«La Messe qui prend son Temps... »

Valerio Ciriello SJ von Valerio Ciriello SJ,

Junge Erwachsene, die zum Studium, zur Arbeit in Paris ankommen, sind oft ganz schön verloren. Valerio Ciriello SJ setzt für sie einen Anker: Er koordiniert «La Messe qui prend son Temps...». Der wöchentliche Gottesdienst öffnet für viele Tür und Tor.

Seit September 2017 bin ich der Koordinator von «La Messe qui prend son Temps …». Auf Deutsch könnte dieser Gottesdienst «Die Messe, die sich Zeit nimmt …» heissen. In dieser Position organisiere ich die Leitung und Animation einer wöchentlichen Messe für junge Erwachsene (18-35 Jahre alt) in der Kirche von Saint Ignace, Paris. Rund um diese Jugendmesse gibt es mehrere Teams von jungen Menschen (Musik, Katechese, etc.). Neben diesen Teams von Jugendlichen und Laien gibt es auch Teams von Jesuiten (Priestern), welche Beichte hören oder der Feier vorstehen, und ein Team von Ordensschwestern, welche den Jugendlichen die Möglichkeit anbieten, während des Gottesdienstes ein geistliches Gespräch mit ihnen zu führen. Die Hauptaufgabe des Koordinators ist es, nicht nur sicherzustellen, dass die diversen Teams ihre Aufgaben richtig wahrnehmen, sondern vor allem eine Atmosphäre der Freundschaft und Harmonie unter den Mitgliedern der einzelnen Teams und zwischen den Teams zu ermöglichen. Die Beziehungsfähigkeit des Koordinators ist für diese Aufgabe unerlässlich. Kurz gesagt, als Koordinator fördere ich die Sozialisation junger Menschen untereinander und auch mit den Jesuiten.

Zu diesem Zweck wurden zahlreiche Initiativen ergriffen, unter anderem die regelmässige Möglichkeit, an einem Mittag- oder Abendessen zwischen vier Jesuiten und vier jungen Erwachsenen teilzunehmen. Allein dies hat zu neuen Freundschaften zwischen den Jugendlichen, die daran teilnehmen, geführt und Brücken geschlagen zwischen jungen Menschen und der Jesuitenwelt.

Viele Jugendliche, die am Gottesdienst teilnehmen, sind gerade frisch in Paris angekommen (zum Studieren, Arbeiten usw.). Um die Integration der neu Angekommenen zu fördern, erhalten diese am Ende der Messe ein kleines Willkommensgeschenk, entweder ein Bonbon oder eine Schokolade (es scheint, dass junge Menschen Schokolade bevorzugen). Es ist nur eine kleine symbolische Geste. Aber sie ist von grossem Wert für alle, die ein neues «Zuhause» suchen, in dem sie sich wie daheim fühlen können. Darüber hinaus ist jeder eingeladen, an einem Apéro oder, in regelmässigen Abständen, sogar an einem gemeinsamen Essen nach der Messe in den angrenzenden Räumen des Centre Sèvres (Paris) teilzunehmen.

Diese Jugendmesse ist jedoch nicht nur ein Ort von alten und neuen Begegnungen (fast so, als ob es den Eindruck erweckt, dass der dort stattfindende Gottesdienst nur einen Vorwand wäre, um sich zu treffen). Im Gegenteil, die BEGEGNUNG findet besonders im Herzen der Messe statt, wenn die Gläubigen dreissig Minuten lang Zeit haben, die Heilige Schrift zu meditieren, zu reflektieren und zu teilen, die sie kurz zuvor gehört haben. Kurz gesagt, es ist kein Zufall, dass die Feier «Die Messe, die sich ihre Zeit nimmt ...» heisst. Denn die Jugendlichen haben hier, in einer oft hektischen Welt, endlich Zeit und Raum, um Gott im Gebet zu begegnen. Sie können ihr Wissen über sein Wort vertiefen; und zwar mit vielen Jugendlichen (durchschnittlich zwischen 170 und 250), mit denen sie sich jeden Sonntag treffen. Hier nehmen wir uns Zeit für Gott und für unsere Mitmenschen, denn es gibt keine echte Begegnung mit Gott, welche nicht auch über die Begegnung mit unseren Brüdern und Schwestern stattfindet.

Aber die Messe ist noch viel mehr als all das. Wie bereits erwähnt, nehmen viele Jugendliche nicht nur durch verschiedene Dienste (Teams) aktiv an der Gestaltung der Messe teil, sondern sie haben auch die Möglichkeit, sich an anderen Orten zu treffen und/oder ihre Interessen zu vertiefen. Wie z.B. beim «Maison Magis» (siehe Link unten), einem Haus in welchem die Jesuiten, aber nicht nur sie, unzählige Aktivitäten und Angebote für junge Erwachsene in Paris (Magis Paris) anbieten.

Vorher erwähnte ich das Wort «Zuhauss» in Bezug auf diese Jugendmesse. Für viele junge Menschen wurde diese Messe wortwörtlich ein Zuhause und ein Zufluchtsort in Zeiten persönlicher Schmerzen und Trostlosigkeit. Dank der Jesuitengemeinschaft, welche sich im benachbarten Gebäude der Kirche Saint Ignace befindet, haben einzelne Jugendliche einen Ort zum Ausruhen und Schlafen gefunden, nachdem sie ihr gewohntes Zuhause verloren hatten. Ich werde diesen Abend nie vergessen, als mich gegen 21 Uhr ein junger Mann, der an der Messe teilnahm, fragte, ob es eine Möglichkeit gäbe, für ein paar Tage in der Jesuitengemeinschaft ein Zimmer zu erhalten. Zuerst war ich von dieser Bitte überwältigt, zumal keiner meiner Ordens-Vorgesetzten an diesem Abend zu Hause war. Ich beriet mich mit einigen meinen Mitbrüdern, insbesondere mit meinem Vorgänger in der Rolle des Koordinators. Er war mir eine grosse Hilfe. Er ermutigte mich, und wir beschlossen gemeinsam, diese Verantwortung gemeinsam zu übernehmen. Heute ist dieser junge Mann vollständig in die Gemeinschaft der Jugendmesse integriert, sein Leben hat sich stabilisiert. Vor allem hat sich sein Leben auf überraschende Weise verbessert. «La Messe qui prend son Temps...» ist eben auch das.

In gewisser Weise fasst diese kleine Anekdote gut die Vision von Kirche und Gemeinschaft, an welche ich glaube, zusammen. Denn wenn wir nicht immer mehr lernen, unser Leben mit den anderen zu teilen, laufen wir Gefahr (um Robert Kennedy zu paraphrasieren), unsere Brüder als Menschen zu betrachten, mit denen wir eine Kirche, aber keine Gemeinschaft teilen. Indem wir aber mit anderen gemeinsam unterwegs sind, sind sie nicht nur durch den gemeinsamen Glauben, sondern auch durch den gemeinsamen Weg an uns gebunden. Der gute Hirte teilt das Leben und die Risiken seiner Schafe, immer!

Valerio Ciriello SJ, Scholastiker im Studium der Theologie und Philosophie in Paris

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