Vom Brauchen und Loslassen

Beat Altenbach SJ von Beat Altenbach SJ,

 

In meinen Regalen gibt es Bücher, von denen ich gar nicht wirklich weiss, dass ich sie habe. Bücher, die ich gar nie gelesen, nicht zu Ende gelesen oder zwar gelesen, aber längst vergessen habe. Und unter den gelesenen, guten, fruchtbaren Büchern gibt es etliche, die ich kaum ein zweites Mal lesen werde. Was ist damit zu tun?

«Bücher wirft man nicht weg!» Seit ich weiss, was ein Buch ist, gehört diese Aussage meiner Mutter zu den tief verwurzelten Normen meines Lebens. Ich liebe es, ein Buch in der Hand zu haben und bis heute kostet es mich jedes Mal einen Akt der Überwindung, ein Buch mit einem Leuchtstift oder auch nur mit einem Bleistift zu «entjungfern», und das erst einmal völlig unabhängig von der Art des Buches. Ein Buch wegzuwerfen und dazu auch noch den Buchdeckel wegzureissen, ist auf diesem Hintergrund für mich ein veritabler Akt der Gewalt. Noch viel anspruchsvoller als der eigentliche Akt der Zerstörung ist aber die vorhergehende Unterscheidung und Entscheidung für oder gegen den weiteren Gebrauch des Buches.

Genau diese Form von Entscheidung prägt seit ein paar Wochen meinen Alltag, wenn ich mich den hinterlassenen Bibliotheken verschiedener Mitbrüder gegenübersehe. Jedes einzelne dieser Bücher ist Teil einer persönlichen Geschichte und die meisten davon stehen schon seit Jahren in diesen Regalen und haben ihre ehemaligen Besitzer an die verschiedensten Orte ihres apostolischen Wirkens begleitet. Manchen sieht man an, dass sie intensiv gebraucht und durchgearbeitet wurden, andere sehen aus, als ob sie noch nie gelesen wurden. Manche tragen persönliche Widmungen und Autogramme ehrwürdiger Autoren. Viele sind Klassiker, die man in der Bibliothek der meisten Jesuiten findet. Andere wiederum ergeben ein Bild von den spezifischen Interessen und Leidenschaften des Besitzers. Einzelne sind neueren Datums, viele aber wurden wohl irgendwann einmal gebraucht, sind inhaltlich aber längst überholt. Und den meisten dieser Bücher ist eines gemeinsam: Niemand sucht hier nach ihnen und niemand braucht sie wirklich. Niemand würde eines dieser Bücher vermissen, wenn ich sie einfach ins Altpapier werfen und entsorgen würde. In diesen einsamen Momenten in den verlassenen Zimmern ist es allein an mir zu entscheiden, ob diese Bücher eine Zukunft haben und ob ich sie für würdig und wert halte, weiter gebraucht zu werden oder nicht.

Diese Arbeit ist mühsam und etwas frustrierend, aber sie eröffnet mir plötzlich einen ganz anderen Blick auf meine eigene Bücherwand: Was von dem, was sich über die Jahre bei mir angesammelt hat, brauche ich überhaupt, und was ist es wert, bald wieder in Kisten gepackt und an einen neuen Ort mitgenommen zu werden? Da stehen doch tatsächlich Bücher, von denen ich gar nicht wirklich weiss, dass ich sie habe. Bücher, die ich irgendwann bekommen, aber gar nie gelesen, nicht zu Ende gelesen oder zwar gelesen, aber längst vergessen habe. Da stehen auch noch Bücher, die ich eigentlich belanglos, langweilig oder gar schlecht finde und die ich sicher nie jemandem empfehlen würde. Ja selbst unter den guten und fruchtbaren Büchern gibt es etliche, von denen ich überzeugt bin, dass ich sie kein zweites Mal lesen werde. Und doch folgen sie mir seit Jahren von Ort zu Ort, nicht weil ich sie brauche, sondern einfach nur darum, weil es «meine» Bücher sind.

Die Erfahrungen mit meinen alten Mitbrüdern, die in den letzten Monaten aus verschiedenen Gründen gezwungen waren loszulassen, hat auch meinen Blick dafür verändert, was wichtig und wert ist, für einen allfälligen weiteren Gebrauch behalten zu werden. Dabei geniesse ich den Vorteil, dass ich im Moment noch nicht loslassen muss, sondern loslassen darf. Das schafft bei aller Mühe ein ungeahntes Gefühl von Freiheit. Und die Arbeit des Unterscheidens und Entscheidens erlaubt dabei nicht nur, Ballast abzuwerfen und Unwesentliches loszulassen, sondern überhaupt erst zu entdecken und zu schätzen, was eigentlich an Wesentlichem da ist. Und wer weiss, vielleicht macht man dabei auch die Erfahrung, dass am Ende gar nicht viel wirklich Wesentliches bleibt, und dass man eigentlich auch nicht viel mehr braucht.

 

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