Ferien, holidays, vacances, Urlaub…

Christian Rutishauser SJ von Christian Rutishauser SJ,

In diesem Sommer kam ich erst in der zweiten Augusthälfte zu einer Woche in Skandinavien. Ich war noch nie so weit im Norden. Es ist die Arbeit, eine Sitzung in Stockholm, die mich bewogen hat, davor einige Ferientage vorzuschalten. Land und Leute, Kultur und Geschichte kennenzulernen, motivieren mich. Vor einem Jahr verbrachte ich eine Sommerferienwoche mit einem Freund im Tessin. Wandern und sich erholen waren angesagt. 2017 blieb ich zehn Tage in Jerusalem, um Freunde zu besuchen, nachdem ich dort zuvor an einem Jesuitentreffen teilgenommen hatte. Ferien sind für mich nicht etwas, das ich unabhängig plane. Sie haben keine feste Form, sind weder an eine bestimmte Zeit noch an einen besonderen Ort gebunden. Sie ergeben sich vielmehr aus meinen Aufgaben: als Ergänzung oder Ausgleich, um Beziehungen zu pflegen oder mich in einem Bereich weiterzubilden, der mir Freude macht, oder einfach zur Erholung.

Ich muss gestehen, dass ich zum Konzept Ferien, wie es sich seit der Industrialisierung herausgebildet hat, ein gespaltenes Verhältnis habe. Ferien als Gegensatz zu Lohnarbeit, wobei ersteres Vergnügen und letzteres Mühe bedeutet, passt für mich nicht. Arbeit als Entfremdung und Ferien als Ort der Selbstverwirklichung brauche ich nicht. Eine solche Denke erscheint mir fremd, wie das Selbstmanagementkonzept von work-life-balance. Als ob Arbeit nicht auch Leben wäre! Ferien können sehr anstrengend sein, während erfüllende Arbeit Sinn und Freude schenkt, ja Arbeit kann befriedigender sein als Ferien. Arbeit darf auch nicht auf Lohnarbeit reduziert werden. Bei gewissen Fortbildungen oder bei der Pflege von Beziehungen sind die Grenzen zwischen Arbeit und Ferien fliessend. Als ich in den Jesuitenorden eintrat, wollte ich mit einem geistlichen Leben genaue Aufspaltungen des Lebens unterlaufen. Es gibt keine Ferien von einem Leben in der Gegenwart Gottes. Spirituelles Leben umfasst die Arbeit und will Ferien prägen. Es umgreift alle Lebenserfahrungen. Es erwächst aus einer existentiellen Grundhaltung und stellt eine Klammer dar, die die Unterscheidung von Arbeit und Ferien relativiert.

Sofern Ferien Zeit strukturieren und Räume für verschiedene Lebensformen schaffen, sind sie sehr wichtig. Sie sind eine säkulare Form dessen, was Religionen mit ihren Festkalendern seit jeher machen: dem Alltag eine Hochzeit gegenüberzustellen. Im Englischen erinnert das Wort holidays für Ferien noch an diesen Zusammenhang. Es geht um holy days, um heilige Tage. Ferien sind da, um nicht den Lebensunterhalt nachrennen zu müssen, sondern die Beziehung mit Gott, mit dem Heiligen zu pflegen. Das Heilige ist im Gegensatz zum Profanen genau das, was sich nicht verzwecken lässt. Dazu gehört die Pflege von Freundschaften und Familienbeziehungen, von ungezwungenem Zusammensein. Vacances im Französischen verweist eher auf Leere, die eintritt, wenn Arbeit wegfällt –das Wort kommt vom lateinischen Wort vacans und bedeutet leer, unbesetzt. Ferien im Deutschen geht auf das Lateinische feriae zurück, auf Festtage, an denen der Alltagsbetrieb ruht. Es geht um ein Stück Freiheit. Dies ist seit der Antike besonders in der biblischen Tradition fest institutionalisiert.

In Treue dazu schafft das Judentum bis heute mit jedem Schabbat einen freien Tag, einen heiligen Tag. Er erinnert an das Ruhen Gottes nach seinem Schöpfungswerk (Ex 20,8-11). Am Schabbat wird auch die Freiheit aus der Sklaverei gefeiert (Dtn 5,12-15). Der Sabbat ist ein Festtag zur Pflege der Beziehung unter den Menschen und mit Gott. Das Christentum hat den Grossteil der jüdischen Gebote nicht übernommen, das Zehn-Wort, das die Anweisungen zum Schabbat enthält, jedoch immer hochgehalten. Diese Anweisungen wurden auf den Sonntag übertragen. Sonntagskultur ist aber gerade dabei zu zerfallen. Katholikinnen und Katholiken gehen vielleicht noch zum Gottesdienst am Sonntag. Doch den Tag als heilige Zeit zu erfassen und zu gestalten, ist vielen fremd geworden. Ein Versuch über den geglückten Sonntag würde sich lohnen! Einmal die Woche einen Tag Ferien. Wenn Christen aber nur noch auf «bürgerliche Ferien» hinleben und den Sonntag vergessen, macht es mich traurig. Eine solche Zeitgestaltung zeigt, wie der Glaube seine Gestaltungskraft verloren hat.

Provinzial Christian Rutishauser SJ, ständiger Berater des Heiligen Stuhls für die religiösen Beziehungen mit dem Judentum

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