Gott ist auch ein Jogger

Pascal Meyer SJ von Pascal Meyer SJ,

Sport und Gott? Wenn ich jogge, komme ich ins Beten, nicht immer sofort, aber unweigerlich und spätestens dann, wenn ich in ein anderes Augenpaar blicke. Wir lächeln und verstehen. Und rennen weiter, immer weiter.

Ich gehe öfters joggen. Einige Mitbrüder haben mir zwar gesagt, Jogging sei schlecht für die Gelenke. Schlecht ist aber auch zu viel Kaffee, Kohlenhydrate, Schokolade, Social Media, Plastik – ich könnte die Liste beliebig fortsetzen.

Nur rumsitzen kann nicht gesund sein. Deshalb schnüre ich mir drei- bis viermal pro Woche die Sportschuhe und gehe eine Stunde laufen. Bin ich in Genf, meistens von der Rue de l’École-de-Médecin zum Fluss Arve. Von dort bis zur grossen Sportanlage, dann fünf Runden auf der Tartanbahn und danach via Carouge zurück zum Plainpalais in der Genfer Innenstadt.

Vielen Menschen ist der Bewegungstrend der letzten Jahre verdächtig. «Das ist doch Narzissmus» und «Du betreibst wohl Selbstoptimierung» sind gängige Sprüche, die Sportbegeisterte im Freundes- und Bekanntenkreis zu hören kriegen. Dabei bin ich überzeugt: Gott findet sich auch im Sport. Laufen kann eine meditative Angelegenheit sein. Voraussetzung ist die Konzentration auf das, was ich gerade innerlich und äusserlich wahrnehme. Und plötzlich nehme ich die Vögel in den Bäumen und die ausgelassene Studenten in den Restaurants wahr. Begegne Müttern und Vätern, einen Kinderwagen vor sich herschiebend, die lautstark ins Smartphone sprechen. Kreuze andere schweissüberströmte Hobby-Sportler. Ob sie wohl auch gerade beten? In der Reflexion wird mir bewusst: Hinter jedem Gesicht steckt eine individuelle Lebensgeschichte. Ich kenne zwar keine davon, aber manchmal treffen sich beim Vorbeilaufen meine Augen mit einem anderen Augenpaar. Wir lächeln uns für einen kurzen Moment zu. Ich freue mich im Herzen und spüre Gott.

Und dann ist da der Uferweg zwischen der «Pont des Acacias» und der «Pont de la Fontenette». Eine schöne Promenade mit schattigen Bäumen, zahlreichen Parkbänken zum Verweilen und gelegentlichen Treppenabgängen zum Flussufer. Ich nenne dieses Strassenstück «Weg der gescheiterten Hoffnungen». Mir begegnen dort die Verlierer und Vergessenen der Stadt Genf: Alkoholkranke, Obdachlose, Drogensüchtige, Einsame. Es ist ein leises Elend und doch so offensichtlich. Meine Schritte aber führen weiter. Ich renne vorbei. Immer wieder aufs Neue. Es sticht mir ins Herz. Erneut fühle ich Gott.

Man kann Sport treiben, um in Form zu bleiben. Schön und gut. Im Sport lässt sich aber auch Gott finden. In der Wahrnehmung meiner Gedanken und in der Konfrontation mit der Welt um mich herum. Mir persönlich ist der Sport auf diese Weise ein Ort der Gottesbegegnung geworden. Probieren Sie es aus, rennen Sie los!

Pascal Meyer SJ, Scholastiker, zurzeit bei Jesuit Worldwide Learning JWL, Genf

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