Ökologische Spiritualität christlich

Christian Rutishauser SJ von Christian Rutishauser SJ,

Die Sorge um die «Bewahrung der Schöpfung» war im kirchlichen Milieu der späten 70er und 80er Jahre sehr präsent. Politisch hingegen war das «grüne Anliegen» damals links und alternativ, eine Randerscheinung. Heute ist die Sorge um «das gemeinsame Haus» in der gesellschaftlichen Mitte angekommen. Bürgerliche Parteien nehmen sich der Frage an. Die verschiedensten Anstrengungen auf der technischen und politischen Ebene sind zu begrüssen, auch wenn sie oft nur einzelne Symptome der Naturzerstörung bekämpfen. Auch zahlreiche, konkrete Initiativen von Bürgerinnen und Bürgern zeigen, dass eine breite Bewusstseinsänderung im Gange ist. Wir als Christinnen und Christen sollen sie mit vollen Kräften stützen. Kleine ökologische Anstrengungen im Alltag sind oft auch psychologisch entlastend. Da die Auswirkungen aber minim sind, braucht es politische Entscheidungen. Zuweilen sind asketisches Verhalten im Alltag aber auch psychologisch belastend. Im Zwischenmenschlichen kann es den Geist verengen und Kleinkarriertheitbewirken. Sehe ich junge Menschen, die sich mit viel Idealismus ökologisch engagieren, wünsche ich ihnen den langen Atem. Ich hoffe, dass sie ob des nur langsamen Wandels nicht frustriert werden. Und wenn ich spüre, wie sich viele auch ohnmächtig vor der Herausforderung der Weltrettung stehen, hoffe ich, dass sie in die engagierte Gelassenheit eines Glaubenden finden.

Gerade angesichts der jungen Generation frage ich mich, welches der Beitrag von uns als Kirche und als Jesuitenorden in der ökologischen Frage ist. Die säkularen Initiativen stehen im Geisteshorizont der Moderne, die die Umweltkrise hervorgebracht hat: Wie der Mensch durch Ausbeutung und materiellen Fortschritt globale Probleme verursacht hat, so fühlt er sich auch mächtig, sie mit Technik wieder zu lösen. Alles ist eine Frage der Anstrengung und Organisation, der Leistung. Der homo faber bleibt letzter Referenzpunkt. Natur und Umwelt bleiben dem Nutzen unterworfenes Objekt. Wurden sie schamlos ausgenutzt, werden sie nun zum Teil spirituell überhöht. Gesetze und «säkulare Ablassmechanismen», die aufgestellt werden, erinnern an röm.-kath. Gesetzesfrömmigkeit von einst. Haben wir aus unseren jahrhundertlangen theologischen Debatten etwas dazu beizutragen, die Geisteshaltung grundlegender zu ändern und zu vertiefen?

Wenn ich nun beim Schreiben dieses Blogbeitrags meinen Orangensaft auf dem Tisch vor mir sehe, der den Markennamen «Innocent» trägt, dann kann ich nur antworten: Es gibt kein unschuldiges Leben. Der Mensch, wie jedes Geschöpf, lebt immer auch auf Kosten von anderen. Alle machen sich schuldig und verdanken sich. Dies kann man sich vielleicht nur eingestehen, wenn es einen Gott gibt, der auch vergibt – so wie er fordert, Verantwortung zu übernehmen. Die aktuelle ökologische Krise scheint mir unter anderem auch eine Einladung zu sein, christliche Anthropologie, Schöpfungs- und Naturverständnis, Überlegungen zu Gnade und Werken etc. weiterzuentwickeln und zu vertiefen. Selbstverständlich: Christinnen und Christen müssen vor allem verantwortet handeln, bescheiden leben, das Leben feiern. Doch ist es vielleicht gerade auch die Aufgabe von Jesuiten, theologisch-philosophische Reflexion und Praxisübungen für eine christliche Öko-Spiritualität beizusteuern. Laudato si‘ von Papst Franziskus ist dabei eine ausgezeichnete Referenzschrift. Sie verknüpft nicht nur Technisches, Soziales und Politisches miteinander verknüpft. Sie spricht auch Glaubensschätze an, die uns im Verlauf der Kirchen- und Theologiegeschichte zugewachsen sind. Sie in gemeinsamen Projekten und in einem konkreten Lebensstil zu verankern, ist die Herausforderung der Stunde.

Christian Rutishauser SJ, Provinzial der Jesuiten in der Schweiz

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