Tief berührt vom schutzlosen Kind

Valerio Ciriello SJ von Valerio Ciriello SJ,

Die Adventszeit, eine Zeit der Erwartung, geht bald dem Ende zu und die Zeit der Niederkunft unseres Herrn rückt näher. Eine Meditation angesichts des kleinen schutzlosen Jesus, der nun vor über 2‘000 Jahren in einem Stall ausserhalb Betlehems das Licht dieser Welt erblickte.

Der nackte Jesus lag schutzlos in einer Krippe, die Nacht war kalt, der Stallgeruch übelriechend. Lediglich ein Ochse und ein Esel wärmten ihn der Erzählung nach mit ihrem Atem etwas auf.

Neben Maria und Josef waren diese Tiere die ersten, die angesichts des kleinen Jesus waren.

Niemand sonst war da, um sich über die Geburt von Jesus zu freuen. Um die Szene etwas weniger trostlos erscheinen zu lassen, wurden Engel eingespannt, welche die Schafhirten der umliegenden Gegend zusammenriefen. Die Engel dirigierten die Hirten zum Stall, um den neugeborenen Knaben zu bewundern. Einige Tage später kamen dann auch drei Könige aus grosser Ferne, sie priesen und beschenkten Jesus – endlich und seinem Stande nach gebührend.

Der Rest der Welt sperrte ihm die Türe zu, ignorierte seine Ankunft oder fürchtete das kleine schutzlose Kind so sehr, dass König Herodes den Befehl gab, alle neugeborenen Knaben der Region nieder zu schlachten.

2‘000 Jahre sind nun vergangen, 2‘000 Jahre lang konnte sich die Botschaft Jesu‘ in der Welt verbreiten und Wurzeln schlagen…

Welche Welt findet Jesus heute vor? Eine, die ihn aufnimmt? Eine, die nicht Türen ins Gesicht seiner irdischen Eltern schlägt? Eine, die sie erneut zum Stall verweist, an den äusseren Grenzen der Gesellschaft?

Damals wie heute liegt Jesus weiterhin nackt und schutzlos da. Die Welt scheint ihn weiterhin nicht wirklich aufgenommen zu haben.

Es ist nicht mein Ziel, hier die Welt zu erklären, warum sie oft so fehlgeleitet, so ungerecht ist. Die Botschaft des Evangeliums ist nicht ein sozial-politisches Programm, welches uns den Weg zeigt, wie wir ein gerechteres System aufbauen können. Die ganze Heilsgeschichte erhofft sich etwas ganz anderes von uns: Sie will nicht vordergründig die Welt verändern, sie will den Menschen im Tiefsten seiner Seele umkehren!

Was sagt uns nun der kleine Jesus mit seinen Eltern, die schutzlos und einsam in der Kälte stehen? 

Vielleicht lohnt es sich, einen Schritt zurückzutreten und sich die Frage zu stellen: Warum entscheidet sich Gott Vater, die Menschheit zu retten, indem er Jesus zu uns schickt? Gott Vater hat sich auch zuvor um sein Volk gekümmert. Immer wieder! Was ist nun der Unterschied?

Gott lässt dieses Mal den Sohn selbst zu uns kommen, nicht als Gott, sondern als Mensch. Er will unser irdisches Schicksal mit uns teilen.

Doch was hat Gott schlussendlich dazu bewegt, den Sohn zu senden? Was ist passiert?

Eine mögliche Antwort hat mit Berührung zu tun. Gott lässt sich vom Schmerz der Menschheit berühren, so tief, dass er beschliesst, seinen einzigen Sohn zu uns zu senden.

Warum stehen nun Jesus, Maria und Josef weiterhin schutzlos und allein auf der Strasse dieser Welt?

Weil wir, im Gegensatz zu Gott, uns nicht immer vom Schmerz der anderen berührenlassen wollen. Im Gegenteil, wir machen alles Mögliche, um den Schmerz der anderen von uns fern zu halten.

Denn der Schmerz der anderen wird auch unser Schmerz. Und instinktiv wollen wir keinen Schmerz erleiden. Wer will das schon! Und was, wenn uns selbst Schmerz zugefügt wird? Was machen wir dann?

Vieles, aber oft das Falsche! Vielleicht versuchen wir, den Schmerz denen zurückzugeben, die ihn uns zugefügt haben. Oder wir geben den Schmerz an jene weiter, die eigentlich damit nichts zu tun haben. Vielleicht denken wir, ihn abwenden zu können, indem wir anderen den Schmerz weitergeben.

Der Schmerz ist kein Ball, den man weitergeben kann. Der Schmerz ist ein Gefühl, dass tief in unsere Seele verankert ist. Er ist ein Teil von uns, wir können uns nicht von ihm befreien. Nicht so!

Was können wir dagegen tun? Kann man den Schmerz heilen?

Dagegen kann man vieles tun, zum Beispiel sich vom eigenen Schmerz und vom Schmerz der anderen berühren lassen, so wie es Jesus uns vorgemacht hat.

Er hat die Menschen von ihrem Schmerz geheilt, indem er sie berührt hat. Und wer berührt, nimmt den anderen bedingungslos an, so wie er ist. Gut oder böse, arm oder reich, einheimisch oder fremd.

Es liegt an uns, darüber zu entscheiden, ob wir uns wie Jesus vom Schmerz der anderen berühren lassen wollen, indem wir ihn in Nächstenliebe umwandeln. Oder ob wir ihm Nahrung geben, ihn unseren Magen durchlaufen lassen, um ihn wieder herauszuspucken…!

Der Schmerz – ob es unserer eigener ist oder der von anderen spielt keine Rolle – ist im Grunde genommen nur ein Warnzeichen an unsere Seele. Er will uns darauf aufmerksam machen, tätig zu werden – und nicht beim Wahrnehmen, nicht beim Abwehren stehen zu bleiben.

Der Schmerz will ein Augenöffner sein, gegenüber uns selbst und gegenüber unseren Mitmenschen.

Aischylos, der grosse griechische Dichter im 6. Jahrhundert v. Chr., sagte in Bezug auf dem Schmerz:

„Selbst im Schlaf vergeht der Schmerz nicht, fällt Tropfen für Tropfen uns ins Herz. Und in unserer Verzweiflung gelangen wir, gegen unseren Willen, dank Gottes unermessliche großer Gnade zur Weisheit.”

Beten wir zu Jesus Christus, dass er uns immer wieder von neuem lernt, den Schmerz durch seine Gnade verarbeiten zu können. Nur so werden wir wirklich frei, Ihm auf seinem Weg folgen zu können.

So wird sich langsam etwas umwandeln in unseren Herzen und in unserer kleinen Welt. Damit immer weniger Josefs und Marias verloren am Rand bleiben müssen, sondern mit uns das Brot unseres gemeinsamen himmlischen Vaters teilen dürfen!

Valerio Ciriello SJ

Bild: Geburt Christi, aus dem gotischen Zyklus (um 1400) der Deckengewölbe in der Krypta des Basler Münsters

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