Kein Buch ohne Eselsohren

Tobias Karcher SJ von Tobias Karcher SJ,

„Es ist schön zu leben, weil leben anfangen ist, immer, in jedem Augenblick“: Dieses Zitat aus dem Tagebuch des italienischen Schrifstellers Cesare Pavese hat ein Eselsohr im Buch verdient! Das ist meine Art, Bücher zu lesen. 

Eselsohren helfen mir, immer wieder zu den Goldkörnern zurückkehren, die aufgeleuchtet sind, die mich berührt haben. Die Worte stammen vom Hauptakteur des Romans, den ich in diesen Sommerferien verschlungen habe. Er wird von einem ärztlichen Irrtum aus der Bahn geworfen. Und gleichwohl eröffnet ihm genau dieser Irrtum die Möglichkeit, sein Leben noch einmal völlig neu einzurichten. Als professioneller Übersetzer beschäftigt er sich mit Literatur. Und es sind Impulse dieser Literatur, die ihn immer wieder bereichern und ihn zur Freiheit zurückfinden lassen, sein Leben zu gestalten. 

Das Zitat des italienischen Schriftstellers stösst auf Resonanz der Zen-Meditation, so wie ich sie in unserem Lassalle-Haus erlebe: „Zen-Geist ist Anfängergeist“. Wie oft habe ich diese Worte zu Beginn der morgendlichen Meditation von meinem Jesuitenkollegen und Zen-Meister Niklaus Brantschen gehört. Diese Worte haben mir geholfen, eine Lebenshaltung zu kultivieren, die ich als sehr hilfreich erfahren habe. Ich höre sie in Momenten, in denen uns als Team oder mir als einzelnen wichtige Meilensteine gelungen sind. Und ich höre sie in diesen Wochen auch in Momenten, in denen wir einen Misserfolg verkraften müssen oder in unserem beruflichen oder privaten Leben Dinge zu Bruch gegangen sind. Das Ideal wäre, so meint Niklaus, von Erfolg und Misserfolg unabhängig zu werden. Denn so oder so, es braucht immer wieder die Demut und die Entschiedenheit des Neuanfangs. 

Jeder Neuanfang ist ein schöpferischer Prozess, der Stille benötigt. Die schlichte Lebensweisheit teilt eine Schriftstellerin dem Romanhelden mit, der selbst immer wieder die Stille sucht. Er braucht sie, um die passenden Worte zu finden für eine gelungene Übersetzung. „Man zerstört das Mysterium, wenn man es aufschriebe oder analytisch darüber nachdächte. Es geht nicht darum, das Mysterium zu verstehen, es geht nur darum, es zu leben.“ Das  erinnert mich an die Entscheidungshilfen von unserem Ordensgründer Ignatius. Erstaunlicherweise ermutigt er uns, durchaus unserer spontanen Reaktion zu vertrauen. Dann verweist er auf unsere Gefühle und lässt sie uns gewichten. Und erst als Vergewisserung sind wir eingeladen, unsere Entscheidung auch rational noch einmal zu überprüfen. 

In meiner Leitungsverantwortung sind es oft Gefühle, ob etwas stimmig oder nicht stimmig ist, die den ersten Ausschlag für eine Entscheidung geben. Und die Stille hilft mir, auf meine Gefühle zu lauschen. Fast überflüssig zu erwähnen, dass ein zweites Eselsohr mich an diese Stelle zurückführt. 

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