Wir Prokrastinierer

Mathias Werfeli SJ von Mathias Werfeli SJ,

Aufschieben, aufschieben, aufschieben. Wie lange kann man eine Aufgabe hinausschieben? Ich kann das sehr lange und habe grosse Erfahrung darin. Ohne Hilfe gibt es (fast) keinen Ausweg. Sie glauben mir nicht? Dann kommen Sie mal mit!

Zum Alltag eines Studenten gehört das regelmässige Abliefern von schriftlichen Arbeiten. Und wenn man nicht gerade sehr zwanghaft ist, dann ist es eigentlich normal, dass man das Schreiben oder auch andere Aufgaben hinausschiebt. Gemäss einer Studie der Uni Münster gaben nur gerade 2 Prozent aller Befragten an, niemals aufzuschieben. Das heisst, dass 98 Prozent mehr oder weniger prokrastinieren – also unangenehme Dinge hinausschieben!

Was das Hinausschieben angeht, befinde ich mich also in guter Gesellschaft, denn auch als Jesuitenscholastiker (Student in der Jesuitensprache) habe ich die Ehre, regelmässig um Texte gebeten zu werden. Und ja – dieser Blogbeitrag gehört auch dazu! Aber eben, es gibt diesen Unterschied zwischen normalem Hinausschieben und pathologischer Prokrastination. Wenn sich der magische Moment nicht einstellt, an dem der innere Schweinehund normalerweise überwunden wird und man sich nolens volens an den Schreibtisch setzt, um die Sache zu erledigen. Das ist der Moment, wo der professionelle Prokrastinierer erst richtig loslegt.

Ich beginne mein Hinausschieben meistens mit umfangreichen Vorbereitungen und der Materialsammlung. Schliesslich soll der Text ja etwas hermachen und zeigen, dass ich das Thema richtig durchdrungen habe. Auch sprachlich habe ich meinen Stolz und versuche, die Worte punktgenau an den perfekten Ort zu setzen. Perfekt – damit sind wir exakt beim Wort, das mein Hinausschieben beschreibt. Ich möchte, dass alles perfekt ist. Kein Wort zu viel, keines zu wenig. Wenn der Artikel nicht eines Literatur-Nobelpreisträgers würdig ist, dann lassen wir es lieber bleiben. Nun, genau das tue ich dann auch… Denn es hat einen Grund, warum es jedes Jahr nur einen Literatur-Nobelpreis gibt.

Mit den wissenschaftlichen Vorbereitungen, die ja durchaus zum Auftrag dazugehören, ist es aber nur zu Hälfte getan. Denn ein echter Prokrastinierer kann noch mehr! Zunächst muss auch das Umfeld stimmen – und in einer Unordnung wie sie in meinem Arbeitszimmer herrscht, kann kein Mensch arbeiten. Ich räume also mein Zimmer auf und putze auch gleich Toilette und Bad der Jesuitenkommunität. Dann merke ich, dass ich schon lange mit dem Kochen dran wäre und hole das nach – ich zaubere für meine Mitbrüder das Sonntagsmenu auf den Tisch. Ich koche gerne, so fällt mir das Ablenken leicht. Nun kommen mir auch noch andere soziale Verpflichtungen in den Sinn und ich beschliesse, endlich die Weihnachts- und Neujahrsgrüsse zu beantworten (im März).

So habe ich schon ein gutes Stück der Vorbereitungszeit hinter mich gebracht und es beginnt die nächste Phase des Arbeitens, Entschuldigung, des Prokrastinierens. Denn echtes Prokrastinieren ist richtige Arbeit! Aussenstehenden ist oft nur schwer zu vermitteln, dass ich ja eigentlich sehr beschäftigt bin und mein Tag von morgens früh bis zum Schlafengehen voll ausgelastet ist. Denn weil es ja perfekt sein muss, werden immer wieder dieselben Tätigkeiten ausgeführt: Materialsammlung, Suchen der perfekten Zitate, Aufbereitung des Schauplatzes (Schreibtisch), Erledigen von Altlasten etc. Und das kann jederzeit wieder von vorne beginnen. Sogar etwas Einfaches wie Teemachen (danach kann ich mich endlich richtig konzentrieren!) wird zum Stolperstein: Nach einer Stunde habe ich zwar eine Tasse mit kaltem Tee, aber dafür sind alle Teesorten im Haus alphabetisch und nach Farben geordnet.

Bis hierhin ist es durchaus amüsant und viele Menschen können sich wohl wiedererkennen. Für echte Prokrastinierer wird das harmlose Hinausschieben aber zum Alptraum. Ob des Blicks auf den leeren Computerbildschirm macht sich tiefe Verzweiflung breit. Denn obwohl der psychische Druck und das schlechte Gewissen täglich zunehmen, werden die Ablenkungsmanöver nicht weniger. Es ist wie eine Fremdsteuerung, die einen auch noch die absurdesten Ersatzhandlungen ausführen lässt. Die Uni Münster weist auf ihrer Internetseite daraufhin, dass es sich eben nicht um Faulheit oder mangelnden Willen handelt, sondern um «ein ernsthaftes Problem der Selbststeuerung, für das es professionelle psychologische Hilfe gibt».

Freunde, die mir helfen wollten, waren einigermassen frustriert, dass ich ihre gutgemeinten Ratschläge nicht umsetzen konnte. Einige warfen schliesslich entnervt das Handtuch. Ich kann es ihnen nicht verdenken. Die Begleitung eines echten Prokrastinierers braucht nicht nur eine Engelsgeduld, sondern vor allem eine gehörige Portion inneren Abstand. Denn das Nichtbefolgen der Ratschläge ist niemals Ausdruck einer Geringschätzung, sondern schlicht das Ergebnis einer inneren Blockade, die man täglich neu durchbrechen muss.

Was half mir und hilft mir heute? Eigentlich ist es dann doch wieder einfach: Die Antwort heisst Begleitung. Eine geduldige Begleitung der kleinen Schritte, die mit realistischen Tagesetappen arbeitet und viel Reserven einplant. Es hilft auch, regelmässig kleinere Teile der Arbeit abliefern zu müssen, denn das nötigt zum Schreiben, ohne gleich ein Riesenwerk abgeben zu müssen.

Ein grosser Trost ist das Gebet. Dieser Ort, wo ich Gott ganz eng verbunden bin und ihm alles hinlegen darf, was mich belastet. Die wichtigste Frucht des Gebets ist das Gefühl der Freiheit, das Gott mir schenkt. Dank Ihm weiss ich, dass ich nicht alles selbst tragen muss und dass an meiner Arbeit nicht mein Schicksal oder das der ganzen Welt hängt. Gott verurteilt mich auch nicht, wenn ich mein Tagesziel nicht schaffe und ein schlechtes Gewissen habe. Er, der in Jesus Christus auf die Erde gekommen ist, um unsere Menschlichkeit zu teilen, trägt auch mein Prokrastinieren mit. «Denn ich bin nicht gekommen, um die Welt zu richten, sondern um die Welt zu retten.» (Joh. 12, 47) So wünsche ich Ihnen ein tägliches Überwinden des inneren Feindes, eine gute Begleitung und die Befreiung hin zu einem erfüllten Schaffen ohne schlechtes Gewissen.

Mathias Werfeli SJ

Bild: pixabay

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