Ist Weihnachten nur für perfekte Menschen?

Toni Kurmann SJ von Toni Kurmann SJ,

Die Bilder sind wirkmächtig in unseren Köpfen: Weihnachten muss das Fest der Freude sein!  Das dem nicht so ist, wissen wir, wenn wir es uns denn eingestehen. Doch warum stürzen wir uns in Fantasien eines menschengemachten Himmels, wo es doch um eine schlichte und ergreifende Verheissung hier und jetzt bei uns geht?

In makellos idyllischer Kerzenschein-Romantik unter dem Christbaum mit seinen Lieben versammelt sein zu dürfen, harmonisch mit Familie und Freunden – alle perfekt in wohlwollender Gestimmtheit. Scheinbar wird mit den richtigen Vorbereitungen der Himmel «hausbacken» verfügbar. So viel menschliche Anstrengung lässt übersehen, dass der Engel in der Weihnachtsgeschichte nach Lukas den Menschen auf Erden den Frieden verheissen hat. 

Wunderbar, wenn weihnachtliche Feiertage unseren Alltag aufbrechen. Fragwürdig hingegen, wenn weltfremde Träumereien uns in diesen Tagen in imaginierte Paradiese flüchten lassen.

Die derart erwartungsbeladen Feiertage überraschen uns immer wieder: Kaum je sind wir sensibler gegenüber unseren Lebensdimensionen, die nicht dem Idealbild entsprechenden – gegenüber unseren persönlichen, familiären und anderweitigen sozialen Spannungen, gegenüber zerbrochenen Lebensträumen, gegenüber verlorenen oder verstorbenen Menschen.

Genau diese menschlichen Situationen sind es, in denen wir uns nach einem echten Frieden sehen. Wie schön wäre es da, wenn mir ein Engel Versöhnung zuspräche, Gerechtigkeit erfahrbar machte, mindestens auf einen Hoffnungsschimmer vertrauen liesse, wo sich doch so viele nur in Resignation wähnen.

Der Engel hat damals diesen Frieden gering geschätzten Hirten auf dem Feld verheissen und jener jungen Mutter mit dem Kind in der Krippe, die nicht wusste, wohin sie dieses Kind führen würde. Ob die Engels-Verheissung sich auswirkt, wird erst das Leben zeigen.

Dieser Friede galt auch ihrem Verlobten. Wir können uns gut vorstellen, dass er noch kräftig mit seinen Vorstellungen zur künftigen Familie rang. Als ob diese persönlich-familiäre Herausforderung nicht genügte, hatten ihn die herrschenden Strukturen durch eine Volkszählung gezwängt und zu einer nicht beabsichtigen Reise mit seiner kurz vor der Niederkunft stehenden Partnerin aufbrechen lassen. Die uns vertraute Geschichte entfaltet sich zu einem filmreifen Drama. Wegen fehlendem Platz in der Herberge kommt es zu einer Geburt in einer Art Notschlafstelle. Wenn damals schon Weihnachten gefeiert worden wäre: Dieses Paar hatte mehr als genug Gründe, die Feier abzusagen.

Und dennoch breitete sich Friede aus. Deshalb feiern wir auch bald 2000 Jahre danach das Weihnachtsfest. Dafür muss kein menschengemachter Himmel produziert werden. Statt sich von idealisierten, idyllischen Vorstellungen blenden zu lassen: Wagen wir doch den Blick auf ein Fest, das uns aufatmen lässt selbst mitten in unserer banalen Alltäglichkeit. Der Engel verheisst Frieden hier bei uns auf ERDEN, gemäss der Guten Nachricht nach Lukas.

Toni Kurmann SJ

Bild: Seit zwei Jahren hängt das Hirtenbild in meinem Büro und ist zu einem wertvollen Begleiter geworden. Es stammt vom japanischen Künstler Sadao Watanabe (1913-1996)und befindet sich im Besitz von Jesuiten weltweit.

PS: Ein beachtenswertes Detail im Kunstwerk von Watanabe: Der Engel sucht die gleiche Augenhöhe mit den Hirten auf dem Feld – damit die Verheissung ankommt!

PSPS: Falls kein Weihnachtsbaum in einem trauten Heim auf Sie wartet: Möglicherweise findet sich Friede in der Begegnung mit anderen Menschen guten Willens. Anlässlich von Gemeinde-Gottesdiensten zu Weihnachten etwa oder auch an unerwarteten Orten wie diesem: Sogar im Trudel des Zürcher Hauptbahnhofs kann man sich zurückziehen – die Bahnhofskirche hat jeden Tag geöffnet, und am 24. Dezember laden Seesorgerinnen und Seelsorger ab 14 Uhr stündlich zu einen besinnlichen Impuls.

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