Vielleicht schaut dich überraschend ein Kind an?

Tobias Karcher SJ von Tobias Karcher SJ,

Zum Einstieg eines Seminars für Führungskräfte beginnen wir oft mit einer Übung, die auf die römisch- griechischen Philosophen der Stoa zurückgeht. Stoa war die Säulenhalle auf dem Versammlungsplatz in Athen, wo Philosophen wandelten und diskutierten – eine schöne Vorstellung, die der stoischen Richtung der Philosophie den Namen gab.

Wir laden die Teilnehmenden ein, auf ihr Leben zu schauen. Mit der Vorstellung, dass sie nur noch einige Tage zu leben haben. So wird der Blick auf unser Leben ernsthafter. Was war uns eigentlich wichtig? Für was sind wir dankbar? 

Zugegeben, für manche ist dieser Blick zu dramatisch. Dann biete ich eine andere Version an: Stellt euch vor, ihr schaut in das Gesicht des jungen Menschen, der ihr wart. Beginnt ein Gespräch mit diesem Jugendlichen. Was würde der junge Mensch von damals euch heute sagen? Die spontane Reaktion eines Teilnehmers dazu war: Dann lieber der Blick auf mein Leben vom Ende her – meine Kinder halten mir schon genügend den Spiegel entgegen, wer ich als Jugendlicher war.

Müssen wir uns wirklich schämen oder gar fürchten vor dem Jugendlichen, der wir einst waren? In diesem Jahr kehrte ich zum ersten Mal nach Saas Grund zurück. Das letzte Mal war ich vor genau 40 Jahren dort. Wir waren mit unserem Heimatpfarrer zum Klettern ins Wallis aufgebrochen und erklommen unter anderem das 4327 hohe Nadelhorn und das Fletschhorn, ein Fast-Viertausender.  Die Entdeckung des Hochgebirges – eine grossartige Erfahrung für mich als Jugendlicher. Und dann erinnere ich mich genau. Eines Morgens vor dem Frühstück machte ich ein paar Schritte. Ich liess mich auf einem hervorstehenden Felsen in der Nähe unserer Bergunterkunft nieder. Es war zwei Jahre vor der Matura, und ich hatte schon verschiedene Studienmöglichkeiten geprüft.  Da dachte ich zum ersten Mal daran, einen Ordensweg einzuschlagen.

Ich schaue gerne in das Gesicht dieses Jugendlichen. Sicher, ich habe damals noch lange nicht die Tragweite meiner Entscheidung ausgelotet. Auch würde ich manche Entscheidungen heute durchaus anders treffen. Doch kann ich die Begeisterung von damals für diese Weichenstellung noch heute nachempfinden. 

Der Blick in das Gesicht eines Jugendlichen oder eines Kindes kann mich immer wieder beflügeln. Ein Gesicht, ganz geprägt von Freude und Staunen oder von Schmerz und Enttäuschung. Es ist das Unverstellte, das mich berührt. Es erinnert mich daran, dass uns immer auch eine Gemeinschaft verbindet. Die Gemeinschaft mit der nächsten Generation. Und die Gemeinschaft mit dem Geheimnis unseres Lebens, das in der christlichen Tradition ein menschliches Antlitz trägt.

 

Tag für Tag

Schliesst sich leise

Ein Türchen deines Lebens

 

Und Deine Möglichkeiten 

Fallen unwiderruflich 

Ins Schloss

 

Die verriegelte Tür

In der Mitte aber

Du selbst

 

Öffnest Du Dich

Vielleicht schaut Dich dann 

Überraschend ein Kind an

 

Tobias Karcher SJ

 

 

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