Glaubenskonflikt im Gym

Pascal Meyer SJ von Pascal Meyer SJ,

Im Gym, altdeutsch Fitness-Studio, denke ich über die No-Carb-Bruderschaft, das Opus der Veganer, der Proteiziner und Co nach – über ihre Anhänger, Novizen, Propheten und Fanatiker. Ihre Diskurse auf Social Media erinnern mich an veritable Glaubensdebatten.

Anfang Jahr ist Hochsaison für Gyms (vom englischen Gymnasium). In Scharen quälen sich die von den Weihnachtstagen genährten und durchaus reumütigen Neukundinnen und Neukunden durch die Introduction Sessions (altdeutsch  Einführungen), wo man bei gefühlt Zweidutzend Fitnessgeräten die Grenzen der muskulären Dehnbarkeit erfahren darf. Wer sich dieser Tortur regelmässig und mit genügend hohem Einsatz unterzieht, wird auf vielerlei Weise belohnt. Ein trainierter Körper sieht für die meisten Menschen attraktiver aus; die verbesserte Ausdauer macht das Treppensteigen einfacher; und die massenweise vom Körper produzierten Glückshormone für das erfolgreiche Wegdrücken eines 120-Kilo-Gewichtblockes stellen die Erfahrungen von so mancher Feier in den Schatten.

Auch wenn viele Menschen es nicht gerne wahrhaben wollen: Ein erfolgreiches Training macht fleissige Sportlerinnen und Sportler – zumindest aus biochemischer Sicht – oftmals glücklicher als so manche sportferne Beschäftigung am Samstagabend. Alles Narzissten? Das mag auf einige Gym-Besucher zutreffen, verallgemeinern lässt sich das aber nicht. Narzissten finden sich auch in der Bibliothek, am Stammtisch, im Kloster.

Eines scheint mir dennoch klar: Es existiert in der Schweiz (wahrscheinlich auch im Rest der westlichen Welt) ein gesellschaftliches Schisma zwischen Menschen, die Sport treiben oder eben nicht. Beide Fraktionen haben ihre je eigenen Meinungen, Ideen oder Killerargumente, ihre Anhänger, Novizen oder Experten, ihre Gurus, Propheten oder Fanatiker. Die Diskussionen zwischen beiden Gruppenangehörigen erinnern oftmals an Glaubensdebatten zwischen Atheisten und Gläubigen. Während die einen felsenfest von ihrem Lebensmodell oder ihrem Glauben überzeugt sind, wird genau diese Sichtweise von der anderen Seite relativiert, heruntergespielt, lächerlich gemacht à la:

«Wie kannst du nur ohne Sport leben? Weisst du denn nicht, wie schlecht das für deine Spirit-Body-Heart-Balance ist?»

«Was? Du gehst ins Gym? Du brauchst diesen Körperkult doch nur, um deine seelischen Minderwertigkeitsgefühle zu kompensieren!»

Interessant wird es, wenn man sich den Konflikten innerhalb der Sportlerschar zuwendet. Denn auch dort gibt es Streitigkeiten. Diese manifestieren sich allerdings nicht unbedingt im Gym selber. Die grosse Bühne für pseudo-sportliches Gezänk findet in Social Media statt, auf YouTube, Facebook und Instagram. Die wesentlichen Streitthemen können relativ rasch ausfindig gemacht werden: Ernährung, Übungen und persönliche Einstellung.

Über gesunde Ernährung für Sportbewusste gibt es im Internet eine so breite Palette an Lehrmeinungen, Ratschlägen und Warnungen, dass man am Ende angesichts der widersprüchlichen Theorien ratlos ist – die Wahrheit hat wohl keiner für sich gepachtet.

Eine der grössten Fraktionen in der Online-Fitnesswelt ist die Gesellschaft Low-Carb. Für die eine Fraktion sind Kohlenhydrate zwar nicht verboten, allerdings soll der Anteil an Brot, Teigwaren, Reis, Kartoffeln geringer sein als jener von Gemüse, Milchprodukten, Eier, Fisch oder Fleisch. Die Kartäuser-Variante davon ist die No-Carb-Bruderschaft, die auf Lebensmittel mit hohem Kohlenhydratwert gänzlich verzichtet. Die Radikalität eignet sich nur für Hartgesottene, weshalb die Anhängerschaft vergleichsweise klein ist. Daher hüllt sich diese Fraktion in den Social Media eher in Schweigen.

Medial omnipräsent ist hingegen das Opus der Veganer. Deren Vertreter sind felsenfest überzeugt, dass eine «schuldlose» Ernährung ohne Einbezug jeglicher tierischer Produkte (Sünde!), zu den zumindest ethisch gesehen besten Ergebnissen führe. Die moralische Überlegenheit dieser Glaubensrichtung hängt mit dem Faktum zusammen, dass Kopfsalat nicht schreit, wenn er von seiner Wurzel abgeschnitten wird.

Eine andere Gruppe, nennen wir sie Proteiziner, schwört auf den massiven Einsatz von Fleisch, Fisch, Eiern, Protein-Shakes, Kraftriegel und Ergänzungsmittel. Letztere stehen zwar nicht unbedingt für kulinarischen Genuss. Doch ist das körperliche Heil nur mit Entbehrung, Entsagung und Selbstdisziplin zu erreichen. Diese ideologische Selbstkasteiung spiegelt sich in Texten sogenannter «Motivationsmusik» für Sportlerinnen und Sportler wieder: «Kein Schmerz, kein Ruhm, «Sei der Beste oder der Schlechteste», «Entschuldigungen verbrennen keine Kalorien» oder «Scheitern ist keine Option».

Für überzeugte Fitnessjünger ist der körperliche Erfolg das Einzige, was zählt. Der Weg dahin eröffnet sich über die verschiedenen sportlichen Übungen für Schultern, Arme, Brust, Rücken, Bauch, Beine und den Hintern. Wie viele Übungen, mit welchen Geräten (wenn überhaupt mit Geräten), mit wie viel Gewichten (oder doch nur das eigene Körpergewicht?) und wie oft pro Woche, das hängt erneut von der jeweiligen Fraktion ab. Bei den einen ist der tägliche «Kirchgang» ins Gym unumgänglich, um das körperliche Heil zu erlangen. Andere betonen das notwendige Gleichgewicht zwischen körperlichem Reiz und Erholungsphasen. Das Problem der Zuschauenden: Die jeweiligen Propheten sowohl der einen als auch der anderen Fraktion sehen auf YouTube, Facebook und Instagram gleichermassen durchtrainiert und gesund aus. Und auch die rhetorische Dynamik hinter jeder Fraktion unterscheidet sich nicht. Da kann ich nur sagen, angelehnt an Cyprian von Karthagos Extra ecclesiam salus non est (Ausserhalb der Kirche gibt es kein Heil):

Extra exercitia mea nulla salus!

Die Tatsache bleibt: Wer nicht fleissig übt, wird sich nicht steigern in dem, was er oder sie tut. Diese Dynamik findet sich auch in der Musik, in der Schauspielerei, in der Kunst, wo immer. Doch was passiert tatsächlich, wenn man nicht radikal Sport betreibt? Wird man dann plötzlich hässlich? Übergewichtig? Ein schlechter Mensch?

Nüchtern betrachtet gibt es viele gute Argumente, um ein regelmässiges Fitnessprogramm oder eine gesunde Ernährung in den Alltag zu integrieren. Das hat nichts mit Narzissmus oder Selbstoptimierung zu tun. Es tut dem Körper gut, sich regelmässig zu bewegen und um Junkfood einen Bogen zu machen. Punkt. Aber braucht es dazu ein Credo? Braucht es ein Bekenntnis zu einer bestimmten Ernährungsform? Gibt es wirklich bestimmte Übungen, die – entsprechend eines Videotitels – Männer zu echten Männern machen?

Aufgrund der Individualität eines jeden Menschen gibt es keine 0815-Standard-Lösung. Die eine Wahrheit im Sportbereich gibt es nicht. Während die einen ihre körperliche Fitness mit Cardio-Übungen problemlos aufrechterhalten können, profitieren andere deutlich mehr durch gezielten Muskelaufbau. Die einen sind glücklich, wenn sie sich einfach gesund in ihrer Haut fühlen, andere haben Freude an ihren gestählten Muskeln. Die einen mögen die tägliche Abwechslung in ihrem Tagesmenü, anderen wiederum ist gutes Essen weniger wichtig, solange der Magen dreimal täglich gefüllt wird. Wenn wir die menschliche Individualität wirklich als ein Geschenk innerhalb Gottes Schöpfung anerkennen, wird deutlich, dass sich körperliches Heil nicht durch eine einzige bestimmte Methode erzwingen lässt.

Führt diese Erkenntnis uns weiter? Keineswegs! Natürlich macht es in einen Unterschied, ob jemand regelmässig Sport treibt oder nie, ob jemand sich überlegt, was bei ihm auf dem Teller liegt oder ob er einfach blind bei der Ausgabe in der Mensa zuschlägt. Natürlich sind Menschen, die über ihr Verhältnis zum eigenen Körper nachdenken, im Vorteil gegenüber Menschen, die sich körperlich gehen lassen. Relativismus würde bedeuten: Es spielt keine Rolle, was du tust. Pluralismus dagegen bedeutet: Es spielt eine Rolle, was du tust; aber es existieren verschiedene Methoden, Philosophien und Strategien, um gesund und heil zu bleiben. Eine pluralistische Einstellung führt zu einer inneren Freiheit. Sie ermöglicht einerseits für sich selbst den fruchtbarsten Weg zu entdecken, andererseits die jeweiligen Wege der Mitmenschen mit Wertschätzung anzuerkennen. Viele Wege führen zum Heil. Und nicht nur zum Körperlichen.

Pascal Meyer SJ

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