Fliegen in der Meditation

Bruno Brantschen SJ von Bruno Brantschen SJ,

Sie lasen sich einfach nicht vertreiben und werden noch lästiger, je mehr ich gegen sie ankämpfe: Fliegen, die in mir brummen, sobald ich versuche zu meditieren. Zum 2. Adventssonntag möchte ich Sie mitnehmen zu zwei kurzen Texten von Pater Adolfo Nicolas SJ und Franz von Sales. Sie helfen mir zu erkennen, dass die Fliegen oft keine belanglosen Mücken sondern wichtige Themen sind, die Wachsamkeit verlangen.

Schon seit Jahren suche ich am Morgen die Stille und das Gebet. Wie oft mache ich dieselbe Erfahrung: Kaum habe ich mich hingesetzt, beginnt es in mir zu brummen. Gedanken, Empfindungen, Gefühle durchschwirren mich wie Fliegen. Ich verbringe gefühlte 95 Prozent der Zeit nicht mit dem, was ich will. Mein Geist ist zerstreut in alle Windrichtungen. Konzentrier’ dich! Ärger. Die Fliegen werden nur noch lästiger. Frust. Beschauliche Meditationsratgeber im Stil von «Stell‘ dir vor, dein Bewusstsein ist ein Fluss… Die Gedanken und Gefühle treiben wie Treibholz an dir vorüber… Lass sie looooos…» helfen wenig. Was tun mit diesen Fliegen?

Fliegen, die keine Mücken sind
Letzthin machte mich ein Text über Ablenkungen im Gebet hellhörig. Er stammt vom früheren Leiter des Jesuitenordens, Pater Adolfo Nicolas SJ (1936-2020). Dieser schreibt: 

Es hat mich viele Jahre des Kampfes und Versagens gekostet, um zu erkennen, dass meine wirkliche Zerstreuung in meinem Leben lag, nicht in meinem Gebet. Ich war in fast jedem Bereich des Lebens, der Arbeit oder des Studiums zerstreut. Kein Wunder, dass mein Gebet unter derselben Malaise litt. Wie konnte ich mich auf das Gebet konzentrieren, wenn mein Verstand und mein Herz durch so vieles zerstreut waren?

«In guter Gesellschaft!», sagte ich mir. Pater Nicolas beschreibt feinfühlig die Ablenkungen, welche insbesondere einem Jesuiten zusetzen.  So nennt er etwa die Zerstreuung durch soziale Medien oder den Drang, durch die neuesten technologischen Gadgets ständig online und connected sein zu müssen. Noch eindringlicher benennt er die Ablenkungsquelle Nummer eins: das Ego, der Zwang erfolgreich, beliebt, bekannt, besser, ja, perfekt sein zu müssen.

Wie wahr! Wie oft wird die Meditation besetzt von geknicktem Stolz, Gram über verpasste Gelegenheiten, von virtuellen Streitgesprächen und selbstabwertenden Tiraden. Wer kennt es nicht, wenn Zukunftsängste die Ruhe durchzucken? Mit dem Resultat, dass es die restliche Zeit in einem nur noch rechnet und plant. Das Leben drängt eins zu eins herein. Die Stille legt offen, dass die Fliegen oft keine belanglosen Mücken sondern wichtige Themen sind, die Wachsamkeit verlangen.

Mit Fliegen umgehen lernen
Im Verlauf der Zeit ist mir aufgegangen, dass der verbissene Wille zur Konzentration nur ein weiterer Bote meines Ego ist. Worauf es – nicht nur in der Stille, sondern im Alltag überhaupt– ankommt, ist nicht so sehr die Konzentration, sondern der rechte Umgang mit Ablenkungen. Dazu ein eindrücklicher Text von Franz von Sales (1567-1622), Mystiker und Kirchenlehrer: 

Wenn dein Herz wandert oder leidet, bring es behutsam an seinen Platz zurück und versetze es sanft

in die Gegenwart deines Herrn. Und selbst, wenn du in deinem Leben nichts getan hast, ausser dein Herz zurückzubringen und wieder in die Gegenwart unseres Gottes zu versetzen, obwohl es jedes Mal wieder fortlief, nachdem du es zurückgeholt hattest, dann hast du dein Leben wohl erfüllt.

In diesen Zeilen sind drei Einladungen:

  • Lauf den Ablenkungen nicht einfach blindlings nach. Nimm wahr, was dein Herz ablenkt. Frag dich während, aber auch gelegentlich nach der Meditationszeit: Worum kreisen deine Gedanken und Gefühle? Welche Ideen, Verletzungen, Ängste, Projekte, Inspirationen, fixen Vorstellungen, Unversöhnheiten zeigen sich? Was du für Ablenkung hältst, ist vielleicht keine Ablenkung, sondern bedarf deiner wachen Zuwendung.
  • Trag das Herz geduldig zurück. 100mal in der Meditation, immer wieder während des Tages. Bring, was dich beschäftigt, zurück in deine Mitte. Leg es so vertrauensvoll wie möglich in die Hand Gottes. Lass es los, lass dich los, denn Gottes Kraft ist in allem und wirkt das Gute durch alles, zu seiner Zeit – auch durch deine Ablenkungen.
  • Wehr dich gegen deine Ablenkungen nicht wie gegen lästige Fliegen. Sei sanft, geh behutsam mit dir um, denn so wirkt Gott. Einübung von liebevoller Behutsamkeit – in der Meditation wie im Alltag. Darum geht es. So greifen Alltag und Meditation immer mehr ineinander. Das Eine wird zum Spiegel des Anderen.

Bild: Bruno Brantschen SJ

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