Heilige Corona reloaded

Bruno Brantschen SJ von Bruno Brantschen SJ,

Während Wochen hatte uns der Lockdown fest im Griff. Nun springt das Räderwerk der Lieferketten wieder langsam an. Was heisst die Rückkehr zum Courant normal? Was haben wir aus der Corona-Krise gelernt? Inspirationen dazu von einer jungen, mutigen Frau: der heiligen Corona am heutigen 14. Mai, Tag ihres Gedenkens.

Letzte Woche durchfuhr mich schmerzhaft eine Radio-Meldung: Die Regierung von Bangladesch verordnet, dass trotz Pandemie die Arbeiter*innen der Textilindustrie wieder in die Fabrik müssen. Was heisst das für sie, die nun mehr oder weniger vor dem Virus ungeschützt auf engem Raum produzieren müssen, und was heisst das für uns, die Rückkehr zum sogenannten Courant normal? Was haben wir gelernt aus dieser Krise?

Während den letzten Wochen trat eine weithin unbekannte Frau ans Licht. Heute, am 14. Mai feiert die katholische Kirche das Gedenken an sie: die heilige Corona. Sie hat mit dem kronenförmigen Virus nur den Namen gemein. Gleichwohl ist ihre Geschichte von erstaunlicher Aktualität.[1] 
Corona stammte laut der bekanntesten Legende aus dem ägyptischen Alexandria. Während der brutalen Christenverfolgung im römischen Reich liess sie für ihre christliche Überzeugung um 300 n. Chr. ihr Leben. Herrscher missbrauchten – und missbrauchen bis heute – bei Krisen nach innen und aussen die Religion zur Festigung ihrer Macht. Wer den Göttern nicht opferte, galt als Staatsfeind. An Minderheiten wie den Christen, die sich dem Götterkult verweigerten, entlud sich die Angst, Wut und Frustration der Bevölkerung. Hier tritt die 16-jährige Corona in Erscheinung. Sie war Ehefrau von Victor, einem Soldaten. Als dieser gefoltert wurde, ermutigte sie ihn, in seinem christlichen Glauben standhaft zu bleiben. Dadurch geriet sie in die Fänge der Behörden. Es wird berichtet, dass sie an den Spitzen zweier heruntergezogener Palmen festgebunden wurde. Bei deren Hochschnellen wurde Corona auf bestialische Weise in Stücke zerrissen.

Wie verbindet uns die Corona-Krise mit der Heiligen?
Angesichts der tödlichen Gefahr stelle ich mir Coronas Einsamkeit vor. Sie war auf sich zurückgeworfen. In der Bedrohung wuchsen ihr ungeahnt Mut und Entschlusskraft zu – eine neue Perspektive. Die Covid-Krise wirft die Menschen oft mit aller Härte auf sich selbst zurück. Bezeichnend der Bericht eines jungen Mannes, er steht für mich für viele: Er erzählte mir, dass ihm der Lockdown jäh jede Möglichkeit entriss, sich mit Freunden zu treffen, sich frei zu bewegen. An Reisen war gar nicht mehr zu denken.  Zuerst fiel er in ein Loch. Begrenzt auf den Umgang mit sich selbst, auf die enge Familie und die unmittelbare Umgebung, entdeckte er Schritt für Schritt einen grossen Reichtum in der Begrenzung. Er realisierte, wie ein Zwang von ihm abfiel, ständig in «Kontakt» zu sein oder vielmehr vermeintlich sein zu müssen. Der Drang, durch die Party-Meilen von Bali und die Shopping-Malls von New York zu flanieren – seine places to be – verliess ihn. War er lange Zeit vor sich selbst davongelaufen?

Die junge Corona teilt mit uns die Erfahrung von Verwundbarkeit und Ohnmacht. Sie ist Opfer willkürlicher Gewalt. Die Pandemie führt drastisch vor Augen, wie zerbrechlich und ohnmächtig wir sind und wie wenig wir unser Schicksal im Griff haben. Der Impfstoff, der Sicherheit bringen soll, ist noch nicht gefunden. Wann, ist ungewiss. Die leidvolle Krise kann in uns die Gabe des Mitgefühls stärken und das Ohr für den Schrei der leidenden Kreaturen öffnen. Erst in dieser Bewusstheit können wir erkennen, welchen Beitrag wir als Einzelne und gemeinsam in der Welt leisten können.

Corona bleibt in Erinnerung als Frau, die ihren Mann angesichts von Glaubensverrat und Tod in der christlichen Treue bestärkte. Ihre Standhaftigkeit ermutigt zu einem neuen Sinn für Gemeinschaft. Als Getaufte in der Frühen Kirche hat sie gelernt, verwandtschaftlich und solidarisch weit zu denken. Nicht mehr Geburt und Sippe bestimmen, wer die Angehörigen sind, sondern das Geschöpf-Sein. Diesen Gemeinsinn erleben wir in der aktuellen Krise bei vielen, die selbstlos geben, damit andere überleben. Gemeinsam mit Corona inspirieren sie uns im Neuaufbruch, «von der Idee der Konkurrenz und des rivalisierenden Wettlaufs zu echter ‘Kompetenz’ zu finden», schreibt der Theologe und Kapuziner Niklaus Kuster im soeben erschienen Büchlein Corona,  «zum Erkennen eines allen gemeinsamen Zieles und zum Einsatz der Fähigkeiten aller Menschen, diesem miteinander näherzukommen: einer gerechten, lebensfreundlichen und friedlichen Welt, die niemanden ausschliesst.»[2]

Viele werden den Erfolg ihres unermüdlichen Einsatzes nicht mehr ernten können, wenn ich an all die Ärzte, Pflegerinnen, Therapeuten denke, die gestorben sind. Viele, die am Wegrand standen und halfen, erhalten vielleicht nicht einmal ein Wort des Dankes.  Und was ist mit den geliebten Menschen, die nicht mehr gesehen und umarmt werden konnten? Sie finden in Corona eine Hoffnungsgefährtin, die sich weder durch Bedrohung noch Tod brechen liess. Sie wusste sich getragen, wusste von ihrem eigenen Glauben und dem Mut ihrer Glaubensgefährt*innen. In ihr dämmerte das Licht der Gewissheit, dass in Gott keine gute Tat und kein tröstendes Wort verloren und keine Träne umsonst geweint ist. In ihm würde auch Vollendung finden, was nicht in ihren Möglichkeiten war und über ihre Kraft ging.

Zum Bild: Martyrium der heiligen Corona, Votivbild, 1905, in der Pfarrkirche in St. Corona am Wechsel. Quelle Joachim Schäfer, Ökumenisches Heiligenlexikon



1 Vgl. dazu auch: https://www.heiligenlexikon.de/BiographienC/Corona_Stephana.html
2 Niklaus Kuster macht einen aufschlussreichen Bezug zwischen der Heiligen und der Pandemie-Krise: «Corona. Eine ermutigende Heilige, die durch Krisen führt», Patmos Verlag, Ostfildern 2020. Hier, Seite 37

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