Mit Ignatius im Management-Seminar

Tobias Karcher SJ von Tobias Karcher SJ,

Eine internationale Konferenz von Jesuiteneinrichtungen hat mich diesen Sommer zu unserer Santa-Clara-Universität geführt. Der traumhafte Campus dieser ältesten Universität Kaliforniens liegt mitten im Silicon Valley. Im Vordergrund standen die grossen, disruptiven Veränderungen, die IT Unternehmen herbeiführen. Die Ausgangsfrage war: Welche Ethik ist hier gefordert und was kann die ignatianische Spiritualität dazu beitragen? 

Zum Auftakt sprach der Präsident der Universität, der Jesuit Kevin O’Brien. Ignatius, so O’Brien, lebte selbst in einer Zeit des Umbruchs: vom Mittelalter zur Neuzeit, von einer allumfassenden Kirche zum Zeitalter der Reformation, von einer festgefügten Ständegesellschaft zur aufsteigenden Bedeutung des Individuums. Ignatius erkannte den dringenden Bedarf von guter Bildung. Die ersten Jesuitenuniversitäten wurden ins Leben gerufen. Es waren die Prinzipien der Jesuitenausbildung, die diesen Hochschulen ihre Besonderheit gaben, Prinzipien eines christlichen Humanismus wie Herzens- und Charakterbildung sowie das Engagement für die Armen. Eine optimistische Weltzugewandtheit prägte die Lehre.

O’Brien erinnerte an Mark Zuckerberg, den Gründer von facebook und sein Motto: „Move fast and break things“. Auch die ersten Jesuiten waren begeistert von den Innovationen einer neuen Welt. Wer googelt, findet schnell all die Jesuiten, die sich mit Chemie, Physik, Astronomie oder Kunst auseinandersetzten, mit tradiertem Wissen brachen und ihre Zeit mit Innovation bereicherten.

Mit all den kleinen und grossen Skandalen in Silicon-Valley hat sich das Motto Zuckerbergs jedoch bereits überholt. „Move thoughtfully and lift up people“, formulierte O’Brien im Sinne ignatianischer Spiritualität.

Ignatius legt uns nahe, Veränderungen stets zu begleiten mit Reflexion und einem Unterscheiden der Geister. Spiegelt die Veränderung wider, wer wir sind? Dient die Störung einem noblen Zweck? Steht der Mensch, das Menschliche im Zentrum der Unterscheidung? Ignatius betont die cura personalis: Fürsorge für jeden Menschen in seiner Einzigartigkeit von Geist, Körper, Seele. 

Die Welt der IT-Technik bietet ohne Zweifel grosse Chancen. Effizienz und Automatisierung sind oft ein Gewinn. Jedoch geht in der Tech-Welt die langfristige Perspektive verloren. Was sind Konsequenzen und Auswirkungen einer neuen Technik? Welche reflektierten Entscheidungsmodelle stehen zur Verfügung? Wie verändern sich die menschlichen Beziehungen und die Beziehungsqualität? Wir brauchen ausgewogene Debatten darüber, welche Spielregeln gelten sollen, wann Spezialisierung und wann Allgemeinwissen wünschenswert ist. Schliesslich ist zu unterscheiden, wann wir verantwortungsvolle „whistleblower“ brauchen und wann es einer Mob-Mentalität entgegenzutreten gilt. 

Zurück im Lassalle-Haus bereiten wir gerade ein weiteres Seminar für ein führendes Schweizer IT-Unternehmen vor. „Mindful leadership“ lautet dieses Angebot des Lassalle-Instituts, das wir inhouse für Unternehmen entwickeln. Ich freue mich darauf, gemeinsam zu überlegen, ob angestrebte Neuerungen und Konzepte widerspiegeln, wer das Unternehmen ist oder besser: wer die Menschen des Unternehmens sind. Diese Impulse beflügeln auch meine motivierten Mitarbeitenden in der Vorbereitung, und so fragen wir uns, jede und jeder für sich: Dient das alles einem noblen Zweck? Steht der Mensch, das Menschliche im Zentrum der Unterscheidung? „Move thouhtfully and lift up people!“

Tobias Karcher SJ, Direktor des Lassalle-Instituts

 

Weiterführende Links / Quellen / Infos:

www.lassalle-institut.org

 

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