«Diener der Versöhnung» in schwieriger Zeit

Beat Altenbach SJ von Beat Altenbach SJ,

Der Jesuitenorden hat wie viele andere Orden seine Existenz einer Zeit der Krise zu verdanken. Anfang des 16. Jahrhunderts war die Welt im Umbruch und die Kirche in einem erbärmlichen Zustand. Machtmissbrauch, Reichtum und Prunk, pervertierte Bräuche wie der Ablasshandel und ein schlecht ausgebildeter Klerus führten namentlich hierzulande zu einem Verlust der Glaubwürdigkeit, der den Reformatoren einen fruchtbaren Boden bereitete. Die ersten Jesuiten begegneten dieser Situation, indem sie sich hervorragend ausbilden liessen, den Dialog mit den Herausforderern nicht scheuten und dabei vor allem versuchten, die Grundlagen des Glaubens zu stärken.

500 Jahre später erlebt die Weltgemeinschaft im Allgemeinen und die römisch-katholische Kirche im Besonderen die vielleicht grösste Krise ihrer Geschichte. Doch diesmal ist die Rolle der Jesuiten eine andere. Wir stellen mit Papst Franziskus nicht nur das Oberhaupt der Kirche, sondern sind als reiner Männerorden aus mehrheitlich geweihten Priestern und mit unserer eigenen Geschichte von Missbräuchen selbst Teil der Krise. Auch wir müssen uns mit dem umfangreichen Katalog an Forderungen auseinandersetzen, der eine radikale Erneuerung der Kirche verlangt: Transparenz und Nulltoleranz bei allen Formen von Missbrauch, Gleichberechtigung der Geschlechter in der Leitung, Frauenpriestertum und Aufhebung des Pflichtzölibats sowie eine Revision der Sexualmoral und des Kirchenrechtes, um nur die wichtigsten zu nennen.

Ich wage zu behaupten, dass die Mehrzahl der Jesuiten hierzulande die genannten Anliegen grundsätzlich teilt. Einzelne Mitbrüder setzen sich in ihren Bereichen auch aktiv und an vorderster Front für Veränderungen ein. Es ist jedoch nicht angesagt, zusätzlich zu polarisieren in der aufgeheizten Stimmung, in der manche Gläubige hoffen, dank der Missbrauchskrise endlich den unliebsam progressiven Papst loszuwerden, während andere die Fragilisierung der Kirche ausnutzen, um ihre Forderung nach Umbau mit noch mehr Nachdruck vorzubringen. Als Jesuiten sind wir aufgerufen, die ignatianische Tradition der Unterscheidung der Geister in die aktuellen Debatten einzubringen, zuzuhören, den Dialog zu fördern und «Diener der Versöhnung» zu sein (36. Generalkongregation der Jesuiten 2016).

Bei aller Berechtigung der Forderung nach einem Umbau kirchlicher Strukturen und Gesetze darf nicht vergessen werden, dass im Zentrum unseres Dienstes weder eine Institution noch eine Wahrheit steht, sondern eine Person: Jesus Christus, das menschgewordene Antlitz Gottes. Seine Sendung war es nicht, primär als Vorbild eines guten Lebens zu dienen und eine Ethik zu begründen, sondern die bedingungslose Liebe und Barmherzigkeit des Vaters zu offenbaren. Das ist die Grundlage unseres Glaubens. Und wenn es uns inmitten der Strukturkämpfe in unserer Kirche nicht mehr gelingt, den suchenden Menschen von heute diese befreiende und zum Leben ermutigende Botschaft erfahrbar werden zu lassen, wird uns auch aller Umbau nicht vor dem weiteren Verdunsten des Glaubens bewahren können.

Beat Altenbach SJ, Studierendenseelsorger in Basel und geistlicher Begleiter

Bild: Beat Altenbach SJ

Weiterführende Links / Quellen / Infos:

Jahresbericht 2018 der Freunde des Katholischen Studentenhauses Basel.

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