Trost ohne Grund

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Nach der Tiefenpsychologie von C.G. Jung gibt es in jedem Menschen eine letzte Instanz, welche für seine individuelle Bestimmung steht und diese vorantreibt: DAS SELBST. Es äussert sich in den konkreten Lebensumständen, vor allem aber in den Erscheinungsformen des Unbewussten, so in Gefühlen und in Träumen. In der Erfahrung kommt dem Selbst eine numinose, ja religiöse Qualität zu. Dadurch kann es zur Stimme des persönlichen Gewissens werden, darf aber nicht mit Gott identifiziert werden. C.G. Jung sagt: «Dieses Selbst steht nie und nimmer an Stelle Gottes, sondern ist vielleicht ein Gefäss für die göttliche Gnade.»

Das Selbst steht an der Schnittstelle von natürlicher Anlage des Menschen und göttlicher Präsenz in ihm. Es ist nach Jung das Kernelement des Unbewussten, aus dem das Bewusstsein aufsteigt. Das «Ich» gehört dem Bewusstseinsbereich an und muss darin seine verantwortlichen Entscheidungen fällen. Dies sollte aber nicht ohne inneren Bezug zum Unbewussten geschehen. Zur Lösung von existentiellen Fragen ist eine Kontaktnahme mit dem Kernelement, mit dem Selbst angezeigt. Unter seiner Führung soll ein für den Einzelnen stimmiger Entscheid gesucht werden. Allerdings ist auch ein Dissens zur individuellen Bestimmung möglich, ein Fehlentscheid also, welcher zu einer Selbst-Entfremdung führt.

Obige Vorstellung von der Psyche lässt sich zwangslos mit dem Wahlgeschehen der ignatianischen Exerzitien in Verbindung bringen. Dies könnte für die einzelnen Regeln der «Unterscheidung der Geister» aufgezeigt werden. Hier möchte ich mich jedoch auf die Zentralregel, nämlich auf die vom «Trost ohne Grund» beschränken. Letztes Kriterium für eine richtig getroffene Wahl ist ihre innere Evidenz und Stimmigkeit, erfahren als unerwarteter Trost. Die Regel lautet: «Einzig Gott Unser Herr kann ohne vorausgehenden Grund der Seele Trost geben... Ohne Grund soll heissen: ohne vorausgehendes Fühlen oder Erkennen irgendeines Gegenstandes, der ihr vermittels der Akte ihres Verstandes und Willens eine solche Tröstung herbeiführen würde» (Ex 330). Tiefenpsychologisch lässt sich diese Aussage als Selbst-Erfahrung deuten. Das heisst: Das Selbst der Psyche ist bei einer solchen Erfahrung von der innersten Mitte her wirksam und an der Wahl als letztentscheidendes Kriterium mitbeteiligt.

Der Nutzen unserer Überlegungen liegt im Einbezug der ganzen Psyche in die Praxis des spirituellen Vollzugs. Sowohl das Bewusstsein mit seinen Gesetzmässigkeiten wie auch das Unbewusste in seinen Äusserungen werden ernst genommen. Sie stehen nicht in Konkurrenz zu den spirituellen Werten und Zielen. Vielmehr bilden sie deren natürliche Voraussetzung, die es zu beachten und zu fördern gilt. Das liegt durchaus auf der Linie des heiligen Ignatius, der ja den Gefühlen und der Imagination in den Exerzitien einen wichtigen Platz zuweist. Er selber wurde auch immer wieder durch visionäre Erfahrungen und durch intensive Gefühle bis hin zu Tränen getröstet und gestärkt. Es wäre durchaus möglich und auch sinnvoll, seine vielfältigen «Regeln zur Unterscheidung der Geister» auf das im obigen Schema dargelegte Grundverständnis der bewussten und unbewussten Psyche hin transparent zu machen. Dies sprengt jedoch unseren Rahmen und wäre besser im Dialog und auf der Ebene eines Seminars durchzuführen.

Bruno Lautenschlager SJ

Der promovierte Theologe erwarb am C.G. Jung-Institut das Therapeuten-Diplom, trat 1984 in den Jesuitenorden ein und begleitete viele Menschen spirituell und therapeutisch auf der Suche nach ihrer Identität. Heute lebt der 84-Jährige in der Freiburger Kommunität der Jesuiten in Villars-sur-Glâne.

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