Die Flüchtlinge Keth, Sipan und Noor begleiten mich

Pascal Meyer SJ von Pascal Meyer SJ,

Nun muss ich die Arbeit bei Jesuit Worldwide Learning zurücklassen und wende mich dem Theologiestudium in Bogotá zu, sofern es Corona-bedingt klappt. Reich beschenkt als internationaler Hochschulseelsorger verlasse ich Genf – reichlich nachdenklich auch: Wie kann man aus dem Elfenbeinturm Europa heraus entscheiden, was für eine intelligente junge Frau wie Keth (im Bild) im kenianischen Flüchtlingscamp Kakuma die angemessene Bildung ist? Und wem steht es zu, dem nach Irak geflüchteten Medizinstudenten Sipan aus Syrien zu sagen, dass für ihn nur Taxifahren in Frage kommt?

Im August 2020 habe ich mein Magisterium – das Praktikum der Jesuitenausbildung – bei Jesuit Worldwide Learning in Genf beendet, kurz JWL. Die drei Buchstaben stehen für ein Bildungsprogramm der Jesuiten für Menschen am Rande der Gesellschaft: Begabte junge Frauen und Männer in Slums, entlegenen Dörfern, Flüchtlingslagern und Konfliktzonen können mittels digital gestützter Programme einen universitären oder fachspezifischen Lehrgang absolvieren. 

Meine Tätigkeit der letzten zwei Jahre war massgeblich geprägt von regelmässigen Reisen in die entlegensten Winkel dieser Welt, wo ich unsere Studierenden in den unterschiedlichsten Lernzentren besuchen durfte. Meine Reisen führten mich in die schier unüberwindlichen Gebirge Afghanistans, die staubigen Wüsten Kenias, die weiten Flusslandschaften Westsambias, die lärmigen Städte Sri Lankas, das Verkehrschaos Ammans oder in die von Krieg gezeichneten Stätten des Christentums im Nordirak. Durch meine direkte Begegnung mit unseren Studierenden während meiner Besuche und dem unkomplizierten Austausch über Social Media-Kanälen in den darauffolgenden Wochen wurde ich rasch zum bekannten internationalen Hochschulseelsorger des Werks und bin bis zum heutigen Tage freundschaftlich mit Menschen auf der ganzen Welt verbunden. 

Wir sprechen im Jesuitenorden oft von «Werken». Hinter diesem Wort stehen immer konkrete Menschen mit ihren Lebensgeschichten, Träumen, Hoffnungen, Idealen und Weltansichten und mir wurde klar: Wir leben wahrhaftig in einer vielfältigen Welt. Vielfalt darf uns keine Angst machen. Ob katholisch, schiitisch, jesidisch, protestantisch, buddhistisch, sunnitisch, orthodox, hinduistisch oder atheistisch stiess ich bei den meisten Menschen in all ihrer Unterschiedlichkeit auf Offenheit, Neugierde, Gastfreundlichkeit, Engagement, Humor und oft auf den Willen, unsere Welt zu einem friedlicheren Ort zu machen. Insbesondere Menschen in Flüchtlingscamps (Kenia, Malawi, Kurdistan) oder ehemaligen Kriegsgebieten (Afghanistan, Sri Lanka, Nordirak) sehnen sich nach einer besseren Zukunft in ihrem Heimatland. Ich denke an die JWL-Absolventinnen und -Absolventen im Nordirak, dem Südsudan, in Zentralafghanistan und ihre zahlreichen Neuanfänge und Entwicklungsinitiativen – sie zeugen von den Früchten dieses Traums und erfüllen mich mit Stolz.

Diese positiven Erfahrungen sind der grosse Schatz aus meinen zwei Jahren an der Seite eines international tätigen Bildungswerks. Es zeichnet sich aus durch sein blended online learning-Modell und leistet einen wichtigen Beitrag zur Digitalisierung von abgelegenen Weltregionen. Unter blended online learning versteht man einen Mix von universitären Online-Programmen, die offline in Lerngruppen vertieft werden.  

Gleichzeitig bin ich auch dankbar für die zahlreichen Erfahrungen in der harten Arbeitsrealität von NGOs, welche oftmals unter schwierigen Bedingungen tätig sind. Sie haben es mit instabilen Regierungen, Naturkatastrophen, humanitären Krisen, fehlender Infrastruktur zu tun und müssen gleichzeitig in der westlichen Welt mit Herzblut um Unterstützung von Stiftungen, wohltätigen Organisationen und privaten Spenderinnen und Spendern kämpfen. 

In der Politik hört man oft Sätze, wonach man benachteiligte Menschen der «dritten Welt» nicht nach Europa lassen darf, sondern zunächst Hilfe vor Ort leisten müsse. Obwohl gerade JWL diesen lokalen Ansatz verfolgt, bleiben grössere Zuwendungen – beispielsweise von Regierungen – oftmals aus. Es fehlt nicht an Geld. Es fehlt der Wille. Das zeigt sich exemplarisch bei der Flüchtlingssituation in Südeuropa: Seit Jahren sind die Probleme bekannt, deren Hauptlast wirtschaftlich schwächere Länder wie Italien oder Griechenland tragen müssen.  

Manchmal sind aber auch traditionelle Bildungsinstitutionen mitverantwortlich, weshalb es mit Zuwendungen oder Kooperationen für blended online Learning-Programme nicht vorwärts geht. Die Angst, bei künftigen Spendenverteilungen zu kurz zu kommen oder liebgewonnene Pädagogikkonzepte wegen vermehrt digitalisierter Lehrmethoden aufgeben zu müssen, schafft ein Klima des Misstrauens unter Institutionen, die im Grunde dasselbe wollen: Zugang zu qualitativ hochwertiger Bildung für alle Menschen mit entsprechendem Potenzial. Und doch werden diese gemeinsamen Ziele manchmal vergessen, sobald eine andere Organisation als Konkurrentin eingestuft wird. Das macht mich sehr nachdenklich. Wir wären wahrscheinlich viel erfolgreicher und effizienter, würden wir noch stärker auf Kooperation, Partnerschaft und Kollegialität unter Organisationen, Institutionen und Regierungen setzen.

Leider stiess ich immer wieder auch auf Misstrauen oder sogar Ablehnung gegenüber JWL oder meiner Tätigkeit, die in Sätze mündeten wie:
«Für was brauchen Flüchtlinge Hochschulbildung?»
«Wäre es nicht besser, man würde vor allem Handwerker, Schneiderinnen, Friseure oder Mechanikerinnen ausbilden?»
«Sät ihr nicht falsche Hoffnungen, wenn ihr diesen Leuten Hochschulbildung anbietet?»

Interessanterweise hatten die wenigsten der Kritikerinnen und Kritiker persönliche Erfahrungen mit Menschen in Krisenregionen. Und viele unterschätzten – zumindest bis zum Ausbruch der Pandemie und der plötzlichen Umorganisation in Schulbetrieben – das Potential von digitalisierter Bildung. Dieser letzte Aspekt dürfte sich womöglich durch die derzeitige Situation mit dem Coronavirus verändern. Betroffen bin ich aber mehr von der Art und Weise, wie über die Zukunft von Menschen in Krisenregionen gesprochen wird.

Ich stelle kritische Gegenfragen:
Wer sind wir, dass wir aus dem Elfenbeinturm Europa heraus entscheiden können, was für eine intelligente und engagierte Frau wie Keth im kenianischen Flüchtlingscamp Kakuma – mittlerweile eine begeisterte Studentin unseres Diplomprogramms – die angemessene Bildung für ihr Leben ist?
Steht es uns zu, dem ehemaligen Medizinstudenten Sipan aus Syrien zu sagen, dass aufgrund seines Flüchtlingsstatus im Irak für ihn maximal der Beruf des Taxifahrers in Frage kommt?
Wäre es besser, JWL-Absolventinnen wie Noor und Nagham wären weiterhin einfach Hausfrauen geblieben, anstatt erfolgreich zwei Bildungszentren in ihrer zerstörten Heimat im Nordirak zu leiten?
Wollen wir, dass in patriarchal geprägten Gegenden wie Zentralafghanistan Frauen dem Mann automatisch unterstellt sind? Warum dürfen sie als Unternehmerinnen nicht selber ihre Zukunft gestalten wie unsere Graduates Siamoy und Ferishta?

Oftmals sprechen wir in unseren Medien, Stammtischdiskussionen und Social Media-Kommentaren über benachteiligte Menschen in Krisenregionen, als ob sie generell unmündig, dumm oder rechtsfrei wären. Sie alle haben einen Namen. Eine Lebensgeschichte. Glaube. Talente. Rechte.  Zugang zu Bildung ist ein Menschenrecht! Das dürfen wir in unseren Urteilen, Meinungen und Entscheidungen nicht vergessen. Meine Erfahrung als internationaler Hochschulseelsorger hat mein Herz für sie geöffnet. Sie verdienen es, als vollwertige Menschen anerkannt und möglichst in internationalen Diskursen angehört und beteiligt zu werden. 

Nun muss ich diese Arbeit zurücklassen. Reich beschenkt durch meine internationalen Erfahrungen darf ich den nächsten Abschnitt meiner Jesuitenausbildung beginnen: das Theologiestudium. Ab Januar 2021 soll ich an der Päpstlichen Universität Javeriana in Bogotá, Kolumbien, studieren – sie ist nach dem heiligen Franz Xaver benannt, Mitbegründer der Gesellschaft Jesu und wurde 1604 gegrüdet. Da aufgrund der Pandemie zurzeit keine internationalen Reisen nach Kolumbien möglich sind, werde ich vorerst mein Spanisch in Salamanca verbessern und in der dortigen Jesuitenkommunität leben. Das ist zumindest der Plan. 

Die weltweite Lage erfordert grösstmögliche Flexibilität von meiner Seite, da die Corona-Situation in Südamerika nicht unter Kontrolle ist und sich jederzeit Änderungen ergeben können. Für viele eine bedrückende Situation. Nicht für mich. Dies war die Lebensrealität der ersten Jesuiten, die vergeblich auf ein Schiff ins Heilige Land warteten. Es war die Lebensrealität grosser Missionare, die nie wussten, was die nächste Woche bringen wird. Es ist die Lebensrealität der vielen Studierenden, die ich in den letzten Jahren kennenlernen durfte.

Im Bewusstsein der Machtlosigkeit gegenüber höheren Mächten lege ich mehr denn je mein Leben in die Hände Gottes.

Herr, führe mich dorthin,

wo ich dir am liebsten bin.

Amen.

Zum Bild (pm): Keth 2019 im Flüchtlingscamp in Kakuma/Kenia. Die junge Südsudanesin wurde im Camp geboren und kennt nichts anderes als den Lageralltag. Frauen ihrer Herkunft ist es verboten, Sport zu treiben. Keth jedoch ist sportbegeistert und liebt Volleyball. Das digitale JWL-Programm für Sportlehrende hat ihr den Weg zu sportlicher Betätigung eröffnet. Sie erlangte weitere Fähigkeiten in Teambildung und Konfliktbewältigung und gründete im Flüchtlingslager mehrere Volleyball-Frauenteams.

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