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1. Januar, Fest Jesu Beschneidung: Stimmen zur Wiedereinführung

von Pia Seiler

Seit zehn Jahren setzen sich verschiedene Theologen und Theologinnen für eine liturgische Erneuerung des 1. Januar ein. Dazu ein neues Buch, eine Petition an Papst Franziskus, mitunterzeichnet vom Provinzial der Schweizer Jesuiten Christian Rutishauser SJ und eine Radiosendung mit ihm.

«Am achten Tag wurde er beschnitten und ihm wurde der Name Jesus gegeben»: So wird bis heute am 1. Januar aus der Bibel verkündet. Am Oktavtag, am achten Tag nach Weihnachten, ist über Jahrhunderte der Beschneidung Jesu und seiner Namensgebung gedacht worden. Dies wieder in den Festtagskalender aufzunehmen, ist von grosser Aktualität, wird die Menschwerdung Gottes in Christus damit konkret bis in die Leiblichkeit und Geschlechtlichkeit hinein gefeiert. Zudem wird Jesu Eintritt in den «ungekündigten Bund» Gottes mit seinem jüdischen Volk vergegenwärtigt. Im Frühjahr 2020 wird dazu im Herder Verlag eine Aufsatzsammlung erscheinen, herausgegeben von Prof. Jan-Heiner Tück, Wien.


Frohe Weihnachten!

von Regula Lutz

Im Namen aller Jesuiten in der Schweiz, Österreich, Deutschland, Litauen und Schweden wünschen Ihnen die vier Provinziäle der zukünftigen zentraleuropäischen Provinz frohe und gesegnte Weihnachten! 

Hier geht´s zum Video


Nothilfe – Angst, Willkür und Isolation

von Regula Lutz

 

Weihnachtsgeschichten erzählen oft von Menschen in schwierigen Situationen, die sich dann gerade noch rechtzeitig glücklich wenden. Die Unterbringung von Asylsuchenden in den neuen Bundesasylzentren mit ihren lagerhaften Bedingungen verlangen dringend nach glücklichen Wendungen - aber nicht nur als Wunder für einige Wenige, sondern mit einer anderen Politik!
Denn für alle jene, die mit einem negativen Entscheid konfrontiert werden, wird der re-traumatisierende Dauerstress noch schlimmer. Eine glückliche Wende ist nicht in Sicht.

Ein Bericht in "Neue Wege" von Christoph Albrecht SJ.


«Geh in Dein grosses Kommen»: mit Silja Walter durch den Advent

von Regula Lutz

 

Gang in die Weihnacht

 

Da lauf ich auf den Fliesen,

Der Schnee schaut blau herein.

Was wird, was wird mit diesen,

Die all so laufen, sein?

 

Man müsst die Taube sehen.

Die sang heut Nacht wie nie.

Sie gehen und sie gehen

Und jede denkt, sie knie.

 

Da geh ich so benommen,

Der Schnee fällt blau und rein.

Geh in Dein grosses Kommen

Halt unaussprechlich ein.

 

Silja Walter

 

Weisse Weihnachten sind ein Wunschtraum von Vielen. Wunderbar die Festlichkeit, wenn eine Schneelandschaft mit Lichtern erhellt wird. Silja Walter hat solche Festtage noch in den Niederungen des Mittallands an der Limmat erlebt. Doch nicht weiss, sondern blau erscheint ihr der Schnee, wenn sie durch die langen Gänge des Klosters geht. Es ist kalt, nicht nur gemütlich. Dieses Gehen aber ist ein Laufen, soll sich an Weihnachten doch das grosse Kommen Gottes ereignen. Wird dies die Nonnen auch wirklich ergreifen? Was geschieht mit dem Christen überhaupt auf diesem «Gang in die Weihnacht», fragt die erste Strophe besorgt. Die zweite Strophe setzt im Konjunktiv ein und formuliert die Bedingung auch ganz allgemein dazu: «Man müsst die Taube sehen.» Viele denken, dass sie dazu genügend spirituell sind und knien. Doch ist dem so? Die Sorge spricht auch aus der zweiten Strophe. Sie ist bei aller Frömmigkeit und allem Sich-Vorbereiten, das mit dem wiederholten «gehen» unterstrichen wird, nicht vertrieben. Von Zweifel und trotzdem Gehen hin und her gerissen, geht das «Ich» in der dritten Strophe trotzdem weiter. Es braucht Ausdauer und Geduld, durch den langen Winter mit seiner blauen Kälte hindurch. Dann ereignet sich Weihnachten, Gott kommt an, im und durch das Knien, im und durch das spirituelle Üben, es gleichsam ins Unaussprechliche hinein überschreitend. Doch für dieses innere Geschehen gibt es keine Garantie. Nicht einmal die religiöse Anstrengung kann sie geben. Am kleinen, mundartsprachlichen «Halt», das die letzte Zeile eröffnet, scheint etwas vom Gnadenvollen und Unverfügbaren auf. Weihnachten geschieht den einen, den anderen nicht. Selig, wer daran keinen Anstoss nimmt! Selig vielmehr, wer sich mit den anderen freuen kann!

Christian Rutishauser SJ


«Was wollen wir noch sprechen, wo bald die Himmel brechen»: mit Silja Walter durch den Advent

von Regula Lutz

Adventslied

 

Was wollen wir noch sprechen,

Wo bald die Himmel brechen

Ob eines Kindleins Last.

 

Was wollen wir noch wissen,

Wo Engel staunen müssen,

Und’s doch auch keiner fasst.

 

Was wollen wir noch scheinen

Begehren und beweinen,

Nicht haben macht so froh.

 

Bald blüht in allen Ställen

Und Kämmerlein und Zellen

Der Welt das leere Stroh.

Silja Walter

 

Überblickt man das lyrische Schaffen von Silja Walter, so fällt auf, wie sich ihr poetischer Stil entwickelt: von der klassischen Form eines Gedichts mit Strophen und Reimen zu einer freieren und komplexeren Anordnung von inhaltlichen, formalen und klanglichen Bezügen. Ein Lied, wie das vorliegende Adventslied, ist jedoch einfach aufgebaut, aus vier gleichförmigen Strophen, wobei die ersten drei je mit einer gleichlautenden Frage eröffnen: Was wollen wir sprechen, wissen, scheinen? Dieses Fragen wird mit Gottes Handeln und Sprechen, wie es sich an Weihnachten ereignet, kontrastiert. Wie klein ist doch das menschliche Planen angesichts von Gottes Handeln?! Was kann der Mensch schon voraussehen?! Sogar Engel staunen ober der Logik, dass die Himmel durch die Last eines Kindleins brechen. Der berühmte Epilog von Deutrojesaja kommt einem unweigerlich in den Sinn: «Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege – Spruch des Herrn.» (Jes 55,8)

In der dritten Strophe wird diese Gegenüberstellung noch gesteigert, wenn einerseits die Frage in der zweiten Zeile weitergeführt wird, andrerseits in der letzten Zeile eine Antwort die Frage auflöst: «Nicht haben macht so froh.»

Gottes Handeln ist dann die ganze Schlussstrophe gewidmet. Gerade in den unscheinbaren Räumen, die arm sind, blüht das Leben auf. Und es klingt ein altbekanntes Adventslied an: «Es ist ein Reis entsprungen…» nicht nur aus einer Wurzel zart, sondern sogar aus dem leeren Stroh.

Christian Rutishauser SJ


«Am Ende meiner endlosen Nächte»: mit Silja Walter durch den Advent

von Regula Lutz

Wachet!

Tagsüber halte ich

Nachtwache

mit meiner verlöschten

Laterne, aber das urzeitliche

Morgenrot

glimmt schon darin.

Am Ende meiner endlosen

Nächte

geht mir die zeitlose

Sonne

in die gläserne Falle.

Silja Walter

«Seid wachsam!» «Steht endlich vom Schlaf auf!» «Erwacht!» «Bereitet Euch!» Solche und ähnliche Weckrufe durchziehen den Advent. Eine freudige Erwartung für die Ankunft des Heilands soll die vorweihnachtlichen Wochen prägen. Die Geburt Jesu von einst will sich mit seiner Ankunft im Heute der Welt verbinden. Auf sein endgültiges Wiederkommen am Ende der Zeit ist der Advent ausgerichtet. Dreifach sei nämlich das Kommen, sagt die spirituelle Tradition. Eigentlich kommt Christus immer und überall an, sofern man ihn einlässt. Empfangsbereitschaft und Offenheit, Wachheit und Aufmerksamkeit stehen denn auch exemplarisch für eine christliche Lebenshaltung. Silja Walter bringt dies in vielen ihrer Gedichte zum Ausdruck. Sie spricht weniger von der Anwesenheit oder Abwesenheit Gottes in ihrem Alltag. Vielmehr steht die Bewegung des sich immer neu ereignenden Ankommens Gottes im Menschen und in der Welt im Zentrum.

Das Adventsgedicht von Silja Walter, das sie einst für eine Kolumne im Aargauer Volksblatt schrieb, ist ein Aufruf zu dieser Haltung: «Wachet!» Es setzt paradox ein, wenn am Tag Nachtwache gehalten werden soll. Und es fährt nicht weniger spannungsvoll weiter, wenn dieses Wachen mit ausgelöschter Laterne geschehen soll. Schliesslich empfindet sich das lyrische Ich in endlosen Nächten. Dass hier eine geistig-geistliche Haltung beschrieben ist, ist offensichtlich. Der Imperativ, nicht zu schlafen, ruft aber nicht zu einer spirituellen Spitzenleistung auf. Vielmehr verweist das Gedicht mit der verlöschten Laterne auf eine Leere, die wohl auf die kontemplative Haltung des Nicht-Selber-Scheinen-Wollens, des Loslassens, der Demut gerichtet ist. Wer auf diese Weise seine Egozentrik lässt, lebt auf den grossen Tag hin, an dem Gott erscheint und Christus ankommt. Schon ist das Morgenrot sichtbar und die Sonne geht auf. Sie kann gar nicht anders, als auch die Laterne zu erfüllen. Dem Wachen und Erwartenden geht Gott in die Falle. Wie sehr es Gott liebt, bei den Menschen zu sein und sich von ihnen abhängig zu machen, beschreiben gerade biblische Weisheitstexte wieder und wieder.

Christian Rutishauser SJ


Video-Dokumentation des Besuchs von Jesuitengeneral Arturo Sosa SJ in der Schweiz

von Pia Seiler

Mit Dankbarkeit blicken wir auf die Begegnungen mit Pater General Arturo Sosa SJ in der Schweiz zurück.

Hier finden Sie drei filmische Dokumentationen:

  • Der junge Filmer Benedikt Arndgen hat Arturo Sosas Schweiz-Reise vom 19. bis 22. September 2019 mit den Stationen Genf, Zürich, Bad Schönbrunn ob Zug und Luzern festgehalten. Seine Video-Dokumentation finden Sie hier
  • Ein Team von auftanken.TV hat die Podiumsdiskussion vom Freitagabend 20. September an der Universität Zürich aufgezeichnet (zu sehen auf Fernseh-Kanal 73, UPC 76, GGA/Quickline 54 oder auf www.auftanken.tv im Livestream).
  • Pierre Emonet SJ, ehemaliger Provinzial der Jesuiten in der Schweiz, hat Arturo Sosa am Freitagmorgen 20. September in Genf zum Interview getroffen.
Podiumsdiskussion an der Universität Zürich, 20. September 2019
Interview mit Arturo Sosa SJ, 20. September 2019

...«dich erwarten im Verwehen und Vergehn»: mit Silja Walter durch den Advent

von Regula Lutz

Advent

Wild geschoben,
laufen oben
Wolken
weiss und wirr.
Goldendürr
am Tulpenbaum
die Papageien-
kapseln tanzen,
und die wilden Enten
schreien
schon den ganzen
Tag wie irr.
Fenster zu, Geklirr.
Alles wird in Nebelfetzen
und in Pfützen
wegvertrieben.

Will im Schutz der Garten-
mauer
mich auf diesen
riesen-
runden
roten Kürbis setzen,
bei den abgeblühten
Silberlingen
dich erwarten
im Verwehen und Vergehn
der Welt
ein wenig singen
und dich kommen sehn.

Silja Walter

 

Als Benediktinerin im Kloster Fahr lebte Silja Walter an der Limmat. Die Flusslandschaft und die Wiesen, die Gewächse der Umgebung und die Pflanzen im Garten beleben ihre Poesie. Sie nimmt das stürmische-windige Wetter des Novembers wahr. Doch nicht die Vergänglichkeit der Natur, nicht die Endlichkeit prägt die erste Strophe des Adventsgedichts. Vielmehr offenbart das Spätherbstwetter etwas von Unruhe und Chaos, von Kampf und Unerlöstheit in der Natur: Die Wolken sind wirr, die Enten schreien wie irr und das Fenster erzeugt Geklirr. Alles wird weggetrieben, auch die golddürren Papageienkapseln des Tulpenbaums. Leise und doch aufdringlich klingt ein Schrei durch ihre Zeilen. Die Natur des beginnenden Winters gibt dem alten Aufschrei des Psalmisten aus der Tiefe, de profundis, einen Echoraum. 

Erst in der zweiten Gedichtstrophe kommen wir zur Erfahrung der Vergänglichkeit: Die Silberlinge sind abgeblüht, die ganze Welt vergeht und verweht. Doch da setzt sich das lyrische Ich auf eine Frucht. Gross muss diese sein. Sie ist übrig geblieben von der Ernte und bietet einen Ort der Ruhe. Auf dem Kübris sitzend kann gesungen werden, nicht bis zu den Frühlingsliedern, nicht bis die Natur wieder zu blühen beginnt. Das lyrische Ich singt, bis der rettende Heiland zu sehen ist, bis er kommt. Es ist in adventlicher Haltung, wie eine Nonne, die Psalmen betet: Rorate coeli, tauet Himmel den Gerechten! 

Christian Rutishauser SJ


Missionsland Europa: Christoph Theobald SJ erhält für sein Werk die Ehrendoktorwürde der Uni Fribourg

von Pia Seiler

Christoph Theobald SJ bei den kanadischen Jesuiten im Frühjahr 2019

Der deutsch-französische Theologe Christoph Theobald SJ erhielt am 15. November 2019 die Ehrendoktorwürde der Theologischen Fakultät der Universität Fribourg. In seinem neuen Buch «L’Europe, terre de mission» verteidigt der Jesuit die Werte des christlichen Glaubens und deren Relevanz in Europa.

Der gebürtige Kölner hat in Bonn und Paris studiert, ist in der Seine-Stadt Theologieprofessor an der Jesuiten-Hochschule Centre Sèvres und sagt im Interview von cath.ch: «Als deutsch-französisch und europäisch fühlender Mensch betrifft mich die Situation in Europa sehr stark. Unser Kontinent hat eine grosse Kultur. Sie ist sehr vielfältig und komplex und kombiniert das hellenistische und römische Erbe mit biblischen, jüdischen, christlichen und muslimischen Traditionen.»

Hier gelangen Sie zum Interview von Bernard Litzler/cath.ch mit Christoph Theobald SJ anlässlich der Ehrendoktor-Würde


30 Jahre Kinderrechte: Buchbeitrag von Pascal Meyer SJ zum Bildungsprojekt JWL in Afghanistan

von Pia Seiler

Dieser Tage gedenken die Vereinten Nationen in Genf der Unterzeichnung der Rechte für Kinder vor 30 Jahren. An den Feierlichkeiten lud der Heilige Stuhl am Dienstag 19. November Gäste aus Weltpolitik, katholischer Kirche und humanitärer Hilfe zu einem Gipfel ein. Im Zentrum der Diskussion stand die Bedeutung von Bildung für das Wohl und die Entwicklung von Kindern sowie die Verbindung zwischen Menschenrechten und Bildung. Am Podiumsgespräch wurde auch die Sammelschrift Education as a Driver to Integral Growth and Peace vorgestellt.

Der Schweizer Scholastiker Pascal Meyer SJ hat über das Bildungswerk Jesuit Worldwide Learning (JWL) einen Artikel in der neuen Sammelschrift Education as a Driver to Integral Growth and Peace beitragen können. Er unterstreicht darin das Friedenspotential von Hochschulbildung in Krisengebieten am Beispiel Afghanistan. Durch das Bildungswerk JWL wurde in einigen Regionen Nord- und Westafghanistans ein bedeutender Meilenstein in der Überwindung von Gewalt und Terror hin zu einer Wertehaltung und einer Kultur des gegenseitigen Respekts gelegt.

Am Podium wurde betont, dass eine Kultur des Respekts, der Gastfreundschaft, des Zuhörens und der Verantwortung nur über die konkrete Vermittlung von Werten realisiert werden kann. Hier können Kirche, Ordensgemeinschaften und glaubensbasierte Organisationen viel bieten. In dieser Hinsicht herrschte Konsens im Saal – «und doch ist man im Bildungsbereich häufig einem Trend zur Ökonomisierung von Studien gegenübergestellt», sagt Pascal Meyer und führt aus: «Viele Staaten und Bildungseinrichtungen sind äusserst wählerisch, wenn es um die Anerkennung von Abschlüssen geht. Das Potential von Bildung via Internet wird in vielen Teilen der Welt noch immer unterschätzt; online erworbene Abschlüsse werden noch immer als minderwertig gesehen. Wenn es der internationalen Gemeinschaft, aber auch der katholischen Kirche ernst ist, müssen Bildungszugänge, wertbasierte Bildungssysteme und die Anerkennung von internationalen Abschlüssen mehr gefördert werden. Es liegt noch viel Arbeit vor uns.»

Hier gelangen Sie zum Beitrag von Pascal Meyer SJ in der neuen Sammelschrift Education as a Driver to Integral Growth and Peace

JWL-Leiter Peter Ballais SJ und Pascal Meyer SJ an der UNO in Genf

Was ist uns heilig? Gedanken von Christian M. Rutishauser SJ an einer Veranstaltung der Paulus Akademie

von Pia Seiler

Kurzvortrag, gehalten an der Paulus Akademie Zürich am 12. November 2019

Wenn ich Menschen geistlich begleite, stelle ich ihnen immer auch die Frage: „Was ist Ihnen letztlich wichtig? Wofür wollen Sie leben? Was sind Ihre Werte“. Manchmal fällt es meinem Gegenüber schwer, auf diese Fragen zu antworten. Dann frage ich weiter: „Wofür sind Sie bereit, Geld auszugeben, und wofür setzen Sie Ihre Zeit ein?“ Da fällt die Antwort oft leichter. Wofür jemand Zeit und Geld einsetzt, das ist ihm wichtig, dafür lebt er! Ähnlich kann ich nun fragen: „Was ist uns heilig?“ Vielleicht fällt auch da die Antwort nicht leicht. Dann lassen Sie uns weiterfragen: „Was ist für uns unantastbar? Wovor empfinden wir Ehrfurcht? Was verteidigen wir um alles in der Welt?“ Mit diesen Fragen kommen wir dem näher, was uns heilig ist. Das Heilige ist das Unantastbare, das, was ewig bleibt und nicht verändert werden darf, was ich verehre, zu dem ich aufblicke, was mir letztlich Leben schenkt. 

Im Alltag können es Kleinigkeiten sein. Es gibt „kleine Heiligkeiten“. Sie lösen sich aber auch wieder auf und können im Lauf eines Lebens wechseln: Für die Einen ist es der Sport, für die Andern das Auto oder ein Rückzugsort. Etwas grösser und bedeutender werden die „Heiligkeiten“, wenn jemand davon spricht, dass ihm die Gesundheit oder eine Beziehung heilig ist. Nicht nur der Einzelne, auch eine Gesellschaft hat Dinge, die ihr „heilig“ sind: Für die Schweiz ist es das direkte Stimmrecht, sind es die liberalen Freiheiten. Das Bankgeheimnis und die Armee waren einst heilige Kühe. Heute ist es die Mobilität, das Online-Sein. Die Beispiele zeigen, dass es beim Heiligen um letzte Werte und letzte Grundlagen geht. Dabei steht die ganze Identität auf dem Spiel. Es geht um konstitutive Elemente, eigentlich um das, was das Leben für einen Menschen oder eine Gesellschaft erst ermöglicht. Daher darf es nicht in Frage gestellt werden. Das Heilige ist also das, was einer konkreten Biographie oder einer Gesellschaft vorausgeht. Was uns heilig ist, steht für das, woraus wir leben. Das Heilige ist so etwas wie Lebensquell und Lebensgrundlage. 

Das Heilige will geschützt und respektiert, verehrt und vielleicht sogar angebetet werden. Das Heilige darf daher nicht der menschlichen Gier, dem Kalkül oder dem zweckrationalen Nutzendenken unterworfen werden. Dadurch zerstört man das Heilige. Man profaniert es. Weil der moderne Mensch aber alles seinem Nutzen unterwirft, alles ausreizt und ausbeutet, und weil sein Machbarkeitswahn vor nichts Halt zu machen scheint, wird das Heilige zerstört. Das geschieht einerseits im Verdrängen der Religionen. Der Sonntag zum Beispiel ist kein heiliger Tag mehr. Auch die Bibel hat für viele die Autorität einer Heiligen Schrift verloren, weil sie nur noch als Literatur der Menschheitsgeschichte gesehen wird. Die Exegese der Theologen trägt selber dazu bei, wenn sie die Bibel in die Entstehungsgeschichte hinein auflöst. Das Heilige wird aber auch zerstört im leichtfertigen Beenden einer Ehe, im bewussten Beenden von Leben, bei der Ausbeutung der natürlichen Ressourcen oder bei der Verschmutzung von Luft und Meer. Grenzenlosigkeit und Masslosigkeit sind Feinde des Heiligen. Das Heilige setzt dem Menschen eine Grenze. Ist Resakralisierung ein Heilmittel gegen das masslos verobjektivierende Denken des Menschen? Soll man die Ehe und die Natur, das Leben des Menschen etc. wieder für heilig erklären und dem menschlichen Zweckdenken entziehen? Wenn ja: Wer hat die Autorität dazu?

Auf jeden Fall gilt: Weder die Gesellschaft noch der einzelne Mensch sind grenzenlos. Leben gibt es nur in An- und Abgrenzungen. Letztlich ist das Leben Geschenk, es ist vorgegeben. Auch viele Begegnungen, Glück, Erfahrungen, Wohlstand, Gesundheit etc. fallen dem Menschen zu. Auch wenn vieles dem Menschen entzogen bleibt, das Heilige gehört immer zum Leben. Der Mensch lebt von Voraussetzungen, die das Leben erst ermöglichen: Diese Voraussetzungen sind für ihn unantastbar als Lebensgrundlage, als letzte Wertquelle, er erklärt sie für heilig. Die Unterscheidung von heilig und nicht-heilig, von heilig und profan also, gehört zu jeder Kultur. Auch eine säkulare Kultur wie die Kultur der Moderne, die das Heilige per definitionemdurch Wissenschaft und Technik zu überwinden sucht, spricht Dinge heilig. Grenzziehungen zwischen heilig und profan sind einfach sehr verschieden. Lassen Sie mich nur ein Beispiel anführen, das gerade in die säkulare Gesellschaft hineingreift: In der katholischen Christenheit waren Reliquien heilig. Hohe Geldsummen wurden für sie ausgegeben. Mit ihnen waren Ansehen und Machtlegitimation verbunden. In der säkularisierten Gesellschaft läuft der Kunstmarkt nicht anders: Für gewisse Gemälde werden horrende Summen bezahlt, die in keinem Verhältnis zur Produktion stehen. Doch der Besitz verleiht eine Aura, Ansehen, Macht. Die Gemälde werden nur mit Samthandschuhen angefasst, und die Betrachter verstummen vor ihnen, wie die Gläubigen einst vor Altären mit Reliquien. Vor allem aber ist das Kapital in unserer Gesellschaft heilig. Die Aufsichtsräte mit ihren unzähligen Bank-, Börsen- und Unternehmerpersonen sind das hierarchisch gestufte Priestertum. Entsprechend zeremoniell und ehrfürchtig geht es in den heiligen Hallen der Banken und Chefetagen zu. Nicht nur Ausstrahlung und Ansehen, nicht nur Macht, sondern auch Opfer gehören zum Heiligen. Gott und Göttern, dem Heiligen, opfert man. Dies gehört auch zum Kapitalismus: Die Natur schreit zum Himmel. Kurz und gut: Auch in der profanen und säkularen Gesellschaft gibt es das Heilige. Es produziert sich neben dem Profanen immer wieder neu. 

Wie Opfer zur Religion gehören, so ist das Heilige immer mit Machtkonstellationen verbunden. Das Heilige ist ohne Macht nicht zu denken, und die Macht kommt ohne das Heilige nicht aus. Das zeigt sich ja nicht erst an der Wirtschaft, sondern hat sich seit jeher gerade auch an der Politik gezeigt: Der Adel und die Könige haben sich früher göttlich legitimiert. Bis heute wird der Papst „heiliger Vater“ genannt. Und selbst in einer Demokratie, wo die Regenten ihre Macht vom Volk verliehen bekommen haben, bildet sich um die Präsidenten und die Bundesräte eine „heilige Aura“ aus. Dass Macht das Heilige immer braucht, zeigen die Mausoleen und der Kult um kommunistisch-atheistische Politiker wie auch die Zeremonien, mit denen sich Diktatoren in Szene setzen. Macht braucht Liturgie, Zeremonie, um sich abzuheben und explizit oder implizit zu heiligen.

Über Heiliges und Macht ist in den letzten Jahrzehnten viel geforscht und nachgedacht worden. Zu Beginn der 20. Jahrhunderts ist Rudolf Otto mit seiner Definition des Heiligen als tremendum et fascinosum zu nennen: Das Heilige ist das Erhabene. Darauf reagiert der Mensch mit Furcht und Faszination zugleich. Er möchte an Macht und Aura teilhaben. Im 18./19. Jahrhundert hat der Mensch vor den Naturgewalten gezittert und war fasziniert zugleich. Die Alpen konnten einst ein tremendum et fascinosumauslösen. Heute sind sie zur Spielwiese vor dem Haus geworden. Die Erfahrung des Erhabenen wird heute im Naturtrecking gesucht, dazu fahren wir in die Wüste Gobi, ans Nordkap oder in die Antarktis. „Was ist uns heilig?“, bedeutet also zu fragen: Vor welcher Macht erschauern wir und sind zugleich fasziniert? Ich möchte dabei noch gesellschaftsrelevanter und politischer antworten: die Trumps, Putins, Erdogans, Orbans und wie sie alle heissen, haben durch die Kombination von Macht und Heiligem Erfolg. Sie werden in Gesellschaften gewählt, wo Menschen der Faszination dieses „archaisch Heiligen“ erliegen, wie ich es nennen möchte. Um es noch etwas schärfer zu sagen: Es geht um die Faszination des Faschistischen, die Faszination angesichts der Macht des Stärkeren. Der Starke kann sich durchsetzen. Er kann über Leben und Tod entscheiden. Sein Erfolg gibt ihm göttliche Legitimation. Das Heilige sanktioniert dabei nicht nur Macht, sondern eben auch oft Gewalt, und diese wiederum produziert Opfer. Weil aber Macht und Gewalt Ordnung und Lebensraum schaffen, werden sie als heilig und göttlich erfahren. Dass diese Ordnung fast immer auf Kosten von Minderheiten, Dissidenten oder sogar Sündenböcken geht, wird dabei ausgeblendet. Das archaisch Heilige fordert nämlich immer auch Opfer. Zur Religion gehören Opfer und das Heilige untrennbar dazu. Auch eine säkulare, technokratische und utilitaristische Gesellschaft neigt dazu, diese Seite des Heiligen zu reproduzieren. Der atheistischen Moderne ist Macht heilig. Sie ist vom Willen zur Macht geradezu bestimmt, was Schopenhauer, Nietzsche u.a. philosophisch legitimieren. Wegen des Hangs zur Macht verbindet sich die säkulare Gesellschaft auch wieder leicht mit institutionalisierter Religion und mit dem Heiligen. USA, Russland oder verschiedene Staaten in Osteuropa sind heute Anschauungsbeispiele dafür.

Religionen haben es nicht nur mit dem Heiligen zu tun. Sie stellen verschiedene Systeme dar, Mächte und Gewalten zu organisieren und zu kanalisieren: Der Monotheismus schafft einen allmächtigen Gott mit weniger mächtigen Engeln und Geistern. Das Heidentum hat einen Machtkampf unter Göttern beschrieben, der letztlich irdische Machtverhältnisse widerspiegelt. Monotheismus als zentrale, Heidentum als mehr föderalistische Machtorganisation also! Magie ist in diesem Sinne eine individuelle Ermächtigungsstrategie. Diese Art von Religionsverständnis ist bis heute aktuell. Viele säkulare Menschen nehmen Religion denn auch nur in Form von Mächten wahr, sei es über Strahlung von Steinen, über Kraftplätze, die sie aufsuchen, oder über Energieflüsse, für die sie sich öffnen wollen. Am liebsten würde man an Wunder glauben, durch die ein Gott in seiner Allmacht die Naturgesetze ausser Kraft setzt. Die Ratio verbietet es, doch die Versuchung zum archaisch Heiligen ist gerade im 21. Jahrhundert neu aufgebrochen. Der Schock der Verbindung von Heiligem und Macht, von Opfer und Gewalt, die sich im Faschismus im Zweiten Weltkrieg entladen hat, wirkt in uns offenbar nicht mehr nach. So schleicht sich das Brachiale des Heiligen langsam in die Gegenwart zurück.

René Girard hat sich in seiner mimetischen Theorie ausführlich mit der Gewalttätigkeit des Heiligen und damit der Religion auseinandergesetzt. Sein „La violence et le sacré“ ist heute schon ein Klassiker. Weiter darauf einzugehen ist hier nicht der Raum. Mir geht es nur darum, die Ambivalenz des Heiligen bewusst zu machen. Wenn gejammert wird: „Heute ist uns nichts mehr heilig!“, wird unterstellt, dass es grundsätzlich besser wäre, wir hätten wieder mehr Heiliges in unserer Gesellschaft. Säkulare wie Gläubige, welche die Gesellschaft mit ihrer Ordnung und mit ihren Werten in einen chaotischen Relativismus abgleiten sehen, rufen zum Teil nach der Sakralisierung. Die Welt müsse wieder verzaubert werden, um dem Machbarkeitswahn und der zweckrationalen Vernunft eine Grenze zu setzen. Als gläubiger Christ bin ich skeptisch. Ich will das Heilige stärken, doch nicht unbedingt das archaisch Heilige. Die entscheidende Frage ist heute: Welcher Form von Heiligkeit öffnen wir uns? Was verstehen wir unter heilig?

Die biblischen Schriften kennen die Erfahrung des archaisch Heiligen: Dagon, der Gott der Philister, fällt zum Beispiel vor der Gegenwart JHWH in sich zusammen. (1 Sam 5,2f) Gott kommt auch mit Gewalt als Krieger und im Gewitter daher, wie es in verschiedenen Psalmen besungen wird. (z. B. Ps 18) Doch zugleich wird der Begriff des Heiligen so stark umgeformt, dass die beiden religiösen Traditionen, die aus der Bibel hervorgehen, das rabbinische Judentum und das Christentum, manchmal überhaupt nicht mehr als Religionen bezeichnet werden. Christentum und Judentum werden im Mittelalter denn auch einfach lexgenannt oder sectaoder fides, Gesetz also, Partei oder Glaube. Erst in der Moderne nennt man das Christentum und das Judentum Religionen. Doch wie auch immer: Beide Traditionen formen das Heilige um. Diese Umformung hat, ganz grob gesprochen, zwei Aspekte: 

  1. Der Gott der Bibel allein ist heilig. Alles andere ist profan. Es gibt den Schöpfer Gott, der heilig ist. Und es gibt die Schöpfung, die profan ist. Nichts dazwischen. Von diesem Gott kann kein Bild gemacht werden. Er hat Himmel und Erde, also das All gemacht. Er ist der wahre, lebendige Gott, der letztlich allem Leben schenkt, sonst ist da keiner. Alles was Menschen für heilig erklären, sind Götzen, weil es Elemente der Schöpfung sind, wandelbar, antastbar, veränderlich. Vor diesem Gott entstehen erst Götzen. Sogar ein Standbild, das Gott in dieser Welt darstellen soll, ist ein Götze. Die Geschichte vom goldenen Kalb erzählt es. Die Oper „Moses und Aron“ von Arnold Schönberg habe ich zweimal live gesehen, einmal in der Staatsoper Wien. Da war der Tanz um das goldene Kalb ein Tanz um eine riesige Videoinstallation, die schnelle Autos, schöne Frauen, Schmuck, Facelifting, Markenkleider gezeigt hat – und auf dem Höhepunkt des Tanzes dann den Wiener Opernball. Uns Zuschauern im Opernhaus ist gleichsam der Spiegel vorgehalten worden: Götze ist die Staatsoper Wien. Was den Menschen heilig ist wird angesichts des Gottes von Mose und Aron zum Götzen. In der Inszenierung von „Moses und Aron“ im Zürcher Opernhaus war das goldene Kalb übrigens ein riesengrosser Lindt-Schokoladen-Osterhase, jener mit dem Goldpapier, den Sie alle kennen. Kurz: Die Vorstellung von Heiligkeit in der Bibel entlarvt all das, was Menschen heilig ist als Götzen. Einzig Gott darf angebetet werden.
  2. Die Heiligkeit liegt also allein bei Gott, der Gerechtigkeit, Freiheit, Liebe will. Dieser Gott wird nicht durch Statuen oder andere Gegenstände in der Welt repräsentiert, sondern vom Zehnwort. Im Tempel in Jerusalem steht im Allerheiligsten nämlich die Bundeslade, also der Kodex ethischen Verhaltens: Du sollst den Namen Gottes nicht missbrauchen! Halte den Sabbat heilig! Du sollt nicht stehlen, nicht töten, nicht lügen, nicht begehren, was dir nicht zusteht! Heiligkeit ist hier losgelöst von Gewalt und Selbstbehauptung. Heilig ist ein Handeln, das sich an Gott orientiert. Nur ethisches Handeln kann Gott in der profanen Welt repräsentieren. Ethisch leben und handeln wie Gott heisst, die Welt heiligen. Folglich werden die Gebote im Heiligkeitsgesetz in Levitikus kommentiert: „Seid heilig, weil ich heilig bin.“ Nur der ethisch und somit gerecht lebende und liebende Mensch verkörpert Gott, den Heiligen. Der einzige vollkommen gerechte Mensch ist für Christen Jesus, der Jude von Nazareth. Er ist daher auch der Heilige. Wenn Menschen wie Gott handeln und wie Christus leben, können sie als Heilige bezeichnet werden. Paulus nennt seine Mitchristen schlicht „Heilige“. Heiligkeit ist hier Teilhabe am Handeln Gottes und am Wirken Christi in der säkularen Welt. Dies Handeln betrifft einerseits den Alltag, vor allem aber auch den Gottesdienst: In der Liturgie, wo Christus und Gott gegenwärtig erlebt werden, entsteht denn auch ein heiliger Raum, ein Raum, der von Gottes Heilshandeln geschaffen ist. Der Mensch ist eingeladen, in dieses Heilshandeln einzutreten. Diese Vorstellung von Heiligkeit lenkt den Begriff vom „archaisch Heiligen“ weg und lässt etwas Neues heilig erscheinen: das Leben aus Liebe, Freiheit und Gerechtigkeit. Damit wird der Mensch in seiner Würde als freies Wesen geheiligt.

Was ist uns heilig? Dies war unsere Ausgangsfrage. Verschiedene Objekte und Zustände haben wir abgeschritten, die Menschen für heilig erklären. Zudem haben wir festgestellt, dass das Konzept der Heiligkeit sehr ambivalent sein kein. Das Heilige schützt nicht nur Leben und begrenzt Macht. Es kann auch mit Gewalt und Ungerechtigkeit Opfer fordern. Die jüdische und christliche Tradition haben das Heilige radikal an Gottes Heilshandeln gebunden. Heilig ist, was Heil bewirkt. Juden und Christen richten sich danach aus, auch wenn sie wie alle Menschen fasziniert und zugleich schaudernd das „archaisch Heilige“ betrachten. 


Schrei der Armen: Valerio Ciriello SJ zum 50. Jahrestag des Sekretariats für Gerechtigkeit & Ökologie

von Pia Seiler

Die Gesellschaft Jesu feiert dieser Tage den 50. Jahrestag ihres Sekretariats für soziale Gerechtigkeit und Ökologie (SJES). «Der Schrei der Armen und der Erde – es ist Zeit zu antworten»: Unter dieser Überschrift trafen sich vom 4.-8. November in Rom 210 Jesuiten, Experten und Aktivisten aus allen Kontinenten. Sie eint der Einsatz für das, was Papst Franziskus die «Peripherien der Welt» nennt. Scholastiker Valerio Ciriello SJ, Teilnehmer aus der Schweiz (1. Pultreihe 4.v.l), schildert seine Eindrücke. 

Pedro Arrupe SJ, der damalige Generalobere der Jesuiten, hat das Social Justice and Ecology Secretariat (SJES) 1969 ins Leben gerufen – im Jahrzehnt und im Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils. Heute sind die Herausforderungen noch komplexer als im Gründungsjahr. Umweltzerstörung, Vertreibung, Ausbeutung schreiten voran – die Menschheit befindet sich in einer Wendezeit. So verfolgte das SJES-Treffen drei Ziele: die Treue Gottes auf diesem Weg zu feiern; den Fahrplan für die Umsetzung der Allgemeinen Apostolischen Präferenzen, Leitlinien der Jesuiten für die nächste Dekade; Möglichkeiten zur Zusammenarbeit und Vernetzung mit anderen Akteuren zu schaffen. 

Das Spektrum reichte vom Kampf gegen die Umweltzerstörung in Honduras hin zur Rehabilitierung junger Gang-Mitglieder in den Vereinigten Staaten. Vom Einsatz für Dalits und vertriebene Angehörige indigener Stämme hin zu Bildungsangeboten für Jugendliche in Afrika. Von der Arbeit mit Migranten und Flüchtlingen in Europa hin zum Engagement gegen den Klimawandel. Inputs dazu kamen von Ismael Moreno SJ, der mit Menschen in Honduras gegen die Ausbeutung durch multinationale Unternehmen kämpft; Gregory Boyle SJ, Direktor von Homeboy Industries, Organisation für ehemalige Gang-Mitglieder in Los Angeles; Sunita Narain, indische Ökologin und Aktivistin; Kardinal Michael Czerny SJ, vatikanischer Untersekretär für Flüchtlinge und Migranten; Jeffrey SachsUS-Ökonom und Direktor des Earth Institute; Noluthando Honono, junge südafrikanische Aktivistin.

Zum Auftakt forderte Arturo Sosa SJ alle Teilnehmer auf, «diesen ganz besonderen Moment zu nutzen, in dem Gott uns einlädt, uns zu erinnern, zu danken, zu unterscheiden und mutige und gewagte Entscheidungen zu treffen, um Jesus und sein Volk zusammen mit den Ausgeschlossenen, Armen und Schwächsten zu begleiten».

Hier finden Sie die Rede von Pater General Arturo Sosa SJ zum 50. Jahrestag des Sekretariats für soziale Gerechtigkeit und Ökologie

 

Persönliche Eindrücke von Scholastiker Valerio Ciriello SJ, Kongress-Teilnehmer aus der Schweiz: 

Innere Umkehr, Zusammenarbeit, Radikalität: drei Stichworte, die mich begleiten 

Um was ging es am Jubiläum des Sekretariats für soziale Gerechtigkeit und Ökologie in Rom? Vordergründig weniger um den Status quo des Sozialapostolates des weltweit tätigen Jesuitenordens. Wurden konkrete Entscheide gefallen? Eben nicht, und es ist gut so. Für Xavier Jeyaraj SJ, Vorsitzender des Sekretariats, sollte der Kongress weniger konkrete Handlung anvisieren, sondern viel mehr einen spirituellen Weg aufzeigen, damit wir vom Geist zur Erneuerung geführt werden können. Damit eine positive Spannung zwischen Sein und Tun entstehen kann, um schlussendlich mehr im Sein zu weilen als im Tun.

Im Zentrum standen Armutsbekämpfung, Entwicklung, Gerechtigkeit, Stimme der Jugendlichen in der Kirche, Umweltkrise – alles Themen, die mit dem Sozialapostolat in Berührung kommen. Es waren fünf sehr intensive Tage, die nicht einfach in ein paar Zeilen zusammengefasst werden können. Der geistliche Ansatz des Kongresses hilft jedoch, Richtwerte aus dem Gesagten herauszufiltern, welche für die konkrete Gestaltung unserer Arbeit als Jesuiten Inspirationsquelle sind. Ich möchte mich auf drei dieser Richtwerte fokussieren:  innere Umkehr, Zusammenarbeit und Radikalität.

Innere Umkehr
Der Akzent auf die innere Umkehr war hilfreich – eine unentbehrliche Voraussetzung, um institutionelle oder strukturelle Konversion herbei zu führen. Dabei wurde klar, dass auch wir als Jesuiten einer persönlichen Umkehr bedürfen! Sind wir bereit, den Wunsch nach Status, Prestige loszulassen um die Zusammenarbeit mit anderen zu ermöglichen? Ist uns bewusst, dass wir nicht immer in der Pole-Position sein können, nicht immer in Führungspositionen sitzen werden? Um etwas zu erreichen, müssen wir in der Lage sein, auch Nebenrollen zu spielen. «Ihr seid das Salz der Erde» (Matthäus 5,13) sagt uns unter anderem, eine bescheidene Haltung einzunehmen. Das Salz macht im Hinblick auf das Endresultat der entscheidende Unterschied in der Summe der Zutaten.  

Die institutionellen oder strukturellen Konversionen sind eine Konsequenz der inneren Umkehr und nicht dessen Voraussetzung. Mit anderen Worten geht es immer zuerst darum, dem Menschen zu begegnen, bevor strukturelle oder institutionelle Änderungen in der Welt angegangen werden. Aber was heisst das nun? Grundsätzlich heisst es, jede und jeden auf Augen- und Ohrenhöhe zu begegnen, auch wenn die Meinungen divergieren. Haltungen wie «wir wissen es besser» werden uns in unserer Arbeit nicht weiterführen. Nur so können wir hoffen, dass Veränderungen in uns und in anderen stattfinden. Diese innere Haltung ist auch die Grundvoraussetzung für den nächsten Richtwert: die Zusammenarbeit.

Zusammenarbeit
Während des Kongresses wurde immer wieder betont, wie wichtig die Zusammenarbeit ist. Was ist darunter zu verstehen? Ordensintern, dass wir unsere Mitarbeitenden als Menschen wahrnehmen, die fürs gleiche Ziel hinarbeiten. Wir brauchen die Zusammenarbeit mit anderen; wir begehen sonst «Selbstmord», wenn wir Menschen auslassen, unverbunden bleiben, nur auf einem Fuss stehen. In diesem Zusammenhang kam auch die Frage auf, ob wir als Orden auch für unsere nicht-jesuitischen Kolleginnen und Kollegen einen Aus- und Weiterbildungsfonds einrichten sollten. Persönlich würde ich dies sehr begrüssen.

Es geht nicht nur um interne Zusammenarbeit, sondern um Zusammenarbeit in umfassendem Sinn und gipfelte im Aufruf, sich vor allem ausserhalb des Ordens zu vernetzten. Wir sind als Orden und als Ordensmänner eingeladen, ein Gefühl von Gemeinschaft um uns aufzubauen, vor allem mit denjenigen, die mit uns die gleichen Kämpfe teilen. Der Aufbau eines Gemeinschaftsgefühls bedingt, dass wir uns vermehrt gegenüber der Aussenwelt öffnen. Zweifelsohne ein guter Beginn ist das Kultivieren und Pflegen der Beziehungen mit unseren Arbeitskolleginnen und Kollegen – unseren Mitstreiterinnen und Mitstreitern.

Unser Ordensgründer Ignatius von Loyola war ein grosser Beziehungsmensch und Netzwerker. Da sehe ich eine riesige Chance für uns und für die Welt! Networking verbindet Stärken, am besten mit einer Haltung der Demut wie bereits erwähnt. Die Mission, die Arbeit ist gross, der einzelne Jesuit ist klein. Wie können wir Frauen und Männer für andere werden, wenn nicht mit und hinter anderen? Zusammenarbeit ist die harte Währung der Vernetzung. Für uns Jesuiten ist die Vernetzung ein wichtiger Prozess und der Zweck apostolisch in den Diensten unserer bedürftigsten Mitbrüder und –Schwestern zu sein. Der Kongress zeigte auf, wie eine breitere und vernetzte Mission anhand der «synodalen Methode», gar einer «synodalen Bekehrung» gelingen kann. Das setzt eine tiefere Gemeinschaft und integrative Teilnahme voraus mit allen. Wir brauchen mehr Führungspersönlichkeiten, die für einen authentischen Synodalstil eintreten, welche in der Einheit (nicht der Uniformität) die Stimme des Geistes widerspiegelt.

Radikalität
In Fragen und Vorträgen im Plenum und danach in Arbeitsgruppen kamen wir immer wieder auf Radikalität zu sprechen. Dies erhärtet mein Eindruck, dass uns radikale Änderungen bevorstehen.

So wurden etwa die Rezepte des Wirtschaftsprofessors Jeffrey Sachs, wie man die Ungerechtigkeiten in der Welt bekämpfen könne, substantiell und radikal in Frage gestellt. Auf den Punkt gebracht ist Sachs der Meinung, dass mit einer Spende von 1 Prozent des Bruttoinlandproduktes der reichen Länder das Problem der Armut in Ländern des globalen Südens gelöst werden könne. Vielen Teilnehmern und Referenten des Kongresses war klar, dass die Lösung nicht in der «Entwicklungshilfe» liegt. Prioritär ist die Ausarbeitung eines eigenen Wirtschaftsmodells der armen Länder, welches nicht auf das neoliberale und auf Konsum basierte Modell abstützt. Doch wie bereits eingangs erwähnt, institutionelle oder strukturelle Änderungen können nur folgen, wenn jeder Einzelnen von uns den langen Weg zur eigenen Umkehr auf sich nimmt.

Zusammenfassend bin ich überzeugt, dass wir uns vom heutigen homo consumericus (Konsummensch) immer mehr zum homo integralis (ganzheitlicher Mensch) entwickeln müssen. Es ist kein Zufall, dass Papst Franziskus das vatikanische «Dikasterium für den Dienst zugunsten der ganzheitlichen Entwicklung des Menschen» eingerichtet hat und u.a. den alten «Rat für Gerechtigkeit und Frieden» in die neue Struktur einfliessen liess. Die Probleme dieser Welt werden wir nicht langfristig anpacken können, wenn wir lediglich eine «Symptombekämpfung» betreiben. Wir müssen beim Menschen als solchen ansetzten, und das heisst: bei uns selber.  

Selbstredend, dass wir alleine die vielen Probleme dieser Welt nicht lösen können, aber wie sagt Papst Franziskus sinngemäss: Lass uns Prozesse starten; alles ist miteinander verbunden! Wir tun gut daran, uns zu erinnern: Wir alle, die unser Leben auf dieser Erde teilen, sind Brüder und Schwestern. Wir alle teilen auf dieser kleinen und zerbrechlichen Erde den gleichen kurzen Moment des Lebens. Wir alle suchen nichts anderes als die Chance, unser Leben in Würde zu gestalten und hoffen auf Glück. Uns eint das Band des gemeinsamen Glaubens an die Menschheit und des gemeinsamen Ziels einer besseren Zukunft für alle. Ganz sicher können wir vermehrt noch lernen, die Menschen um uns herum als ebenwürdige Mitmenschen zu betrachten, ganz sicher können wir auch intensiver zusammenarbeiten, die gegenseitigen Wunden verbinden und in unseren Herzen Brüder und Schwestern der Menschheitsfamilie werden.

Bereits Ambrosius, im vierten Jahrhundert Kirchenlehrer und Bischof von Mailand sagte: «Es ist nicht dein Gut, mit dem du dich gegen den Armen grosszügig weist. Du gibst ihm nur zurück, was ihm gehört. Denn du hast dir herausgenommen, was zu gemeinsamer Nutzung gegeben ist. Die Erde ist für alle da, nicht nur für die Reichen.»

Valerio Ciriello SJ