Die Hagia Sophia als Symbol für ein Europa der Zukunft

Christian Rutishauser SJ von Christian Rutishauser SJ,

Zwei überwältigende Raumerlebnisse ragen in meiner Biografie heraus: einmal das Betreten der Kings Chapel in Cambridge. Ich trat durch die kleine Tür in den hohen, schlanken, rechteckigen Raum und mein Blick wurde nach oben gerissen. Da schwebte ein fein ziseliertes Steingewölbe. Das Fächergewölbe wie ein fliegender Teppich über mir. Lichtdurchflutet war der Raum, für mein Auge nur von den hohen, gotischen Glasfenstern getragen, denn äusserst schmal sind die Wandstücke zwischen ihnen. Ein Gefühl der Erhebung zum Geistigen löste dieses Raumempfinden in mir aus. Dann das Betreten der Hagia Sophia durch den doppelten Narthex mit seinen Mosaiken hindurch in den Hauptraum: mit einem Schlag diese Weite. Ich atmete auf, als würden mir meine beiden Lungenflügel vergrössert. Die Kuppel schwebte wie ein Sternenhimmel bergend. Ich hatte den Eindruck, als würde ich im Kosmos stehen, weit, wohlgeordnet und vielfältig. Beide Räume sind für mich Architektur der Unendlichkeit. Beide Meisterwerke sind Raumgestaltungen, die das Göttliche nicht nur als das Ewige der Zeit, sondern auch als Raum aller Räume erahnen lassen. Beide Sakralbauten als Kirchen geschaffen, lassen bis heute alle Besucher vor Erhabenheit erschaudern, unabhängig ihrer Religionszugehörigkeit und ihrer Weltanschauung.

Natürlich waren beide Sakralbauten nie nur Ausdruck reinen Glaubens. Sie repräsentierten immer auch weltliche Macht. König Henry VI. liess 1446 in Cambridge für die Kings Chapel den Grundstein legen und riss für den Bau ein ganzes Quartier nieder. Als 537 die Hagia Sophia als die grösste Kirche der Christenheit von Kaiser Justinian eingeweiht wurde, war für das byzantinische Reich ein Sakralort errichtet, der dem Hofzeremoniell und der Kaiserkrönung diente.
Nun wird die Hagia Sophia wieder Spielball der Macht. Präsident Erdogan untermauert seinen politischen Machtanspruch mit einem geistig-religiösen, wenn er das Oberste Verwaltungsgericht der Türkei dazu gebracht hat, die Gesetzesgrundlage zu schaffen, die Hagia Sophia wieder in eine Moschee zu verwandeln. Schlachten werden bekanntlich oft mit Symbolbauten geführt. Das wusste auch Bin Laden, als er die Twin Towers in New York in Schutt und Asche legen liess.

Als Sultan Mehmed II. 1453 Konstantinopel eroberte, liess er die Hagia Sophia in eine Moschee umwandeln. Viele Mosaike wurden zerstört, andere übertüncht und eine Gebetsnische Richtung Mekka wurde in die geostete Absis eingebaut. Damals ein Schock für die ganze Christenheit, und eine Demütigung. Stefan Zweig hat in den "Sternstunden der Menschheit" dieser Niederlage ein literarisches Denkmal gesetzt. Nun könnte sich dieser Akt bis zu einem gewissen Grad wiederholen, denn die inzwischen freigelegten Mosaike – man denke nur an die Madonna im Narthex oder an den Pantokrator auf der Empore – werden sicher wieder verschwinden, wenn die Hagia Sophia zu einer Moschee wird. Seit dem Religionserlass von Atatürk 1934 war sie ja ein Museum, Ausdruck der Weltanschauung des Kemalismus, der Religionen für überholt hielt und an eine rein säkulare Zukunft glaubte. Im Raum blieben die Gebetsnische nach Mekka und die Predigtkanzel der früheren Moscheeausstattung stehen wie auch die noch erhaltenen Mosaike der einstigen Kaiserkirche, die man freilegte.

Wird sich die Christenheit über Erdogans Entscheid empören? Die Länder mit christlich-orthodoxer Bevölkerung haben reagiert. Russland hat sofort seinem Entsetzen Ausdruck gegeben. Doch muss man sich angesichts des Machtgebarens eines Präsidenten Putin fragen, ob er, hätte er die Macht über die Hagia Sophia, sie nicht in eine Kirche umwandeln würde. Er würde wohl argumentieren, dies sei rechtens, weil der Bau ursprünglich Kirche war. Machtpolitisch würde er sich wie Erdogan aufstellen, der seinen Entscheid damit begründet, dass die Hagia Sophia 500 Jahre lang Moschee gewesen war. Doch führen wir das Gedankenspiel weiter: Was würde Patriarch Bartholomäus I. von Konstantinopel, eigentlicher geistlicher Hausherr der Hagia Sophia, tun, wenn er über das Schicksal seiner Kirche entscheiden könnte? Noch im letzten Herbst hatte ich bei ihm – zusammen mit einer Reisegruppe, die ich leitete – im Phanar am goldenen Horn eine Audienz. Er empfängt in einem schlichten Palast. Der Hagia Sophia enteignet, muss er sich mit einer Kirche zufriedengeben, die nicht grösser ist als eine stattliche Pfarrkirche in der Schweiz. Für ein Kirchenoberhaupt, das theologisch gesehen in der Rangordnung gleich hinter dem Papst mit seinem Petersdom in Rom steht, nicht sehr repräsentativ. Bartholomäus I. hat sich um die Ökumene verdient gemacht. Auch im Dialog mit den anderen Religionen nimmt er einen offenen Kurs sein. Es wäre ein Zeichen echter christlicher Demut, wenn er die Hagia Sophia nicht für sich in Anspruch nehmen würde, auch wenn er könnte.

Als christliche Kaiserkirche, zentrale Moschee des osmanischen Reichs und heute Museum, also säkulare Kulturinstitution, ist die Hagia Sophia einmaliges Zeugnis der geistesgeschichtlichen Entwicklung Europas. Schon mehrere Male habe ich sie besucht und war immer fasziniert von den Überlagerungen und Verwerfungen, die der Raum offenbart. Ich gestehe: Weder einem Museum mit Massentourismus ist diese Architektur der Transzendenz würdig noch dem Machtgestus der Moderne. Diese beginnt sich vielmehr langsam in die Geschichte einzureihen, denn die Säkularisierungs-These ist widerlegt. Wenn die Hagia Sophia aber Museum bliebe, zuweilen darin christliche Liturgie gefeiert werden könnte und Muslime hier auch ihr Gebet abhalten dürften, wäre dies ein Symbolbau für ein Europa, wie wir es in der Zukunft brauchen.

Bild: Patriarch Bartholomäus I. von Konstantinopel mit Provinzial Christian Rutishauser SJ im Herbst 2019 während der Audienz, die er der Schweizer Reisegruppe unter Leitung Rutishausers gewährte. 

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