Église verte mitten in Paris

von Martin Föhn SJ,

Je mehr ich mich mit ökologischen Fragen beschäftige, umso beunruhigender finde ich die Fakten. Und umso mehr freuen mich die Menschen, die an unserer Pariser Hochschule Centre Sèvres und der angegliederten Kirche Saint-Ignace Laudato si’ ernst nehmen – und handeln.

Damit das Studium nicht nur unseren Verstand schult, sondern auch mit konkreten Menschen verbunden ist, machen wir als Jesuiten neben dem Studium stets eine Art Praktikum – Nebenexperiment in unserem Jargon. Die Nebenexperimente helfen uns, neue Felder zu erschliessen und uns auszuprobieren. Seit gut einem Jahr bin ich damit beauftragt, der Enzyklika Laudato si’ von Papst Franziskus an unserer Hochschule Centre Sèvres in Paris Nachdruck zu verleihen, dies auch in der Kirche Saint-Ignace, die sich gleich daneben befindet.

Je mehr ich mich mit den Fragen der Ökologie und der Klimaveränderung beschäftige, umso beunruhigender finde ich sie. Von Zeit zu Zeit fühle ich mich wie ein kleines Kaninchen vor einer Schlange. Vor allem, wenn ich Studien von Wissenschaftlern lese oder wenn ich mir Dokumentationen auf Youtube oder anderen Kanälen anschaue. Die Zukunft sieht für mich sehr düster aus. Einerseits glaube ich, dass in den nächsten 20 bis 50 Jahren ein grosses Chaos auf uns zukommt. Sowohl das Wirtschafts- wie auch das Ökosystem, wie wir es heute kennen, werden meiner Meinung nach zusammenbrechen und sich komplett verändern. Ob, wann und wie der Crash kommt, weiss keiner, aber je mehr und mutiger wir bis dahin konkrete Alternativen erprobt haben, desto bessere Karten haben wir für den Aufbau einer nachhaltigeren und menschlicheren Welt. Auf diese Veränderungen, die grosse Unsicherheiten hervorrufen, gilt es, sich vorzubereiten.

Andererseits bin ich hoffnungsvoll. Es ist eine grosse Freude, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die sich in diesem Bereich engagieren. Was uns verbindet, ist die grosse Sorge um die Zukunft und der Glaube, dass auch die kleinen Dinge, die wir tun, wichtig sind. Durch diese kleinen Dinge wirkt Gott. Ich glaube zutiefst daran, dass er die Welt durch unsere kleinen Handlungen verändern kann. In meinem Weltbild sind nicht wir Menschen diejenigen, die Natur und Systeme am Leben erhalten, sondern es ist Gott, der das Leben selbst ist. Finden wir seinen Rhythmus, finden wir zur Schöpfung und zu unserem Platz und Aufgabe in ihr. Deshalb halte ich das Gebet, das uns mit uns selbst, mit den anderen, mit der Natur und mit Gott verbindet, für das Wichtigste.

Was nun ist Gebet? All das, was uns mit der Natur, allen Menschen und Gott verbindet und in den Rhythmus des Lebens versetzt. Gebet kann etwas Passives sein, wo ich nur wahrnehme und mich von dem erfüllen lasse, was ist. Es kann aber auch aktiv sein, indem ich auf den anderen zugehe und versuche, ihn/ sie/ es zu verstehen. Wenn wir durch das Gebet mit Gott und dem anderen verbunden sind, werden wir die Kraft erhalten, die notwendigen Dinge zu tun. Dazu gehören auch mutige politische Entscheidungen – und es braucht grosse gesellschaftliche Umkehr und Transformation! Im Gebet kann sich zeigen, was wir tun können und wo wir uns engagieren sollen.

Und was tun wir konkret in der Kirche Saint-Ignace? Wir wollen die Menschen, wer sie auch sind und woher sie auch kommen, sensibilisieren. Dazu hilft der partizipative Ansatz. Nach einer Ankündigung im Sonntagsgottesdienst fanden sich zu einem ersten Treffen ein Dutzend Menschen ein, die sehr erfreut waren, dass sich die Kirche nun „endlich“ konkret dem Thema Ökologie widme – so ihre Wahrnehmung. Der Auftakt des Treffens wurde mit Laudato si’ gemacht, Papst Franziskus` Enzyklika von 2015, in der er seine tiefe Besorgnis um die Schöpfung ausdrückt und die Menschen aufruft, zu handeln.

Im Verlauf des Jahres wurden vier Kleingruppen ins Leben gerufen: eine Koordinationsgruppe, die die grossen Zusammenhänge im Blick hat; eine Liturgiegruppe, die die ökologische Frage in das Gebet und die Liturgie der Gemeinde einbringt; eine Natur- und Gartengruppe mit dem Ziel, den Menschen zu helfen, tiefer in die Beziehung zur Natur einzutreten; und eine Weiterbildungsgruppe, um verschiedene Schulungen rund um das Thema zu initiieren.

Die Koordinationsgruppe ermittelte den Verbrauch von Wasser, Strom und Heizung in der Kirche und beschäftigte sich mit dem Management eines verantwortungsvollen Einkaufs. Die Natur- und Gartengruppe bietet regelmässig meditative Spaziergänge im Wald und in der Stadt an. Die Liturgiegruppe hat verschiedene Gebete in Kooperation mit anderen Teams auf das Thema ausgerichtet.

Im Mai 2019 bekam die Kirche das Label Église verte. Dieses ökumenische Label unterstützt religiöse Einrichtungen rund um die Fragen von nachhaltigerem Leben. In Deutschland und der Schweiz ist es vergleichbar mit dem grünen Gockel.

Der Herbst-Pfarreitag wurde komplett auf das Thema ausgerichtet. Die Lieder, die Predigt, die Katechese für die Kinder drehten sich um den Titel "Mögen deine Werke dir Dank bringen". Eine Ausstellung mit grossen Plakaten zierte die Kirche und erklärte die Beziehung zwischen Glauben und Ökologie. Am Nachmittag fanden mehrere Workshops statt: Diskussionen zum Thema Verkehr und stromintensiver Internetnutzung, meditativer Spaziergang in der Stadt, Tanzworkshop, Nature-Arts, gemeinsames Schreiben eines Gebetes sowie ein interaktives Spiel, eine Art Klima-Kollage,  welches die Ursachen und Wirkungen der Klima-Irregularitäten aufzeigte.

Die letzte grössere Aktion war ein Adventskalender in der Kirche. Er schlug uns jeden Tag eine kleine ökologische Geste vor. Zum Beispiel: Denken Sie an handgemachte Geschenke und Verpackungen. Speichern Sie die meistbesuchten Internetseiten in Ihrer Favoriten-Leiste ab. Denn 200 Suchanfragen verbrauchen so viel Energie wie das Bügeln eines Hemdes. Dies scheint wenig zu sein, doch hochgerechnet auf die ganze Welt hatte Google 2015 den gleichen jährlichen Energiekonsum wie die Stadt San Francisco. Mittlerweile wird es das Doppelte wenn nicht das Dreifache sein. 

Oder: Bringen Sie jemanden zum Lachen. Geben Sie jemandem eine Mandarine oder eine andere Kleinigkeit. Ökologie ist eben nicht nur ein „grünerer“ Lebensstil, sondern vor allem ein bewussteres „In-Beziehung-Treten“ und Handeln.  

Martin Föhn SJ

 

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