Vernetzung des Menschen und die Wahrnehmung der Natur

von Martin Föhn SJ,

Die Corona Pandemie hat uns deutlich gezeigt, dass wir Menschen weltweit dicht vernetzt sind. Innerhalb weniger Monate hat sich das Virus in jeden Winkel der Erde ausgebreitet. Was ihm einigermassen Einhalt geboten hat, war die Tatsache, dass wir uns weniger bewegt haben. Die weltweite Reisetätigkeit wurde drastisch zurückgefahren. Doch nicht alle menschlichen Bewegungen auf der Welt wurden minimiert. Dies zeigt folgendes Beispiel.
Der Pillnitzer-Hungerstein in der Elbe bei Dresden, der bei niedrigem Wasserstand auftaucht, zeigte sich in den vergangenen 150 Jahren fünf Mal 1873, 1904, 2003, 2018, 2019 und 2020. Bis ca. 1960 bedeutete das Auftauchen des Steines eine Hungersnot im Land. Dank der gigantischen Welthandelsnetze, die auch während des Lockdowns nicht stillstanden, müssen oder können wir heute in Europa die Hungersnot nicht mehr spüren. Unsere Fähigkeit sich zu vernetzen hat uns diesen Vorteil verschafft. Gleichzeitig hat sie uns von der Natur entfernt. Wir müssen uns nicht mehr unmittelbar mit der Natur auseinandersetzen. Es ist nicht mehr nötig, sie wirklich zu kennen. Wir haben genügend Lebensmittel, die irgendwoher stammen und vor unsere Haustüre geliefert werden.

In der Bibel heisst es: „Und wie der Mensch jedes lebendige Wesen benannte, so sollte sein Name sein.“ (Gen 2,19) Für mich bedeutet dieser Satz, der Natur und allem, was in ihr lebt, Aufmerksamkeit zu schenken. Wenn man etwas wirklich gerecht benennen will, dann braucht dies eine Beschäftigung mit den Dingen. Ich möchte Ihnen hier den Boden und den Wald ein bisschen näher bringen.

Wenn man nur auf den Boden blickt, müsste man sich hier in Europa keine Sorgen machen in Bezug auf den Klimawandel. Die Natur und insbesondere die Böden hatten über die Jahrtausende hinweg eine hohe Resilienz entwickelt, so dass sie normalerweise sehr flexibel auf verschiedenste Einflüsse und Umstellungen reagieren könnten. Im Normalfall könnten sie trotz wechselhafter Einflüsse verschiedensten Pflanzen und Tieren Nährstoffe und Lebensgrundlage bieten. Wenn es heisser wird, könnte der Boden dank seiner Resilienz und Regenerierungsfähigkeit mit geeigneteren Pflanzen ertragreich bleiben. Die Landwirte könnten dem Boden helfen, je nach Wetter und Nährstoffgehalt die entsprechenden Pflanzen zu kultivieren.
Leider hat der Boden jedoch in den letzten Jahrzehnten einen grossen Teil seiner natürlichen Resilienz und Regenerierungsfähigkeit verloren. Durch die Intensivierung der Produktion hat man die Böden seit dem Zweiten Weltkrieg einem Marathon ausgesetzt und ihn gleichsam nur mit Traubenzucker und Energieriegel gefüttert. Dies zwang den Boden, an seine Substanz zu gehen, und so hat sich seine Produktivität allein in den letzten 25 Jahren weltweit um 24% vermindert. Hat er einmal begonnen, Substanz abzubauen, verläuft diese Entwicklung immer schneller. Laut UNO vollzieht sich der Verlust von aufnahme- und leistungsfähigem Ackerland heute 30-35 Mal schneller als früher.

Wenn Menschen selbst keine Nahrung mehr zu sich nehmen können, bringt man sie auf die Intensivstation und ernährt sie künstlich an der Maschine. Dies versucht man in vielfältiger Weise auch mit dem Boden. Man führt ihm künstliche Nährstoffe und vermehrt auch Wasser zu, da seine inneren Komponenten wie die Krümelstruktur oder das Wurzelwerk, welche dies normalerweise speichern könnten, degradiert sind. Die Landwirte sind gezwungen, dies zu tun. Denn nur so können die geforderten Erträge geerntet werden. Ich finde es wichtig zu wissen, dass zum Beispiel in der Gemüsebranche die Hälfte des Gemüses danach weggeworfen wird, weil es für den Verkauf zu wenig rund, zu krumm, zu kurz, zu lang oder nicht gleichmässig rot oder grün ist. Auf Youtube gibt es dazu eine spannende Doku vom Schweizer Fernsehn, die interessante Anti-Foodwaste Initiativen zeigt.

Wir wissen heute sehr viel über die Abläufe im Boden. Auch wie wir ihn unterstützen könnten mit gutem Kompost und Mikroorganismen, die den Humus aufbauen. Wir wissen auch sehr viel über die Handelsketten vom Landwirt über Grosshandel, Detailhandel und Konsumenten. Jedes Glied hat seinen besonderen Einfluss auf die Produktion und die Nutzung. Trotz des Wissens ist es unglaublich schwierig, diese Abläufe in eine neue Richtung zu lenken, weil alles miteinander zusammenhängt.

Lassen Sie uns noch einen Blick auf den Wald werfen.
Auch der besass vor 60 Jahren ein höhere Resilienz und Artenvielfalt. Da es nach dem Aufschrei in den 80er Jahren nicht zu einem unmittelbar sichtbaren Massensterben des Waldes gekommen ist, vernimmt man heute fast nichts mehr davon. Fakt ist, dass es dem Wald heute in Europa um ein vielfaches schlechter geht als vor 40 Jahren. Die Schäden an einzelnen Bäumen nehmen seit Beginn der Messung in den 80 Jahren konstant zu. Mittlerweile sind 29 Prozent aller Laubbäume in Deutschland von Kronenschäden betroffen. Bei Eichen sind es bis zu 42 Prozent.
In der Schweiz ist es besonders schlimm mit den Rottannen. Durch die immer trockener werdenden Sommer kann sich der Borkenkäfer, der sehr gefährlich ist für Tannen, rascher ausbreiten. Ursprünglich waren in Europa überall Mischwälder aus Laub- und Nadelbäumen anzutreffen, was die Verbreitung der Schädlinge erschwerte. Für eine höhere Effizienz hat man den Wald stark vereinheitlicht, worüber der Borkenkäfer sich heute freut. Die Fläche des absterbenden Waldes hat sich in den letzten 30 Jahren verdoppelt.

 

Eine kleine Übung, wenn Sie wandern gehen. Nehmen Sie sich Zeit und schauen Sie auf die Wälder. Achten Sie dabei auf die Spitze der Laubbäume, die sogenannte Krone, ob diese dasselbe Grün aufweist wie die unteren Äste. Wenn Sie über Hügeln oder Bergen wandern, beobachten Sie den Wald als Ganzes. Sehen Sie Mischwald oder sind es Monokulturen? Legen Sie dann ihre Aufmerksamkeit auf die Tannen. Wo sind sie grün und wo sind Ansammlungen von roten und verdorrten Tannen, sogenannte Borkennester?

Ich weiss nicht, wie auf die Dinge, die da auf uns zukommen, reagiert werden soll. Ich weiss aber, dass der erste Schritt in der Wahrnehmung besteht; und zwar ohne die Dinge gleich zu verurteilen oder Schuldige zu suchen. Einfach hinschauen, hinhören und das Gesehene auf sich wirken lassen. Vielleicht kommen Ihnen dadurch Ideen, was Sie als einzelne Person oder in einer Gruppe tun könnten.
Gott verlangt nicht, dass wir die Welt retten. Aber ich glaube, die Schöpfung würde sich freuen, wenn sie wahrgenommen wird und wenn die Gesamtzusammenhänge mehr gesehen werden würden. Die gesamte Erde würde, glaube ich, profitieren, wenn wir unsere Vernetzungsfähigkeit nicht nur für uns Menschen, sondern für die gesamte Schöpfung vermehrt nutzen würden.

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