Die eigenen Schalthebel sind mir am nächsten

Valerio Ciriello SJ von Valerio Ciriello SJ,

Die ökologische Frage begann mich bereits in meiner Jugendzeit in Süditalien zu interessieren, ich wurde Mitte der 90er Jahre auch Mitglied der damaligen Partei der Grünen (Verdi).

Die Gefährdung der Umwelt hat noch einmal eine ganz andere Dimension angenommen, seit ich 2014 in den Jesuitenorden eingetreten bin. Zurzeit studiere ich in Paris Philosophie und Theologie. Die akademischen Inputs und vor allem Begegnungen mit Cécile Renouard und Umweltwissenschaftler Gaël Giraud SJ haben mich bisher am meisten geprägt. Cécile Renouard, Professorin für Philosophie und Ordensfrau, ist Gründerin des Campus de la Transition: ein ökologisches Projekt, das über die akademische Reflexion hinaus wurzeln will, um eine tiefe innere Umkehr zu bewirken, welche Mensch, Tier und Erde wieder in einen harmonischen Einklang bringt. Durch Schwester Cécile erfuhr ich auch vom Schumacher College in Dartington/ Südengland, dass sich in ähnlicher Weise der Ökologie verschrieben hat.

Die innere Umkehr unserer Denk- und Lebensweise hat für mich grosse Dringlichkeit erhalten. Eine glaubwürdige Umkehr muss bei mir beginnen, bevor ich andere zur Umkehr «verhelfen» will. So esse ich heute zum Beispiel hauptsächlich vegetarisch und verzichte auf Flugreisen, wenn immer es eine Alternative gibt. Ich habe übrigens selten im Leben so exzellent gespeist wie am Campus und am Schumacher College, ein weiterer Beweis dafür, dass vegetarische und vegane Gerichte sehr schmackhaft sein können – preiswert und gesund sind sie eh.  

Das sind vielleicht nur kleine Schritte auf dem Weg einer globalen ökologischen Umkehr. Aber viele solche Schritte multiplizieren sich täglich, stündlich rund um die Welt und werden einen Unterschied machen für die Menschheit. Statt auf die Umkehr von oben, von Politik und Wirtschaft zu warten, können wir hier und jetzt unsere eigenen Schalthebel betätigen und in unserem eigenen Leben das Schicksal in die Hand nehmen – und somit das der Welt. «Sei Du selbst die Veränderung, die Du Dir wünschst für diese Welt», pflegte Mahatma Gandhi zu sagen.

Es ist der Leitgedanke auch der beiden Institutionen und Kommunitäten, wo ich meine Sommerwochen verbracht habe. Am Campus de la Transition wie am Schumacher College gibt es das Akademische mit Masterstudium und Kursen, doch das eigentlich Formative der beiden Kommunitäten sind Erfahrungen und Begegnungen auf Augenhöhe. Studierende, Angestellte, Professoren, Freiwillige, Kursteilnehmer: Alle helfen mit in der Hauswirtschaft, beim Kochen, Putzen, bei der Feldarbeit, beim Organisieren der Bildungsaktivitäten. Jeder hat eigene und allgemeine Verantwortung für das Ganze. Ziel ist nicht, die Köpfe mit noch mehr Wissen zu fluten, vielmehr durch Körper und Seele die innere Umkehr des Herzens zu fördern, das angeeignete Wissen vom Kopf ins Herz durchsickern zu lassen. So entstehen lebhafte und wahrhaftige Kommunitäten, welche die beiden Institutionen auch geistlich tragen.

Ich habe an den zwei Orten Offenheit und Tiefe erfahren, Frauen, Männer, Junge, Ältere, Gläubige und vor allem Menschen, die mit dem Glauben nichts oder nicht viel anfangen können: Alle waren von einer gemeinsamen tiefen Sehnsucht geleitet, dass ihr Leben nicht von Hedonismus und Egoismus geprägt sei, sondern vielmehr von der Idee, dass eine humanere und gerechtere Welt möglich ist.

Was mich besonders beindruckt hat, war die Offenheit und die Tiefe der Gespräche, die ich mit vielen führen konnte – mit Menschen, die mir Minuten zuvor noch total fremd waren. Es ist eine wahrhaft tröstliche Erfahrung, dass die meisten von ihnen einen echten geistlichen Hunger verspüren, insbesondere jene, die vom Glauben entfernt sind. In diesem Zusammenhang kommen mir die Worte Jesu in den Sinn über den Glauben des (heidnischen) Hauptmannes von Kafarnaum, von dem er tief beeindruckt war: «Amen, ich sage euch: Einen solchen Glauben habe ich in Israel noch bei niemandem gefunden. Ich sage euch: Viele werden von Osten und Westen kommen und mit Abraham, Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen» (Mt 8,5-13).

Zu jener Zeit wie auch heute – der Glaube ist kein Monopol von einer bestimmten Gruppe oder Religion.

Viele denken es und die Medien verstärken es, aber es stimmt nicht: Die Welt wird nicht nur von Hedonismus und Egoismus bewegt. So viele Frauen und Männer wirken unauffällig jeden Tag an einer humaneren und gerechteren Welt mit, für sich und für kommende Generationen. Es gibt mehr Gründe zu hoffen als zu verzweifeln!

Valerio Ciriello SJ, Scholastiker, zurzeit an der Jesuiten-Hochschule Sèvres Paris

Zurück