Ein Plädoyer für Neujahrsvorsätze

Beat Altenbach SJ von Beat Altenbach SJ,

Sie sind ebenso traditionell wie belächelt, die Neujahrsvorsätze. Irgendwie gehören sie einfach dazu wie die knallenden Champagnerkorken und das Feuerwerk. Doch die meisten dieser Vorsätze sind schon nach wenigen Tagen Vergangenheit, was wiederum aufgeklärtere Zeitgenossen veranlasst zu verkünden, dass sie gar nicht erst damit anfangen wollen. Es sei sinnlos und lächerlich, da man ohnehin früher oder später scheitern würde. Das ist in der Tat meistens auch richtig, zumal wir in der Regel nur Dinge zu Vorsätzen machen müssen, die mit unseren Schwächen zu tun haben und uns nicht einfach so leicht fallen. Doch das eigentliche Problem mit den Vorsätzen ist nicht deren abzusehendes Scheitern, sondern unsere Unfähigkeit, mit dem Scheitern umzugehen.

Warum überleben die meisten Vorsätze immer nur bis zum ersten Scheitern? Viele Vorsätze scheinen eine Art Alles oder Nichts Spiel zu sein: Ich versuche mit meinem Willen etwas durchzusetzen oder gegen etwas anzukämpfen. Und entweder gelingt es mir, oder ich gebe mich geschlagen und lasse es sein. Der Moment des Scheiterns ist demütigend, und darum bewahre ich mich vor weiteren Demütigungen, indem ich den Vorsatz fallen lasse. In unserer auf Selbstverwirklichung und Selbstoptimierung getrimmten Kultur hat das Scheitern keinen Platz. Man steckt seine ganze Energie und den ganzen Willen in messbare und kontrollierbare Dimensionen seines Lebens. Alles andere lässt man links liegen.

Dabei wäre gerade die Auseinandersetzung mit denjenigen Seiten an uns, die nicht einfach so unserem Willen unterliegen, eine Chance zum menschlichen Wachsen an Freiheit und Liebe. Der geistliche Übungsweg in der Tradition des Heiligen Ignatius von Loyola (1491 – 1556) möchte uns bei diesem Prozess helfen. Die Dynamik des ignatianischen „magis“ (mehr) gibt die Richtung vor: Die Sehnsucht, über das Bestehende hinaus die eigenen Gaben und Möglichkeiten zu entfalten, an sich selber zu „arbeiten“, um freier zu leben und mehr zu lieben. Ausgangspunkt dazu ist die Erfahrung, von Gott bedingungslos bejaht zu sein, so wie man ist. Dies ermöglicht die angstfreie Anerkennung von all dem, was ungeordnet ist und einem am Leben und Lieben hindert. Hier kann dann ein guter Vorsatz ansetzen. Dabei geht es nicht um Perfektion, sondern um das geduldige Unterwegssein mit einer klaren Absicht und dem barmherzigen Umgang mit den eigenen Grenzen und dem gelegentlichen Scheitern. Beim täglichen Rückblick auf den Tag kann ich immer wieder ein besonderes Augenmerk auf die Einhaltung meines Vorsatzes richten. 

Wichtig dabei ist das Bewusstsein, dass ich es weder aus eigener Kraft schaffen kann noch muss. Ignatius lädt ein, das eigene Anliegen immer wieder im Gebet vor Gott zu formulieren und um die nötige Hilfe zu bitten. Dazu gehören auch ein gewisses Durchhaltevermögen, eine entschiedene Gelassenheit und eine Prise Humor. Und auch die wohlwollende Unterstützung von guten Freunden kann mich gerade in schwachen Momenten tragen. Auf diese Weise kann ich so lange mit einem guten Vorsatz unterwegs sein, bis er früher oder später beginnt, Früchte zu tragen. Versuchen Sie es selber und beginnen Sie einfach mit dem Neujahrsvorsatz, den Sie für dieses Jahr bereits schon wieder aufgegeben haben. Viel Glück und ein segensreiches 2020!

Beat Altenbach SJ

Bild: Unterwegs im Lavaux (ba)

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