Grenzen von online messaging

Pascal Meyer SJ von Pascal Meyer SJ,

Auch Jesus wurde müde und brauchte die Einsamkeit. Diese und andere biblisch fundierten Einsichten können uns helfen, die Anforderungen von online messaging besser zu bestehen.

Kennen Sie das: Sie erhalten auf Ihrem Handy eine Nachricht mit folgendem und NUR folgendem Inhalt:

„Hallo“ (alternativ lautet die Nachricht auch „Hi“, „Hello“, „Salut,“, „Coucou, „Hola“ oder „Ciao“). Eigentlich nur ein Gruss. Da aber ansonsten nichts in der Nachricht steht, stelle ich mir regelmässig die Frage: Muss ich jetzt darauf antworten? Gibt es bei online messaging (der digitalen Nachrichtenübermittlung) Regeln dafür?

Ich habe als Kind gelernt, dass man auf einen Gruss immer reagieren muss. Ich erinnere mich sehr gut an die tadelnden Kommentare, sollte man einen Gruss verweigern oder schlicht überhört haben: „Hey du, sagt man nicht mehr „Grüezi“?!“ Vielleicht haben Sie in der Kindheit ähnliche Erfahrungen gemacht.

In mein Bewusstsein hat sich jedenfalls ein gewisser „Zurückgrüss-Zwang“ eingebrannt. Einen Gruss zu ignorieren kommt einer Beleidigung gleich. Mittlerweile hat sich aber ein beachtlicher Teil unserer täglichen Kommunikation in social media-Plattformen verschoben. Diese mittlerweile allgegenwärtige Form des gegenseitigen Austauschs über digitale Kanäle ist zwar immer wieder kritisiert worden, hat jedoch in den letzten Wochen eine neue Bedeutung gewonnen. Gerade durch die teils sehr strengen Covid-19-Massnahmen (social distancing, Quarantäne, Reisebeschränkungen) konnte man oftmals nur über Chatfunktionen und Messenger-Dienste die persönlichen Beziehungen zu seinen Mitmenschen pflegen. Eigentlich etwas Schönes, dass man trotz der Distanz mit anderen Leuten verbunden bleiben kann. Gerade Menschen, die allein wohnen, konnten so zumindest einen Teil ihrer persönlichen Beziehungen pflegen. Somit scheint online messaging durchwegs positiv auf den ersten Blick.

Seit mehreren Jahren mache ich jedoch die Erfahrung, dass hinter einem kurzen „Hallo“ mehr steckt als ein freundlicher Gruss. Viele Leute, die anderen solch kurze Grüsse schicken, sehnen sich in Wahrheit nach mehr: nach einem richtigen Gespräch, einer angeregten Diskussion, einem freundlichen Austausch. Im Grunde geht es nicht um eine soziale Floskel unserer Gesprächskultur. Vielmehr will man in Beziehung treten. Das „Hallo“ ist nicht bloss eine Begrüssung. Es ist ein Wunsch: „Bitte sprich mit mir.“ Das bestätigt sich besonders dann, wenn man auf ein „Hallo“ mit einer entsprechenden Begrüssung reagiert und gleich darauf mit Fragen bombardiert wird:

- „Geht es dir gut?“

- „Was machst du gerade?“

- „Bist du gesund?“

- „Wie geht es der Familie?“

- „Wo bist du gerade?“

Jedes gute Gespräch braucht bekanntlich mindestens zwei Teilnehmende. Es benötigt aber auch Zeit. Und die ist nicht immer frei verfügbar. Als Seelsorger fühle ich mich oftmals in einem Zwiespalt: Ich spüre innerlich, dass jemand einen berechtigten Grund hat für ein persönliches Gespräch. Ich weiss auch, dass einige Menschen, die mir schreiben, einsam sind. Ich kann mir ebenfalls vorstellen, dass es vielen gut tun würde, sich kurz mit jemandem auszutauschen. Wie soll man aber damit umgehen, wenn man bereits mit der Arbeit voll ausgelastet ist, am Abend bereits ein oder zwei Telefongespräche mit Freunden geplant hat, oder nach einem Tag voller Bildschirm-Arbeit lieber in ein Buch anstatt in einen Bildschirm oder Smartphone schauen möchte? Auch wenn ich es nicht gern zugebe, aber der permanente Nachrichtenaustausch per Messenger, WhatsApp und Instagram ermüdet mich manchmal. Und ich weiss von mehreren Freunden (aus völlig anderen Arbeitsfeldern), dass es ihnen oftmals auch so geht: online messaging kann Stress bedeuten. Insbesondere dann, wenn man sich innerlich verpflichtet fühlt, für seine Mitmenschen einfach da zu sein. Ansprechbar zu sein. Verfügbar zu sein.

Ich möchte dazu drei Gedanken teilen, die mir im Umgang mit Online Messaging helfen:

1.  Auch Jesus wurde müde

Im Johannesevangelium heisst es bei 4,6: „Dort befand sich der Jakobsbrunnen. Jesus war müde von der Reise und setzte sich daher an den Brunnen; es war um die sechste Stunde.“

So nobel es ist, sich für andere zu engagieren und allen zuhören zu wollen, so ist es doch auch wichtig, die eigenen Grenzen der Belastbarkeit anzuerkennen. Auch Jesus musste sich regelmässig ausruhen. Es ist deshalb erlaubt, sich von social media und anderen Aufgaben eine Pause zu gönnen, ohne dabei schlechtes Gewissen zu haben. Es mag die Notfälle geben, wo man permanent im Einsatz steht. Aber auch im Notfall sind Pausen wichtig. Dem werden bestimmt auch die zahlreichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in unseren Krankenhäusern, der Polizei, dem Militär, dem Zivilschutz usw. zustimmen.

2.  Jesus suchte die Einsamkeit

Es wird immer wieder betont, dass sich Jesus vorbehaltlos allen Menschen offen zugewandt habe. Das ist richtig. Es gibt aber auch mehrere Momente, wo sich Jesus zurückzog vom ganzen Trubel; wo er bewusst das Gebet und die Stille suchte (zum Beispiel in Lukas 9,18). Es ist uns als Christinnen und Christen erlaubt, uns regelmässig zurückzuziehen und in dieser Zeit nicht für Anfragen jeglicher Art erreichbar zu sein. Es geht dabei nicht um eine Weltflucht, sondern um einen Moment der Sammlung und Neuausrichtung. Ein Moment der Besinnung und des Zurückschauens. Jesuiten nehmen sich dafür täglich – meistens abends – zehn bis fünfzehn Minuten Zeit. Man spricht dabei vom „Examen“, das auch „Gebet der liebenden Aufmerksamkeit“ genannt wird. Es geht darum, auf den Tag zu schauen und mit Großmut, Verständnis und Wertschätzung auf alles zurückzublicken, was mich tagsüber bewegt hat. Diese kurze Zeit der Stille kann helfen, den inneren Druck, „allen antworten zu müssen“, zu unterbrechen. Man erkennt, was wirklich wichtig ist im Alltag. Es hilft insbesondere, von Innen her gestärkt und mit wachem Blick in eine neue Unterhaltung oder ein neues Vorhaben zu gehen.

3.  Nur Gott ist der „Ich bin da“

So fromm und erbaulich gewisse Heiligenlegenden auch klingen mögen: Absolute Selbstaufgabe und Dienst an den Nächsten bis zur Erschöpfung ist nicht automatisch der Wille Gottes. Bei vielen solcher Lebensgeschichten frage ich mich auch, ob eine radikale Hingabe an Bedürftige immer von einem guten Geist stammt oder ob sie teilweise eine Vermeidungsstrategie ist, um sich nicht mit sich selbst beschäftigen zu müssen. Wer permanent in der Arbeit steckt, hat oft keine Ohren mehr für das, was im Innersten passiert.

Ich gebe zu, dass ich in der Vergangenheit den Anspruch an mich selber gestellt habe, für alle Menschen immer da zu sein. Ich finde mittlerweile, dass ich mich da völlig übernommen habe. Wer nur für andere da ist, verliert den Kontakt zu sich selber. Und umgekehrt natürlich: Wer nur um sich selber kreist, verliert die Mitmenschen und die Schöpfung aus den Augen. Niemand von uns hat die Fähigkeit, überall gleich präsent und aktiv zu sein. Hier finde ich Inspiration im Namen Gottes: „Ich bin da.“

Es kommt Gott zu, Raum und Zeit in den Händen zu halten. Es steht in Gottes Macht, immer und überall „da zu sein“. Das ist nicht meine Aufgabe. Gerade für das oben beschriebene Gebet ist es daher heilsam, die innere Belastung und Anfragen ab einem gewissen Punkt in Gottes Hände legen zu können und einzugestehen: „Mein Herr und mein Gott, ich kann das alles nicht alleine bewältigen. Viele Menschen zählen auf mich. Ich weiss nicht, ob ich all ihren Ansprüchen gerecht werde. Aber ich vertraue darauf, dass Du immer da bist und mich in allem tragen wirst.“

Pascal Meyer SJ

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