können wir unsere Bereitschaft ausdrücken.

Nicht weniger wichtig für das Gelingen des Monates waren Zeiten der Entspannung, des Lachens und der Freundschaft untereinander. Insbesondere sorgte für grosse Freude und Freundschaft das finnische Mölkky, ein Spiel mit Holzkegeln: Im Team versucht man, mit einem Wurfholz, dem Mölkky ebenzwölf Holzstehlen mit eins bis zwölf Punkten zu treffen. Ziel ist, exakt fünfzig Punkte zu erreichen, sonst muss man wieder von vorne beginnen. Das sorgte oft für den grösseren Spass als bald schon fertig zu sein. Ein Spiel als Abbild des realen Lebens:  Der wahre Gewinner ist derjenige, der den Mut nicht verliert,  immer wieder von vorne zu beginnen.  

Valerio Ciriello SJ und Dag Heinrichowski SJ

 

* Ende der 1980er-Jahre führte der damalige Generalobere Pedro Arrupe den sogenannten Arrupe-Monat, ein  – verpflichtende Ausbildungsetappe für Jesuiten während dem Theologiestudium. Der Arrupe-Monat wurde in diesem Jahr von der französischsprachigen Jesuitenprovinz in Europa organisiert und bot im belgischen Exerzitienhaus La Pairelle – den Corona-Umständen angepasst – eine privilegierte Zeit, sich einmal mehr mit der eigenen Berufung in der Gesellschaft Jesu und in der Kirche auseinanderzusetzen.

 

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