Erinnerungen an Ulrich Luz († 13. Oktober 2019)

von Franz-Xaver Hiestand SJ,

Das erste Mal vernahm ich seinen Namen im Winter 1990 im aki-Bern. Eine deutsche Studentin berichtete, sie sei seinetwegen zum Studium nach Bern gekommen. Bis dahin hätte ich mir nicht vorstellen können, dass Leute aus dem Lande Luthers eigens wegen eines Schweizer Professors länger in der Schweiz bleiben würden. Bald lernte ich, dass diese Studentin kein Einzelfall war. Viele Studentinnen und Studenten zogen für kürzere oder längere Zeit nach Bern, um von Luz zu lernen.

Das aki war in jenen Jahren unter der Leitung des Jesuiten Bruno Lautenschlager SJ ökumenisch ausgerichtet. Nahe beim Uni-Hauptgebäude gelegen, verfügte es über stille, einladende Räume und einen grosszügigen Garten. Dozenten und Studentinnen zogen sich gerne dahin zurück für Sitzungen oder Retraiten. Nicht selten waren auch Professorinnen und Professoren der evangelisch-theologischen Fakultät im Hause zu Gast. Man traf sich, man lernte sich kennen.

Im Jahre 2001 fragten Sabine Müller Jahn, die heutige Pfarrerin von Langenthal, und ich Ulrich Luz an, ob er an einem Podiumsgespräch teilnehme. Es gehe um die Frage, inwieweit die Kirchen noch Halt geben. Maja Zimmermann-Güpfert, damals Münsterpfarrerin, Schwester Ursula von den Kleinen Schwestern und Weihbischof Peter Henrici, damals Generalvikar in Zürich, seien auch dabei. Noch heute habe ich im Ohr, wie Luz spontan und mit grosser Herzlichkeit zusagte. Es bedeute ihm viel, die anderen Gesprächspartner wiederzusehen oder kennenzulernen. Vor allem auch auf die Wiederbegegnung mit Henrici freue er sich sehr. Dankbar erinnere er sich an die Gastfreundschaft, mit welcher Henrici ihn einmal an der Universität Gregoriana in Rom aufgenommen habe.

Das Podiumsgespräch wirkte nach. Es ging auch um die Perspektiven der evangelischen und der katholischen Kirche. Wie würden sich beide weiterentwickeln? Theologisch, global, aber auch lokal in Bern; und nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Ökumene? – Luz argumentierte ruhig, verbindend und betonte mehrmals, dass in diesen Fragen «die Kirche Jesu Christi» ein Leitbegriff sein müsse. Nicht wenige Katholiken hörten an jenem Abend die Formulierung «Kirche Jesu Christi» das erste Mal bewusst und begannen sich, an dieser Vision zu orientieren. Und manche Überlegungen, die Luz damals vortrug, konnten später auch viele evangelische Pfarrerinnen und Pfarrer in Deutschland in konzentrierter Form lesen.

Gut zwei Jahre später geriet das pfarrblatt Bern, das ich damals als Mitglied des Vorstands mitprägen durfte, in eine epische Auseinandersetzung mit der Bistumsleitung. Letztere beanstandete Formulierungen im pfarrblatt Bern zur Eucharistie. Immer wieder blätterte ich in jenen Monaten im grossen Matthäus-Kommentar von Ulrich Luz. Gerade auch zum Letzten Abendmahl bei Matthäus und zur Wirkungsgeschichte der Matthäus-Passagen hat Luz Erkenntnisse festgehalten, die aktuell bleiben. So schrieb er: «Die wichtigste Anfrage von der Bibel muss (…) darin bestehen, wie man von dem, was durch Kirche, Konzile und Theologen ‘gültig’ definiert ist, wieder zurückkommen kann zu dem, was von der Sache her gar nicht definierbar ist.» (Das Evangelium nach Matthäus. 4. Teilband, S. 121) Noch heute bedaure ich, dass solche Überlegungen in Solothurn damals kaum Gehör fanden.

Noch einmal kam Luz später für eine Veranstaltung ins aki. Methodisch und pädagogisch sehr versiert breitete er vor uns aus, wie und mit welchen Formulierungen sich Jesus zum Thema «Teufel» äussert. Mit prägnanten Thesen und gleichzeitig mit der Ruhe eines Menschen, der betet und im Horizont einer grösseren Wirklichkeit steht, prägte Luz den Abend.

Er muss nach seiner Emeritierung ein leidenschaftlicher Lehrer und Forscher geblieben sein. Auch aus Zürich reisten in den letzten Jahren noch Studentinnen und Studenten zu ihm nach Laupen, um von ihm zu lernen. Und noch letztes Jahr präsentierte er in der Ostschweiz für die Johann Sebastian Bach-Stiftung eine «recht nüchterne Reflexion über den Namen Jesus».

Stellvertretend für eine wissenschaftliche Würdigung des Verstorbenen mögen die folgenden Worte des renommierten Neutestamentlers Joachim Gnilka gelten. Nach Erscheinen des letzten Bandes von Ulrich Luz zum Matthäus-Evangelium im Jahre 2003 schrieb er: «Der vorliegende Matthäus-Kommentar (…) ist eine Musterleistung der Exegese. Interpretatorisch zuverlässig informierend, bietet er als Novum den weitreichenden Einblick in die Interpretationsgeschichte, von der aus man die Texte in einem neuen Licht lesen lernt. Der subjektiven Auslegung wird relativ weiter Raum gewährt, das Stellung beziehende Ich des Verfassers kommt oft zu Wort. Vielleicht wird das, was Gadamer den Horizont nannte, manchmal etwas zu irenisch betrachtet. Die «gefährliche Erinnerung» Walter Benjamins, die provozieren will, ist zurückgestellt. Der Versuch, die Texte in das Heute einzubeziehen, ist mutig und für einen weiteren Leserkreis hilfreich, mag er vielleicht auch manchem weniger gefallen. (…) Man muss Ulrich Luz zu seinem Kommentarwerk beglückwünschen!»

Mehr aber noch als der Wissenschaftler bleibt mir der Mensch Ulrich Luz in Erinnerung. Als ich erstmals nach Bern kam, war ich noch vom Eindruck geprägt, dass grosse evangelische Theologen in intellektueller Hinsicht gar nicht anders können, als auf die Katholiken herabzublicken.

Ulrich Luz ist für mich einer der ersten in einer mittlerweile langen Reihe von Persönlichkeiten der reformatorischen Tradition, bei denen ich im ökumenischen Gespräch zwar berechtigtes Bedauern über römisch-katholische Bremsmanöver, aber nie auch nur die geringste Herablassung über katholische Menschen gespürt oder gehört habe. Die Entschiedenheit, Redlichkeit und Humanität des Verstorbenen im ökumenischen Dialog und in der alltäglichen Begegnung sind mir Vermächtnis und Auftrag.

Franz-Xaver Hiestand SJ, Hochschulseelsorger aki Zürich

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