Wenn Gewalt und Pandemie aufschrecken lassen

Christian Rutishauser SJ von Christian Rutishauser SJ,

Das Leben ist gefährlich und endet auf jeden Fall tödlich. Diesem Realitäts-Check kann in diesen Tagen niemand entgehen. 

Einerseits erschüttert wieder eine Reihe von terroristischen Anschlägen die offene Gesellschaft. Passanten werden ebenso willkürlich getroffen wie kritische und freie Meinungsäusserungen bekämpft werden. Andrerseits lässt ein Virus den Menschen erkranken, nimmt ihm den Atem und zersetzt soziale Geflechte. Entstammt die eine Gefahr dem konfliktuellen Zusammenleben, so die andere der Natur. Diese war dem Menschen noch nie nur freundlich gesinnt. In ihrer Schönheit und zerstörerischen Kraft ist sie so ambivalent, wie der Mensch zu tiefer Solidarität,  aber auch zu grausamer Gewalt fähig ist. Brennt in diesen Tagen deswegen die Welt? Oder zeigt sie nur ihr Gesicht, das nicht länger durch naiven Fortschrittsglauben und Zerstreuung verdrängt werden kann?

Der Mensch ist Teil der Natur, betonen die Naturwissenschaften wie ein Mantra. Er wächst und gedeiht, kennt dann aber eben auch Regression und Verfall. Prozesse des Wachstums brauchen Zeit und sind zuweilen kaum sichtbar. Die Natur braucht unter anderem Brachzeiten. Krankheit und Verwundbarkeit gehören zu allen Lebewesen. Missbildungen und Wucherungen von Zellen entwickeln sich neben Organismen, die sich wunderbar entfalten. Die Pandemie zeigt nicht nur die Endlichkeit und Sterblichkeit des Menschen. Für viele Menschen bedeutet sie einfach Krankheit, Schmerzen und Leiden. Sie führt zu gesellschaftlichen Störungen. Es gibt Leben jenseits von Funktionieren. 

Dass die hoch entwickelte Medizin den Virus nicht beseitigen kann, stellt für unserer Zivilisation eine narzisstische Kränkung dar. All jenen macht die Pandemie besonders zu schaffen, die in der Illusion gelebt haben, technischer Fortschritt würde den Menschen über die Natur erheben, ihn gleichsam erlösen. Gerade die religiösen Traditionen bieten einen realistischeren Blick, führen nicht zur opiatischen Vernebelung. Mit den zerstörerischen Kräften der Natur hat sich der Mensch auseinanderzusetzen. Ihnen gilt es, Sinn abzuringen, wo sie nicht beseitigt werden können. Kunst und Kultur, Theater und Film, Malerei und Musik, Liturgie und Glaube sind seit jeher die Mittel dazu. Sie sollten in der Pandemiebekämpfung nicht zuerst den Schutzkonzepten zum Opfer fallen. Sie sind nicht schnöde Unterhaltung. Sie arbeiten aus der Natur das Menschliche heraus, stellen ihre Ambivalenz und Komplexität dar, damit die Welt bewohnbar bleibt. 

Ähnlich und doch anders verhält es sich mit der zerstörerischen Gewalt, von der sich Menschen verführen lassen. Wer von einer Gesellschaft ausgeschlossen wird, die er heimlich bewundert, findet Zuflucht in einem Weltbild, das Überlegenheit und Ermächtigung verspricht. Ressentiments steigern sich zu Aggressionen, die in apokalyptischen Vernichtungsszenarien hineinwuchern. Wer sich erniedrigt und ungerecht behandelt fühlt, entwickelt leicht Rachegelüste. Verlockt von punktueller Allmachtserfahrung, die der Gewalt und dem Blutvergiessen innewohnt, greifen einige zum Mittel des Terrors. Ihre eigene Ohnmacht und Angst externalisieren sie, indem sie Angst und Schrecken unter Andern verbreiten. Islamische Ideologien geben in unseren Tagen dazu einen besonders günstigen Rahmen her. 

Den Islam und mit ihm alle Religionen nur zu verurteilen und zu bekämpfen, würde verkennen, welch unersetzbaren Beitrag die Auseinandersetzung mit Transzendenz und Metaphysik, mit Gott und Glaube zur Humanisierung liefern. Philosophisches Nachdenken über letzte Fragen und Werte, sich dem Sinn und Unsinn des Lebens bewusst zu stellen, ist überlebenswichtig. Mitglieder von Glaubensgemeinschaften beschäftigen sich damit existentiell. Wie der Mensch ohne Technik schutzlos den ambivalenten Kräften der Natur ausgeliefert wäre, so würde er ohne Glauben an das Gute der Gewalt und dem Täter, dem Bösen und der Willkür das letzte Wort überlassen. Dies leuchtet unmittelbar ein, wenn man die Perspektive der Opfer des Terrors einnimmt. Soziologische Analysen erkennen in der gewalttätigen Religion zudem einen Aufstand gegen eine Gesellschaft, die die metaphysische Dimension der Wirklichkeit grundsätzlich leugnet. Religiöse Gewalt stellt die Rückkehr des Verdrängten verzerrt dar. Dass Frankreich mit seinem dezidiert laizistischen Selbstverständnis bevorzugtes Hauptziel von islamitischen Terroranschlägen wird, ist kein Zufall, auch wenn es das religionsfreundlichere Österreich ebenso treffen kann.

Gewalt im Namen von Religion ist ohne Wenn und Aber zu verurteilen. Sie ist noch entschiedener zu bekämpfen als die Pandemie – freilich auch mit Klugheit. Da sich der Mensch jedoch weder in der Natur heimisch einrichten noch der Macht des Bösen entkommen kann, braucht er Kunst und Kultur, Philosophie und Glaube. Wenn er sich in ihre Literatur vertieft und sie versucht zu inszenieren, zähmt er destruktive Kräfte. Er gibt ihnen gestalterische Form und vermeidet Verdrängung. Er wächst dadurch aber auch an den Wunden und am Leiden, die diese Kräfte geschlagen haben. Angesichts dieser elementaren Einsichten ist es unverständlich, warum in der gegenwärtigen Gesellschaft die Geisteswissenschaften immer wieder klein geredet, die vielfältigen Kunst- und Kulturformen allzu rasch einer funktional-ökonomischen Logik unterworfen und reflektierte Glaubenstraditionen für naiv und unnütz gehalten werden. 

Bild: Beat Altenbach SJ

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