Ungläubiger Papst? Ungläubige Ausbeuter!

Pascal Meyer SJ von Pascal Meyer SJ,

Was ist der Papst, und an was glaubt er? «Ist er überhaupt katholisch?», fragen politisch rechtsstehende Gruppierungen und neulich auch wieder die «Weltwoche». Sie kategorisieren ihn als Kommunisten, der dem rücksichtslosen Kapitalismus den Kampf angesagt hat. Das hat er fürwahr. Wirtschaftlicher Erfolg, erzielt mit menschenverachtenden Methoden und um den Preis einer verseuchten Umwelt, ist kein wirklicher Erfolg.

Ende April wurde in der Weltwoche erneut ein Artikel veröffentlicht, der Papst Franziskus kritisiert. Der Vorwurf lautet, der Papst sei ungläubig. Solche Kritiken und Unterstellungen werden auch regelmässig auf anderen Kanälen verbreitet. Dabei weisen diese Beiträge oft ein ähnliches Muster auf: Man spricht Franziskus generell den Glauben bzw. das «katholisch-Sein» ab. Alternativ bezeichnet man ihn als Kommunisten.
Der Grund für die Attacken gegen Franziskus von politisch rechtsstehenden Gruppierungen liegt auf der Hand. Der Papst hat schon früh in seinem Pontifikat einem rücksichtslosen und ausbeuterischen Kapitalismus den Kampf angesagt, die Tatenlosigkeit (z.B. der EU) hinsichtlich weltweiter Flüchtlingsströme kritisiert, einige einflussreiche Kirchenfürsten der konservativen Vatikanfraktion entlassen oder isoliert und sich für humanitäre/ökologische Themen (Laudato si') stark gemacht. Das kam/kommt bei vielen Kreisen insbesondere der politischen Rechten nicht gut an, weil oftmals die hässlichen Aspekte ihrer Parteien angesprochen werden: nämlich Politik auf Kosten der Schwächeren oder der Umwelt zu machen. Das Zusammenspiel von Wirtschaft, Ökologie und Menschenrechten ist komplex. Doch wenn die Würde der Menschen in politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen keine Rolle mehr spielt, man Leute im Mittelmeer ertrinken, in Flüchtlingscamps verhungern oder in Fabriken zu Tode schuften lässt, dazu noch Ressourcen-Abbau ohne Rücksicht auf Verluste betreibt, dabei Kinder in Minen und Manufakturen arbeiten lässt und sich keinen Deut um eine faire Bezahlung der Belegschaft am Ende des Monats schert, kann man das schlecht rational erklären.

Franziskus prangert Ausbeutung, Fremdenhass und Raubbau an. Diese Aspekte lassen sich nicht schönreden. Wirtschaftlicher Erfolg um den Preis einer zerstörten und verseuchten Umwelt ist kein wirklicher Erfolg. Mehr Reichtum für alle unter der Bedingung, dass dafür Arme oder Minderheiten ausgebeutet, verfolgt oder vertrieben werden, macht höchstens reich auf dem Konto, aber nicht im Herzen. Papst Franziskus benennt diese wunden Punkte der globalisierten Welt. Seine Kritik ruft zu einem Umdenken. Weil das aber mühsam und unpopulär ist, verfolgen Profiteure des ausbeuterischen Systems eine andere Strategie: Sie diffamieren den Kritiker an einer zentralen Stelle seiner Identität, um ihm die Autorität, Legitimität oder Daseinsberechtigung abzusprechen. Bei einem Politiker wäre es wohl die Redlichkeit. Bei einer Künstlerin die Genialität. Beim Papst ist es der katholische Glaube. Dadurch wird im Diskurs nicht mehr über die Kritik gesprochen. Plötzlich dreht sich die Frage nur noch darum, ob man diesem Mann überhaupt zuhören darf. «Ist Franziskus überhaupt richtig katholisch?» fragen sich dann viele. Die Strategie der Diffamierung geht voll auf.

Franz-Xaver Hiestand SJ geht in seiner Gegenrede in der Weltwoche ins Apologetische. Er versucht für die Rechtgläubigkeit von Papst Franziskus zu argumentieren wie ein Anwalt. Das ist tapfer, durchaus. Gegenüber der Gehässigkeit von Rechts muss man aber noch einen Schritt weitergehen. Wenn sich Haters in den Kopf gesetzt haben, dass eine bestimmte Person oder eine Gruppe der «Feind» ist, ist in ihnen bereits der Kampfmodus aktiviert. Rationale Argumente werden ab diesem Moment nicht wirklich gehört. Besser ist es meines Erachtens, den Spiess umzudrehen, indem man seinerseits Gegenfragen stellt: Glauben Sie denn an Gott? Was bedeutet denn katholischer Glaube für Sie? Besteht «katholisch-Sein» aus einer Abfolge geheimnisvoller Zeremonien, ein wenig sakralem Hokuspokus und dem Runterbeten von Litaneien, deren Inhalt aber keinen Abdruck im eigenen Leben hinterlassen? An was für einen Gott glauben eigentlich diejenigen, denen das Leben der Schwächeren, der Vertriebenen, der Alten, der Kranken, der Ungeborenen und/oder der Ausgegrenzten der Gesellschaft egal ist? Sind Menschen, denen aufgrund geographischer Abgeschiedenheit seit Jahren kein Zugang zu Sakramenten möglich ist, automatisch nicht mehr gläubig?

An die Kritiker von Papst Franziskus: Glaube ist die lebendige Beziehung mit Gott. Zu Gott zählt aber auch seine Schöpfung, wobei der Mensch darin das Abbild ist. Die Jesuiten lehren, dass sich Gott in allen Dingen finden lässt. Und so auch in der Begegnung mit unseren Mitmenschen. Dieser Glaube öffnet einerseits den Blick für das Göttliche in allem. Er öffnet andererseits das Herz für alle Menschen, selbst wenn sie ganz anders sind. Die Frauenrechtlerin Dorothy Day hat uns dazu einen weisen, aber schwierigen Gedanken hinterlassen: «Ich liebe Gott wirklich nur so sehr wie die Person, die ich am wenigsten liebe.»

Pascal Meyer SJ

Zurück