Morsche Kirchen – Balken brechen ein

von Andreas Schalbetter SJ,

Nationalismus, Migration und Klimawandel fordern uns heraus. Die Gesellschaft wirkt wie gelähmt und bewegt sich kaum. Hinsichtlich der Klima-Debatte inspiriert Greta Thunberg viele Jugendliche. Sie nehmen den Status Quo nicht hin wie jene, die zwar wissen, aber nicht handeln. Sie gehen auf die Strasse und streiken für einen nachhaltigen Lebensstil, für eine gesunde Umwelt, die auch die kommenden Generationen erhält und erfreut. Darauf bin ich stolz und das freut mich!

Wohin sind wir als Gesellschaft und als Kirche unterwegs? Welche Werte halten, welche brechen ein? Die Balken der Kirche, vielleicht auch der zivilen Gesellschaft, sind teilweise morsch geworden.

Wie früher benötigen wir auch heute prophetische Frauen und Männer, die die Zeichen der Zeit erkennen, benennen und die Kirche beleben.

Franz von Assisi erlebte in der Kapelle San Damiano, in der Stille ausserhalb des lebhaften italienischen Städtchens, seinen Wendepunkt. Beim Gebet sprach der Überlieferung zufolge Jesu Stimme vom Kreuz zu ihm: «Franziskus, geh und baue mein Haus wieder auf, das, wie du siehst, ganz und gar in Verfall gerät» (nach II Cel 10[4]). Auf diese Vision hin erbettelte Franziskus Baumaterial. Und begann buchstäblich, die kleine romanische Kirche eigenhändig wiederherzustellen. Mit der Zeit verstand er den umfassenderen Sinn: nämlich die Kirche mit lebendigen Steinen zu erneuern. Franz wählte als «fratello poverollo» die Option für die Armen, ergriff Partei für die Mittellosen, dem armen Christus folgend. Und lud alle Geschöpfe zum Lobe Gottes ein.

Gut 300 Jahre später lebte der Baske Ignatius von Loyola. Sein Traum der weltlichen Ehre wurde durch eine Kanonenkugel zerschmettert. Als Pilger Jesu begann er ein neues Leben. Er entwickelte die Geistlichen Übungen, die Exerzitien, die bis heute Menschen in eine tiefere Beziehung zu Gott führen. Ignatius und seine Gefährten setzten sich ein für die Kranken, die Ärmsten und trugen die Botschaft Jesu bis nach Indien, Japan und Lateinamerika. Wie Franz von Assisi seinerzeit erneuerten die Jesuiten das kirchliche Leben.

Wo stehen wir heute? In Westeuropa entleeren sich die Kirchenbänke, während in Asien oder Afrika die Kirchen aufblühen. Was bedeutet dies? Wie könnte die Kirche bei uns wieder lebendig, echt und bedeutsam für die Gesellschaft werden?

Wo die Balken der Kirche morsch geworden sind, benötigt sie frisches Holz, Erneuerung. Jeder von uns kann Kirche und Gesellschaft mitgestalten – mit jenen Talenten, die uns gegeben sind. Mit den Ecken und Kanten, die jeder von uns hat, können wir uns einfügen lassen in den Bau der Kirche. So können wir das Wort aus dem 1. Petrus-Brief verwirklichen: «Kommt zu ihm, dem lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen, aber von Gott auserwählt und geehrt worden ist. Lasst euch als lebendige Steine zu einem geistigen Haus aufbauen…» (1 Petrus-Brief 2,4f).

Auch in der zivilen Gesellschaft braucht es ein Umdenken. Weg von der Weg-Werf-Kultur – hin zu einem einfacheren Lebensstil. Weg vom Traum des unbegrenzten Wachstums und des Eigennutzes – hin zu einer globalen Solidarität, über den Tellerrand unseres Landes und unserer Generation hinaus. Der Klimawandel trifft gerade die Ärmsten am heftigsten: Viele von ihnen wohnen in untergehenden Küstenregionen, leben vom Fischfang aus trüber werdenden Gewässern, kämpfen in Dürrezonen ums Überleben, leiden unter verseuchtem Trinkwasser in den Favelas dieser Welt. Trockenheit, Armut, verseuchte Umwelt treibt viele in die Flucht. Erkennen wir die Zeichen der Zeit denn nicht?

Wie damals Franz von Assisi oder Ignatius von Loyola, so gibt es auch heute engagierte Menschen, die sich einsetzen für die Botschaft Jesu, die Menschen am Rande, die Bewahrung der Schöpfung. Wie lange dauert es noch, bis alle für soziale Gerechtigkeit und den Erhalt der Umwelt am gleichen Strang ziehen? Mindestens Kirche und Gesellschaft sollten kräftig mitziehen!

 

Morsche Balken
 
Morsche Kirchen –
Balken brechen ein
 
Hauch uns allen
deinen Atem ein
 
Richte auf die
am Boden zerschellt
 
Rufe Propheten
die Kirche belebend
 

Andreas Schalbetter SJ

Studierenden-Seelsorger in Luzern

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