Glaubst du noch oder denkst du schon?

Bruno Brantschen SJ von Bruno Brantschen SJ,

So lautet ein geflügeltes Wort, nach dem christlicher Glaube für viele Zeitgenoss*innen gänzlich unvernünftig ist. Er sei unvereinbar mit dem, was der gesunde Menschenverstand und die Naturwissenschaften der Erkenntnis gebieten.

Auch schüre das Christentum Engstirnigkeit und Gewalt. Gekoppelt mit Kirche erscheint Glaube doppelt fragwürdig. Dort würden Ewig-Gestrigkeit und Machtmissbrauch über die Schmerzgrenze hinaus strapaziert. Nicht wenige Menschen drehen Christentum und Kirche den Rücken. Und damit oft auch dem Gott der Bibel. Letztere für viele sowieso ein rätselhaftes Buch, das mit sieben Siegeln verschlossen ist.

«Recht habt ihr!» bin ich manchmal versucht einzuräumen. Diesen Zeitgenoss*innen wird auch heute  viel Anschauungsmaterial geboten: Oft bleiben mir nur unverständiges Kopfschütteln und Wut meiner Kirche gegenüber, der ich mich zugehörig fühle. Zuweilen bin ich neidisch auf unsere evangelischen Schwesterkirchen. Ihre Frauen sind in alle Entscheidungsstrukturen eingebunden. Wieso kommen wir in der römisch-katholischen Kirche in diesen Fragen kaum spürbar voran? Der Preis an Glaubwürdigkeit, den wir dafür bezahlen, scheint mir (zu) hoch.

Wie sehr sich Glaube und Verstand widerstreiten, zeigt sich mir in erschreckender Weise in der gegenwärtigen u.s.-amerikanischen Politik. Die Welt ist Zeugin von einer «Me-First»-Politik, mit der einem Mann jedes Mittel recht ist, um sich im Sattel der Macht zu halten: Demütigung seiner politischen Gegner, Lüge, Sexismus, Nationalismus, Rassismus und anderes mehr. Sein Beispiel wirft dunkle, bedrohliche Schatten auf das Weltgeschehen. Es macht Schule. Sehr bedenklich, dass es ausgerechnet christliche Wähler*innen sind, die solchen Politikern massgeblich den Steigbügel zur Macht halten.

Soll ich meine Hände skandalisiert über dem Kopf zusammenschlagen oder resigniert sinken lassen? Soll das Kapitel «Glaube und Vernunft» endlich geschlossen werden? Ein Blick ins Internet oder in eine Buchhandlung belehren mich eines anderen. Die Spiritualitätsliteratur zeigt in verwirrender Vielfalt: Die grundmenschlichen Fragen bleiben. Wozu bin ich eigentlich? Was will ich? Wie gehe ich mit Grenzen, Brüchen, Leid um? Was heisst Gerechtigkeit? Wer oder was ist Gott? Wie nach Luft ringt der Mensch um Verstehen und damit um Worte. Findet er Worte, findet er Sinn. Und mit Sinn Zukunft. Religion und Spiritualität, die hier nicht helfen, tragen auf Dauer nicht.

Das Christentum sieht sich in der Pflicht, ja hat sich in der Pflicht zu sehen, das stets unfassbare Geheimnis des Lebens und Glaubens in Worte zu fassen. Es birgt ein Jahrtausende altes, erprobtes Sprachrepertoire. Begriffe wie Gott, Jesus Christus, Dreifaltigkeit, Auferstehung und Kirche sind gleichsam Schlüsselbegriffe. Sie stossen Türen zu grundmenschlichen Fragen auf und tasten nach Antworten. Freilich – passt der Schlüssel ins Loch? Ist, was religiös gesagt wird, vernünftig? Kann es erfahren werden? Trägt es im praktischen Leben?

Diesem Anspruch wollen wir uns im Lassalle-Haus Bad Schönbrunn stellen. In einem Jahreskurs mit vier Wochenend-Einheiten und dem Titel: Glauben mit Herz und Verstand – Christentum für Skeptikerinnen und Quereinsteiger. Der Kurs ist ökumenisch und interreligiös offen. Alte Themen des Glaubens wollen hier neu durchbuchstabiert werden. So erst können sie sich mit dem eigenen Leben verbinden.

Der Kurs beginnt Ende August, und zu unserer Vorbereitung haben wir Personen verschiedener Herkunft und Altersklassen befragt, welche Fragen ihnen im Zusammenhang mit christlichem Glauben wichtig sind. Das Bild-Poster zeigt eine Auswahl aus der Umfrage. – Das ist das Ziel des Kurses: Die Theologin Birgitta Aicher und ich wollen Antworten wachsen lassen auf Fragen, die tatsächlich gestellt werden. Erst so werden Schlüsselerfahrungen möglich.

Bruno Brantschen SJ

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