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Der jüdische Bruder Jesus: Rabbiner Homolka und Jesuit Rutishauser im Interview

von Pia Seiler

«Der Jude Jesus – Eine Heimholung»: So nennt Rabbiner Walter Homolka sein Werk, das im Sommer 2020 erschien und bereits in vierter Auflage vorliegt. Homolka nähert sich darin Jesus «als jüdischen Bruder losgelöst von seiner christlichen Wirkungsgeschichte», wie er im Interview mit Christian Rutishauser SJ sagt.  Der Professor für Jüdische Theologie in Potsdam und der Provinzial der Schweizer Jesuiten im spannenden Interview von Maria Hässig in der aktuellen Ausgabe der Schweizer Kirchenzeitung. 


Dankbarkeits-Kampagne – vierter Impuls von Martin Stark SJ: Dank auch für Unangenehmes

von Pia Seiler

Martin Stark SJ, Socius des deutschen Provinzials und Leiter Kommunikation/ Fundraising

Wofür kann man dieses Jahr dankbar sein? Für den deutschen Jesuiten Martin Stark war dieses Jahr nicht nur wegen Corona eine Herausforderung. Seine starken Rückenschmerzen legten ihn regelrecht aufs Kreuz. Dennoch findet er genug Gründe, dankbar zu sein: der vierte Impuls in unserer Kampagne «Trotzdem dankbar!» von P. Martin Stark SJ.
Der Ignatianische Tagesrückblick ist Kern der Kampagne. Er ermöglicht Menschen eine innere Freiheit trotz stressigem Alltag, trotz Tief, trotz Krise. Hier gelangen Sie zum erstenzum zweiten und zum dritten Impuls. 

Von Martin Stark SJ

Wenn sich das Jahr zu Ende neigt, liegt es nahe, auf das Erlebte zurückzublicken. Trotz allem Schwierigen gibt es da für mich auch viel Gutes, für das ich sehr dankbar bin. Mir liegt derzeit wohl am meisten nahe, dass ich halbwegs fähig bin, mich wieder normal zu bewegen. Ein Bandscheibenvorfall hatte mich im Spätsommer regelrecht aufs Kreuz gelegt. Es gab Tage, da konnte ich mich kaum mehr bewegen. Inzwischen ist mit viel Geduld die schmerhafte Phase vorüber, und mit ausdauerndem Training und Physiotherapie regeneriert sich der Körper. Erstaunlich – und für mich ein echter Grund zur Dankbarkeit!

Es gibt aber auch Anderes, für das ich in diesem Jahr beim Nachdenken fast noch mehr dankbar bin: Ich erinnere mich gleich an mehrere Situationen, wo es – alles in allem – gelungen ist, Unangenehmes anzusprechen. Auch das gehört ja zu unserem Leben – das nicht wegzudrücken, sondern sich dem zu stellen und deutlich zu machen, dass es da überhaupt ein Problem gibt. Normalerweise gehen wir Konflikten ja lieber aus dem Weg, weil sie einen unter emotionalen Stress setzen. Aber der Ärger bricht sich doch irgendwann sowieso Bahn und eskaliert dann oft, weil wir mit Gefühlsausbrüchen schlecht umgehen können. Das ist in einem Orden gar nicht viel anders als sonst im normalen Leben. Vielleicht ist es bei uns mitunter sogar schwieriger, sich einander deutliche Rückmeldungen zu geben, weil wir Nächstenliebe und Brüderlichkeit meist mit Harmonie oder Nachsicht verwechseln in der Annahme, dass sich die Probleme schon von allein regeln.

In der Jesuitenausbildung üben wir dies mit einer Methode aus unserer spirituellen Tradition ein: die Correctio fraterna. Klausurwochenenden in unserer Ausbildung schlossen früher immer mit einer expliziten Feedback-Runde ab, wo jeder jedem Rückmeldungen geben musste, was ich an meinem Mitbruder schätze, aber auch, was ich mir mehr von ihm wünschen würde. Das Einüben war hilfreich, um darauf zurückzukommen, wenn es darauf ankommt. 

Meine Erfahrung ist: Schon allein mit dem Aussprechen ist viel erreicht; aber auch die Bereitschaft zuzuhören, will eingeübt werden. Denn wir sind ja eher so eingestellt, Kritik gar nicht zu hören oder an uns heranzulassen. In einer angespannten Atmosphäre ist es hilfreich, wenn ich meinem Gesprächspartner zumindest erst einmal in Ruhe zuhören kann, wenn er mir schildert, wie mein Verhalten bei ihm ankommt und was es alles in ihm auslöst.

Natürlich – das Aussprechen allein ist nicht schon die Lösung. Wer Unangenehmes zu hören bekommt, reagiert meist betroffen oder erschrocken, vielleicht sogar peinlich berührt. Und es gibt auch schwierige Situationen, wo es gar nicht möglich ist, eine einfache Lösung zu finden. Ganz oft gilt es, Spannungen einfach nur zu ertragen und schwierige Situationen auszuhalten. Vermutlich ist es so: Wie auch der Körper etwa bei einem Bandscheibenvorfall vor allem Zeit braucht, um sich zu regenerieren, so darf ich nicht versuchen, schwierige Situationen mit frommen Worten abzukürzen. Um unangenehme Dinge in einer guten Weise anzusprechen und Konflikte und Probleme zu durchleben und zu bewältigen, braucht es Kraft, Energie und Zeit. 

Ich bin sehr dankbar, dass mir dies in diesem Jahr in Ansätzen gelungen ist.
Und wofür sind Sie trotzdem dankbar?

Schreiben Sie uns an redaktion@jesuiten.ch, wir veröffentlichen Ihren Beitrag an dieser Stelle.

Unsere Bieler Gemeinschaft hatte die gleiche Idee für das Thema dieser Zeit: mit einer Dankbarkeitshaltung in den Advent. Wir werden sicher noch viele weitere Dankbarkeits-Perlen in unserem Heute und Jetzt finden.
die Kleinen Schwestern Jesu in Biel

 


Vom bewegten Leben von Valerio Ciriello SJ

von Pia Seiler

Valerio Ciriello SJ, 13. Oktober 2020 in Luzern

LZ-Kulturredaktor Urs Mattenberger nimmt die MittWortsMusik in der Luzerner Jesuitenkirche zum Anlass, Valerio Ciriello SJ zu treffen, den neuen Leiter der Hochschulseelsorge in Luzern – und erfährt so einiges über sein Leben: Der einstige FINMA-Jurist berichtet von seinem Kulturschock als Novize, seinem Umgang mit Frauen, seinem unverkrampften Engagement im jesuitischen Lassalle-Haus, wo er für «Ecological Transition» zuständig ist.

Hier gelangen Sie zum Beitrag über Valerio Ciriello SJ in der Luzerner Zeitung vom 1.12.2020.

MittWortsMusik: Besinnung mit Text und Musik in der Jesuitenkirche Luzern (wenn immer möglich MI 12.15 Uhr, Programm beachten)  

 


Wie gelingt der Advent 2020? Antworten im Adventskalender von kath.ch, mit dabei Martin Föhn

von Pia Seiler

Andrea Meier, Valentin Beck, Martin Föhn, Raphael Rauch

«Fröhliche Weihnachten trotz Corona?», fragt kath.ch-Redaktionsleiter Raphael Rauch in seinem digitalen Adventskalender. Seine Gäste zum Auftakt: Andrea Meier, Fachstellenleiterin in Bern, Valentin Beck, Jubla-Bundespräses in Luzern und Martin Föhn SJ in Basel. «Die drei haben unterschiedliche Vorstellungen einer gelungenen Advents- und Weihnachtszeit. Und ganz konkrete Tipps», so Rauch. 

Hier gelangen Sie zum Adventskalender und hier zum Podcast-Talk von kath.ch.


Die ersten Stolpersteine in Zürich: Christian Rutishauser SJ zu Josef Traxl (1900-1941)

von Pia Seiler

Seit Freitag, 27. November 2020 gibt es Stolpersteine auch in Zürich. Die Idee stammt vom Berliner Künstler Gunter Demnig: Seit Mitte der 1990er Jahre verlegt er Pflastersteine auf Strassen, Wegen, Plätzen vor einstigen Wohnungen von Opfern des Nationalsozialismus. Die Stolpersteine sind auf der Oberseite mit kleinen Messingplatten belegt, auf denen die Namen, Lebensdaten und wenn bekannt Todesorte der Opfer eingraviert sind. Heute gibt es gegen 80 000 Stolpersteine in bald 1300 deutschen Städten und Dörfern und weiteren 24 Staaten Europas – es ist das grösste dezentrale Mahnmal der Welt. 

Auch Hunderte Menschen aus der Schweiz wurden, oft über Umwegen, in Konzentrationslagern deportiert und ermordet. Daran erinnern nun Stolpersteine an der Clausiusstrasse 39, Stampfenbachstrasse 75, Schöntalstrasse 22 und Gamperstrasse 7. Sie stehen für sieben Menschen, deren letzter bürgerlicher Wohnort Zürich war:

  • Lea (* 1915) und Alain Berr (* 1942, beide ermordet in Auschwitz 1. Februar 1945)
  • Sara «Selma» Rothschild (* 1895), Jula (* 1922) und Armand Frédéric Rothschild (* 1924, alle drei ermordet 1942 in Auschwitz)
  • Josef Traxl (* 1900, ermordet im KZ Buchenwald 24. August 1941) 
  • Albert Mülli (* 1916, 1938 in Wien von der Gestapo verhaftet, ab 1942 im KZ Dachau, am 29. April 1945 befreit, gestorben 1997 in Zürich)

Der Coronazeit geschuldet, fand am Freitag eine schlichte Erinnerungszeremonie statt. Christian Rutishauser SJ, Provinzial der Schweizer Jesuiten, würdigte an der Schöntalstrasse 22 Josef Traxl: Mit österreichischen Wurzeln in Zürich geboren, begann er eine KV-Lehre und arbeitete später als Maurerhandlanger. Er wohnte bei den Eltern und geriet als Homosexueller ins Visier der Polizei. 1925 wurde er formell des Landes verwiesen, in die Strafanstalt Regensdorf gebracht und am Ende an die Schweiz-Österreichische Grenze gestellt, da die Österreicher ihn nicht übernehmen wollten. Was mit ihm danach passierte, ist nicht bekannt. Er starb im August 1941 im KZ Buchenwald.  

Christian Rutishausers Würdigung von Josef Traxl. 

Adi Kälin berichtet in der NZZ vom 28. November ausführlich über die Leben der sieben einst in Zürich wohnhaften Menschen. 

Porträt von Josef Traxl vom Verein Stolperstein.

 

27.11.2020 Zürich, Stolperstein für Josef Traxl

Dankbarkeits-Kampagne: dritter Impuls des jungen Jesuiten Clemens Kascholke

von Pia Seiler

Clemens Kascholke SJ

 

Selbstoptimierungsmethoden sind gerade dieses Jahr sehr beliebt. Auch den IgnatianischenTagesrückblick könnte man in dieser Rubrik einsortieren, wäre da nicht ein bedeutender Unterschied. Was die Methode zu mehr als reine Selbstoptimierung macht: der dritte Impuls in unserer Kampagne «Trotzdem dankbar!» von Clemens Kascholke SJ. 
Der Ignatianische Tagesrückblick ist Kern der Kampagne. Er ermöglicht Menschen eine innere Freiheit trotz stressigem Alltag, trotz Tief, trotz Krise. Hier gelangen Sie zum ersten und zum zweiten Impuls.

Von Clemens Kascholke SJ

Seit gut zehn Jahren pflege ich nun schon den ignatianischen Tagesrückblick. Er ist mir so selbstverständlich geworden, dass ich schon gar nicht mehr anders kann, als mit einem letzten Blick auf den Tag eben diesen zu beenden. Dabei begleitet mich ganz praktisch betend der Satz von Alberto Hurtado SJ: «Gott beginnt. Gott begleitet. Gott beendet.»

In dreifacher Demut und dreifacher Dankbarkeit erkenne ich an, dass dieser Tag, diese Welt, ja mein Leben nicht in meinen Händen liegen. Gott hat es einmal und jeden Tag neu begonnen. Gott hat es bereits über 30 Jahre begleitet und auch diesen Tag hat er mich gehalten. Gott wird einmal meinen Lebenstag beenden, so wie er auch diese ganze Welt, seine Schöpfung einmal vollenden wird.

Am Ende eines Jahres, vielleicht weil das Tageslicht kostbarer wird und die Dunkelheit der Welt mehr Raum einnimmt, verschiebt sich meist auch mein Blick auf Gott. Während ich im Frühling und Sommer dankbar das Leben dieses Gottes feiern kann, wird mein Blick im Herbst und Winter immer mehr durchkreuzt – und zwar von meinem Blick auf das Kreuz, das durch Allerseelen im November und die prophetischen Texte des Advent eine Schwere bekommt, die das Jahr über von Ostern von ihm genommen scheint.

Dieser durchkreuzte Blick ist mir im Laufe der letzten Jahre immer wichtiger geworden. Meine Dankbarkeit, die ich vor Gott bringe, weil ich so viel von ihm empfangen habe, ist eine durchkreuzte Dankbarkeit. Als Christ darf ich mich am Ende eines jeden Tages vor einen Gott stellen, der die Wirklichkeit dieser Welt mit Haut und Haar, Blut, Schweiss und Tränen erlebt und erliebt und erlitten hat. Dies nimmt den Druck von mir, dass meine Dankbarkeit immer ein wohliges Gefühl in mir hinterlassen muss, ja sich «gut» anfühlen muss. Nein, neben der Dankbarkeit darf auch meine Undankbarkeit stehen … in der Hoffnung, dass Gottes Erbarmen auch damit noch irgendetwas (am nächsten Tag) anfangen kann. Ja, meine Dankbarkeit darf selbst von einem Schmerz und einer Verzweiflung über das Leid, das ich an diesem Tag erleben musste, umfangen sein … weil meine Hoffnung sich ganz um dieses Kreuz schlingt und an ihm festmacht.

In den letzten Jahren sind Methoden, die dem ignatianischen Tagesrückblick ähneln, populär geworden und kleiden sich mitunter in das Gewand einer App auf dem Smartphone. Ohne diese abwerten zu wollen, bleibt für mich doch ein wesentlicher Unterschied: die Rückkopplung an ein personales Gegenüber, an einen Gott, der lebt und liebt in Zeit und in Ewigkeit. Erst daraus kann ich einen Tag abschliessen und gleichsam in Gottes Liebe hinein «sterben lassen». Dies schafft für mich Freiheit für den neuen Tag. Manchmal steht ein Groll und eine Wut über eine Begegnung des zurückliegenden Tages mir vor Augen und liegt mir auf dem Herzen, sodass ich es kaum aushalte, am nächsten Tag diesem Menschen allenfalls schon wieder zu begegnen. Doch meist erlebe ich am Morgen des neuen Tages eine kleine Auferstehung in mir, sodass Groll und Wut nicht mehr Macht entfalten können, sondern ich einen Neuanfang wagen kann – zunächst mit mir und meinen Gefühlen und dann auch mit den Menschen, die mir an diesem Tag (wieder) begegnen werden.

Für mich kann ich sagen, dass die Praxis des Ignatianischen Tagesrückblicks mich an das Geheimnis des christlichen Glaubens immer tiefer heranführt: Im Tod ist das Leben … im endenden Tag beginnt bereits der neue Tag Gottes … der Blick zurück ist eben manchmal der beste Blick nach vorn.

P. Clemens Kascholke SJ, geboren 1988 in Meiningen D, trat mit 23 Jahren in den Jesuitenorden ein. Sein bisheriges Wirkungsfeld ist die Jugendarbeit: Er war unter anderem Leiter der Zukunkunftswerkstatt in Frankfurt, wo junge Frauen und Männer Raum finden, sich mit ihrer je eigenen Berufung an Kurs-Wochenenden, individuellen Auszeiten oder in einem Berufungsjahr auseinanderzusetzen. Zurzeit macht Kascholke sein Referendariat am Aloisiuskolleg, ein Gymnasium mit Ignatianischer Pädagogik in Bonn. 

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Unsere Bieler Gemeinschaft hatte die gleiche Idee für das Thema dieser Zeit: mit einer Dankbarkeitshaltung in den Advent. Wir werden sicher noch viele weitere Dankbarkeits-Perlen in unserem Heute und Jetzt finden.
die Kleinen Schwestern Jesu in Biel

 


Gaël Giraud SJ auf kath.ch: Warum die Schweiz für die KVI stimmen sollte

von Pia Seiler

Gaël Giraud SJ, © Institut Rousseau

Jesuit Gaël Giraud (50) ist Professor in Washington an der jesuitischen Georgetown-Universität  und hat Schweizer Wurzeln: Seine Mutter ist Zürcher Oberländerin, er spricht Züridütsch und verfolgt nicht nur aus Heimatgefühlen die Debatten zur Konzernverantwortungsinitiative KVI, über die wir am Wochenende abstimmen. Der Wirtschaftswissenschafter ist prominente Stimme, wenn es um Nachhaltigkeit geht. Er war Chef-Ökonom der französischen Entwicklungsbank, hat in seiner Funktion den französischen Präsidenten François Hollande beraten und tritt  für die KVI ein – aus ethischen und auch aus ökonomischen Gründen.

Raphael Rauch, Redaktionsleiter von kath.ch, hat mit Gaël Giraud SJ über sein Ja zur KVI ein Interview geführt.  


«Generationentalk» von Radio SRF1: Niklaus Brantschen SJ zur digitalen Überforderung

von Pia Seiler

Im neuen Podcastformat «Generationentalk» von Radio SRF 1 bittet Heidi Ungerer Jung und Alt an einen Tisch und diskutiert über Fragen unseres Alltags. Zum Auftakt das Thema: Die digitale Entwicklung ist schnell. Ständig gibt es neue Möglichkeiten auf dem Markt. Für viele junge Menschen ist das Alltag, für viele Alte jedoch eine Überforderung. Wie wollen wir als Gesellschaft mit diesem digitalen Graben zwischen Jung und Alt umgehen?

In der ersten Folge «Generationentalk» sucht Gastgeberin Heidi Ungerer zusammen mit Jesuitenpater Niklaus Brantschen (83) und Journalistin Yvonne Eisenring (33) nach Antworten. Die Radio-Moderatorin stellt fest: «Emojis mögen weder jung noch alt an diesem Tisch.»


Mit dem Ignatianischen Tagesrückblick zur Dankbarkeit

von Pia Seiler

Bertram Dickerhof SJ

Der Ignatianische Tagesrückblick ist Kern unserer Kampagne «Trotzdem dankbar!» – vor allem Kern der Ignatianischen Spiritualität der Jesuiten. Er ermöglicht Menschen eine innere Freiheit trotz stressigem Alltag, trotz Tief, trotz Krise. Das ist für Ignatius von Loyola, Gründer des Jesuitenordens, von besonderer Bedeutung: Die innere Freiheit ermöglicht Handeln. Als zweiter Impuls heute: Wie dies mit Hilfe des Tagesrückblicks zu erlangen ist, erklärt der deutsche Jesuit Bertram Dickerhof SJ. Zum ersten Impuls von Niklaus Brantschen SJ gelangen Sie hier. 

Für Ignatius von Loyola waren Bewusstheit und innere Freiheit von zentraler Bedeutung. Immer wieder hat er empfohlen, sich stets die Freiheit des Geistes zu bewahren, unbeeinflusst von menschlicher Rücksicht: «Du solltest immer frei sein für das Gegenteil dessen, was du gerade tust, und diesen inneren Selbstbesitz dir durch kein Hindernis entreissen lassen.» Rücksichtnahme auf andere darf also nicht zum Gesetz des Handelns und Tätig-Sein nicht zum Mittel oder zur Rechtfertigung des Verlustes seiner selbst werden. Diese Freiheit des Geistes erlaubt Distanz, die es sowohl ermöglicht, in allem Gott zu finden, als auch dem Anderen personal zu begegnen. Darin aber liegt wahre Erfüllung. «Alles wirkliche Leben ist Begegnung» (Martin Buber) – auch wenn unsere Welt das Aufgehen (oder ist es ein Untergehen?) in Job, Genuss und symbiotischen Beziehungen vorzuziehen scheint. 

Der bewusste Selbstbesitz in innerer Freiheit ist im stressigen Alltag nicht ohne weiteres aufrecht zu erhalten, auch nicht nach einer morgendlichen stillen Zeit: Arbeitsdruck und gute oder schlechte Erlebnisse bemächtigen sich der Person. Der von Ignatius mittags und abends vorgeschlagene Rückblick auf den vergangenen halben Tag dient dazu, sich seiner selbst wieder bewusst zu werden und innere Freiheit zurückzugewinnen.

Es geht nicht um Kontrolle von Moral oder Vorsätzen in der Viertelstunde dieses Rückblicks, der passend «Gebet der liebenden Aufmerksamkeit» (Willi Lambert SJ) genannt wird: An einem ruhigen Platz unterbricht der Beter, die Betende die Antreiber des Alltags und schaut mit dem liebenden Blick Gottes auf sich selbst. Hilfreich ist, wenn man  zunächst einige Minuten tief, langsam und entspannt atmet und den Weg des Atems im Körper bewusst verfolgt. Das tiefe und langsame Atmen beruhigt und öffnet den Leib. Sodann nimmt man  wahr, wie es einem geht, was man vom Körper, von der Stimmung spürt. Und schaut, was einem aus der vergangenen Tageshälfte noch nachgeht und die innere Freiheit bindet. Der Geist wird nicht durch Analysieren und Verstehenwollen beruhigt, er wird vielmehr von den Gefühlen gestaltet. Deswegen ist ein entscheidender Schritt, nach den Gefühlen Ausschau zu halten, die mit dem Ereignis oder Thema, das den Betenden, die Betende beschäftigt, einhergeht und den Atem mit dem aufmerksamen Verweilen bei diesen Gefühlen zu verbinden. Das verschafft Abstand. Der Geist wird wieder freier. Allerdings muss man das Wahrnehmen seiner Gefühle geduldig üben und dazu bereit sein, Angenehmes los- und Unangenehmes dasein zu lassen. Beim Loslassen von Befriedigungen hilft, wenn man auch deren Kehrseite spürt, nämlich den Unfrieden, die Erregung und die Tendenz, «aus dem Häuschen» zu geraten. Wenn man dankt, kommt man zurück auf den Boden der Wirklichkeit: Erfolg, Lob, gute Begegnungen… sind bei allem eigenen Zutun immer auch unverfügbares Geschenk, das man empfangen durfte. 

Unangenehme Gefühle erinnern daran, dass das Aushalten von Spannung Grundlage des geistlichen Weges ist. Nicht umsonst ist das Kreuz das Markenzeichen des Christlichen. Das Dasein-Lassen des Störenden in der mit dem Atem verbundenen Wahrnehmung macht die Spannung aushaltbar. Der Betende, die Betende kann zudem Gott Klagen und Bitten, Proteste oder Reue anvertrauen. Später wird man auch für die erlebte Grenze danken können: an ihr erweisen sich manche der selbstverständlichen Vorstellungen vom Leben, von den anderen, der Welt, sich selbst als illusionär. Das bisheriges Selbstverständnis «stirbt» und man wird befreit dazu, mehr aus dem wahren Selbst und aus dem Grund aller Wirklichkeit, der unbedingte Liebe ist, zu leben. Staunend sieht der Betende, die Betende, dass in der bis auf den Grund durchlebten Ernüchterung reine Freude liegt, die den Geist ruhig macht und frei. So ist am Ende auch Unangenehmes ein Anlass zum Danken.

Oft fällt eine Idee für den nächsten Schritt bei diesem Rückblick ein, der zum Beispiel mit dem Vaterunser abgeschlossen wird.

Das Bewusstwerden bringt mich mit mir selbst in Kontakt, meine innere Klarheit und Entschiedenheit kann wachsen. Aus dem neu gewonnenen Bewusstsein kann Zufriedenheit und Glück wachsen. Das betende Üben stärkt nicht nur mein Selbstvertrauen, sondern prägt auch eine Achtsamkeit für Gottes Führung und Wirken in meinem Leben.

Anleitung:

Still werden. Den Atem spüren. 

Mich in Gottes Gegenwart stellen. 

Gott um einen ehrlichen Blick bitten. 

Auf den Tag schauen. 

Verweilen, wo ich angesprochen bin. 

Dank für Alles, was gut war. 

Bitte um Verzeihung für alles Ungute. 

Meine Pläne für Morgen Gott anvertrauen.

Vater Unser beten. 

AMEN.

 

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10 Jahre an der Seite von Geflüchteten: Christoph Albrecht SJ berichtet

von Pia Seiler

Abgewiesene Asylsuchende in Kloten ZH beim gemeinsamen Kochen

Vor zehn Jahren gab Christoph Albrecht SJ dem Jesuiten-Flüchtlingsdienst Schweiz/ JRS Schweiz die erste Kontur. In den Folgejahren fokussierte er sich auf Orte im Land, wo Menschen die grösste Not erleiden. So kam er auf die abgewiesenen Asylsuchenden. «Sie leben meist in sehr prekären Situationen, ohne Möglichkeit, Perspektiven zu entwickeln, ohne ihre Traumata aufarbeiten zu können». Im Folgenden berichet Albrecht über ein Jahrzehnt im Dienste dieser Menschen.  

Sein Einsatz fusst im Engagement von P. Pedro Arrupe SJ: Im November 1980 gründete der damalige Generalobere in Rom den internationalen Jesuiten-Flüchtlingsdienst/ Jesuit Refugee Service JRS. Arrupe war erschüttert über die Lage der sogenannten Boatpeople aus Vietnam. Vierzig Jahre später sind laut UNHCR gegen 80 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht; es ist die höchste erfasste Zahl seit dem Zweiten Weltkrieg. Toni Kurmann SJ berichtet im Anschluss über den JRS International und das weltweite Engagement der Jesuiten, das nötiger denn je ist. 

JRS Schweiz als Brückenbauer und Begleitung auf Augenhöhe 

Von Christoph Albrecht SJ

Viele Fragen waren offen, als ich im Oktober 2009 in Basel neben der Universitätsseelsorge den Auftrag bekam, in der Schweiz den Jesuiten-Flüchtlingsdienst (JRS) aufzubauen. Dafür wurde ich vom Orden im Umfang einer 50-Prozent-Stelle freigestellt. Die mutigen Frauen des Solinetz Basel waren meine ersten Lehrerinnen. Sie begleiteten mich zu meinen neuen Lehrern, den abgewiesenen Asylsuchenden. 

Aufbauarbeit in Basel 
So gut es ging, versuchten wir diese zu begleiten, auch mit Gefängnisbesuchen, wenn sie in Ausschaffungs- oder Beuge- haft waren. Sonst wohnten sie in einer Notunterkunft (in Basel-Land) oder in der Notschlafstelle (in Basel-Stadt), die sie tagsüber immer verlassen mussten. 
Als Antwort darauf betrauten mich das Sozialamt Basel-Stadt und die kirchlichen Sozialdienste, eine Wärmestube für den Winter 2010/2011 einzurichten. Nur weni- ge kamen regelmässig und das Projekt wurde nach drei Monaten eingestellt. Die Idee hatte sich nicht genügend an den Bedürfnissen der Betroffenen orientiert. Aber das Projekt brachte uns neue Kon- takte zu Nothilfebetroffenen und ein motiviertes Freiwilligenteam, um einen neuen Deutschkurs zu starten. Und zwei Jahre später war auch unser Internetcafé eingerichtet. Sehr beliebt war der Deutsch- kurs der Studierenden der Katholischen Universitätsgemeinde. 
Im Sommer 2015 veröffentlichten wir die Migrationscharta (migrationscharta.ch). Sie verbindet seither ein ökumeni- sches Netzwerk von Engagierten in der Kirche. 

Unterstützung von Asylsuchenden in Zürich
Bei meinem Wechsel nach Zürich im Som- mer 2016 war ich froh um die verlässlichen Partnerinnen und Partner in Pfarreien, kirchlichen Sozialdiensten und Gemein- schaften in Basel. Diese sorgten für die notwendige Kontinuität in den zahlrei- chen persönlichen Unterstützungsbeziehungen. 
Mit der lokalen Verwurzelung des JRS Schweiz musste ich in Zürich neu begin- nen. Im Gespräch mit dem Solinetz Zürich und der Autonomen Schule wurde rasch klar, dass auch im Kanton Zürich die ab- gewiesenen Asylsuchenden am drin- gendsten Unterstützung brauchen. Regel- mässige Besuche in den Notunterkünften liessen seither helfende Beziehungen zu mindestens 150 Personen in grösster Pre- karität wachsen: ÖV-Monatsabonnemen- te, um Solinetz-Deutschkurse in den städ- tischen Pfarreien und Kirchgemeinden zu besuchen, Vermittlung von Anwältinnen und Anwälten, gesundheitliche Betreu- ung, Unterkunft und Beschäftigung, Begleitung bei Behördengängen, gemein- sames Kochen und Abendessen. Neu hin- zukommende Freiwillige und die Zusam- menarbeit mit verschiedenen Gruppen halfen mir bei diesen vielfältigen Auf- gaben und bestärkten mich weiterzu- machen. Dieses Zusammenspiel, ein ver- lässlicher Partner zu sein und zu erkennen, was der spezifische Beitrag von JRS Schweiz ist, bildet schliesslich den Boden für die spirituelle Dimension in dieser Arbeit. 

Glaube und Gerechtigkeit 
Die Arbeit des JRS ist seit seiner Grün- dung vor 40 Jahren nicht eindeutig als Sozialarbeit einzuordnen. Die spirituelle Dimension ist durch die geistliche Grund- ausrichtung des Jesuitenordens mitge- geben. Im christlichen Selbstverständnis geht es natürlich darum, alle Flüchtlinge zu unterstützen. Die Einsicht, auch frem- den Menschen aus der Not zu helfen, stützt sich vielleicht am deutlichsten auf das Gleichnis vom barmherzigen Sama- riter. Die Haltung gegenüber Geflüchte- ten im Speziellen findet in der biblischen Tradition den Bezug zu unzähligen Ge- schichten eigener Fluchterfahrung und im Verständnis des Lebens als Pilgerschaft überhaupt. 
Seit Mitte 1970er-Jahre gilt für den gan- zen Jesuitenorden: Der Einsatz für Glaube und der Einsatz für Gerechtigkeit sind eins. Diese Einheit berührt das Herz der jesui- tischen Sendung. Die Bedeutung des Sozialapostolats für den ganzen Orden war zum ersten Mal im Mai 1968 von den lateinamerikanischen Jesuitenprovinziä- len festgehalten worden. Damit folgten sie der Inspiration des damaligen General- oberen Pedro Arrupe SJ. 

Eher «mit» statt «für» 
Um die Formulierung dieser Einheit wurde seither immer wieder gerungen. Zuletzt zeigt sich diese Grundhaltung auch in den 2019 formulierten vier Universalen Apos- tolischen Präferenzen, an denen sich jedes Wirken von Jesuiten orientieren soll. Es geht um die Arbeit auf Augenhöhe. 
In einer vom Solinetz Zürich 2019 als Hilfestellung für ihre Freiwilligen heraus- gegebenen Broschüre schrieb ich: «Wenn ich mich für Menschen in Not einsetze, entstehen asymmetrische Beziehungen. Geflüchtete haben bei allem Erfahrungsreichtum, den sie mitbringen, viel weniger Handlungsmöglichkeiten als wir Freiwilli- gen mit sicherem Aufenthaltsstatus. Das können wir bei allem Streben nach einer Begegnung auf Augenhöhe nicht ignorie- ren. Doch das muss ja nicht für immer so sein: Wer gestern angekommen ist und vielleicht noch Jahre braucht, um hier Fuss zu fassen, wird sich im glückenden Fall bei uns doch immer mehr zuhause fühlen. Warum sollten wir uns also nicht jetzt schon als gute Nachbarn begegnen? Wa- rum nicht jetzt schon die Entstehung von guten Freundschaften zulassen? Und habe ich schon nach Wegen gesucht, mich gemeinsam mit Geflüchteten für ein Projekt, für eine solidarische Gesellschaft einzu- setzen?» 

Lernen von den Betroffenen 
Konkret lässt sich der methodische Grund- satz des JRS, der Dreischritt accompany – serve – advocate, am besten umsetzen, wenn er von einer Haltung des Lernens von den Betroffenen getragen ist. Bevor wir wissen können, wie wir jemanden un- terstützen können, gilt es, sich kennen zu lernen, Wegstücke miteinander zu gehen (accompany). Und wo Menschen grobem Unrecht ausgesetzt sind, wird eine Unterstützung (serve)notwendigerweise auch zu einem Akt des Widerstandes und der Verteidigung (advocate) gegen ebendieses Unrecht. 
JRS kann in verschiedenster Hinsicht eine Brückenfunktion einnehmen: Zwischen kirchlichen Institutionen und Gemein- schaften und engagierten Menschen in der übrigen Zivilgesellschaft, zwischen Behörden und Institutionen und Solidari- tätsbewegungen, in der funktionalen Ver- netzung zwischen lokaler, regionaler und internationaler Ebene, in der Verknüpfung von Themen politischer, juristischer, psy- chologischer, kommunikativer und reli- giöser Natur, zwischen Menschen, die die Arbeit mit Geflüchteten vor allem finan- ziell unterstützen, und solchen, die, auch dank entsprechenden Spenden, im direkten Kontakt mit Betroffenen wirken können. 

Engagement und Spenden 
Gerade in der Arbeit mit Menschen, die durch die schweizerische Asyladminis- tration unter dem Existenzminimum gehalten werden, ist man auf finanzielle Mittel angewiesen. In den vergangenen 10 Jahren wurde der grösste Teil der ein- gegangenen Spenden zur Bezahlung von Monatsabonnementen des regionalen ÖV gebraucht. Der zweitgrösste Teil wird zur Finanzierung des Lebensunterhalts von Geflüchteten im Kirchenasyl einge- setzt. Weitere Summen werden immer wieder zur Bezahlung von Anwaltskos- ten und von Strafen (wegen illegalem Aufenthalt) aufgewendet, um zu verhin- dern, dass letztere in Haft umgewandelt werden, in der abgewiesene Asylsuchen- de oft retraumatisiert werden. Der kleins- te Teil sind Spesen für Freiwillige. Lohn- kosten gibt es keine, weil ich für die Arbeit für JRS Schweiz vom Orden freige- stellt bin. Spenden nehmen wir gerne über das Konto von Jesuiten weltweit (Vermerk: JRS Schweiz) entgegen. Wer sich engagieren möchte, melde sich bei christoph.albrecht@jesuiten.org.

Zum Bild: Seit 2017 treffen sich abgewiesene Asylsuchende jeden Dienstag zum gemeinsamen Kochen und Abendessen in Kloten ZH; Christoph Albrecht SJ unterstützt dieses und weitere Treffen mit einer Besuchsgruppe. Am offenen Anlass sind auch Einheimische  herzlich willkommen. Foto: Christian Ender 



40 Jahre JRS International 

Am 14. November 1980 wurde der Flüchtlingsdienst der Jesuiten, Jesuit Refugee Service (JRS), in Rom von P. Pedro Arrupe SJ gegründet. Der damalige Generalobere war erschüttert über die Lage der sogenannten Boatpeople aus Vietnam. Innerhalb weniger Wochen meldeten sich viele Jesuiten und andere, die sich für die Boatpeople engagieren wollten. Seit 40 Jahren antwortet der JRS aus einer christlichen Haltung heraus auf Flucht und Vertreibung von Menschen. 

Von Toni Kurmann SJ

Boatpeople wurden die Menschen genannt, die aufgrund der repres- siven Verhältnisse nach dem Ende des Vietnamkrieges 1975 ihre Heimat ver- liessen. Nach heutigen Schätzungen suchten 1,6 Millionen den Weg in eine andere Zukunft. Die Nachbarländer Kambodscha, die Volksrepublik China und Laos eigneten sich kaum als Zufluchtsorte. So blieb der Weg über das Meer in überladenen und nicht seetauglichen Booten als einzige Alternative. Geschätzte 250 000 Menschen fanden im Südchinesischen Meer den Tod. 

«So nicht!» 
Die Menschenrechte entstanden aus dem Entsetzen über die unzählbaren Opfer des 2. Weltkrieges (1939–1945). Eine neue glo- bale Solidarität führte 1948 zur Verab- schiedung der für uns heute verpflichten- den universalen Menschenrechte der Vereinten Nationen. Pedro Arrupe SJ war persönlich Zeuge einer der grössten hu- manitären Katastrophen des 20. Jahrhun- derts, dem Bombenabwurf auf Hiroshima 1945. Anlässlich einer Gedenkrede am 6. August 1980 verglich er das humanitäre Drama der Boatpeople mit Hiroshima. 
1980 hat sich aus dem Impuls «So nicht!» von Pedro Arrupe SJ die heute weltweit tätige humanitäre Organisation JRS ent- wickelt. Aus Mitgefühl (compassion) mit den Flüchtlingen haben sich über die Jah- re drei handlungsleitende Schwerpunkte des JRS herausgebildet: accompany (be- gleiten), serve (dienen) und advocate (sich einsetzen). Aus einer solidarischen christ- lichen Grundhaltung heraus werden Men- schen auf der Flucht nicht alleingelassen, sondern für ihre Nöte Lösungen gesucht, auch auf struktureller Ebene. Damals war Arrupe wohl der Meinung, es handle sich nur um ein temporäres Phänomen. Die Entwicklung der letzten 40 Jahre führt drastisch vor Augen: Das Schicksal der Geflüchteten hat sich zur grössten hu- manitären Krise der Gegenwart entwi- ckelt. Ende 2019 waren 79,5 Millionen Menschen auf der Flucht. Wenn diese Zahl für ein Land stehen würde, wäre dies das 20-grösste der Welt! 

Engagement der Schweiz von Anfang an
P. Hubert Hänggi SJ und seine Mitarbei- tenden in der Missionsprokur der Schwei- zer Jesuiten kamen bereits in diesen ersten Monaten in direkten Kontakt mit dem JRS. Der erste Direktor des internationalen Büros in Rom, der deutsche Jesuit Dieter Scholz SJ, begann an den regelmässigen Treffen der zentraleuropäischen Missions- prokuratoren teilzunehmen. In dieser Run- de war er bestens bekannt, da er zuvor schon viele Jahre in Simbabwe (das im April 1980 unabhängig gewordene frü- here Rhodesien) gewirkt hatte. Er genoss einen grossen Vertrauensvorschuss und erhielt unkompliziert beachtliche finan- zielle Unterstützung für die Aufbauphase des JRS. Auch mit seinen Nachfolgern Mark Raper SJ (Australien), Luis Magriñà SJ (Spanien), Peter Balleis SJ (Deutschland) und dem aktuellen Direktor Tom Smolich SJ (USA) ist Zürich immer in direktem Kon- takt gestanden. 

Globale Kampagne gegen Personen-landminen
Kambodscha entwickelte sich Ende der 1980er-Jahre zu einem zweiten wichtigen Fokus des JRS. Ursprünglich hatte JRS kambodschanische Flüchtlinge in den Lagern in Thailand betreut. Nach der Ter- rorherrschaft der Roten Khmer und dem Abzug der darauf herrschenden vietna- mesischen Besatzungstruppen begleite- te JRS die Menschen bei ihrer Rückkehr in ihre Heimat. Zu den ersten in Kambod- scha Tätigen gehörte Bruder Noel Oliver SJ aus der Puna-Provinz, Indien. Er kann- te Pater Hänggi, der in Puna Theologie studiert hatte, seit den 1960er Jahren. 
Aufgrund dieser Verbundenheit klopfte Bruder Noel bei Pater Hänggi an und bat ihn inständig, die Arbeit in Kambodscha zu unterstützen. Pater Hänggi reiste 1991 zum ersten Mal nach Kambodscha, um sich ein eigenes Bild zu machen. Ein wich- tiger Meilenstein der Arbeit des JRS in Kambodscha war die Behindertenwerk- stätte Banteay Prieb, das Zentrum der Friedenstaube. Hier fanden durch Perso- nenlandminen verstümmelte Menschen 
Ausbildungsmöglichkeiten. So fanden sie trotz ihrer Behinderungen einen Weg in die Zukunft. Bewegt von diesen Schick- salen, engagierten sich JRS und in beson- derer Weise die australische Ordensfrau Denise Coghlan in der internationalen Kampagne zur Bannung von Personen- landminen (ICBL). 1997 wurde dieser Kampagne der Friedensnobelpreis verlie- hen. Bei der Feier in Oslo war auch Thun Channareth, Mitarbeiter von Banteay Prieb, auf der Bühne. Er meistert sein Le- ben seit einem Personenlandminenvor- fall im Rollstuhl. Diese Geschichte der Hoffnung hat auch das Logo der Stiftung Jesuiten weltweit Schweiz inspiriert: Der Korpus mit einem kürzeren Bein hat sein Vorbild in einem Kreuz, das in Banteay Prieb hergestellt wurde. Das erste Kreuz hat Bruder Oliver wohl schon in den 1990er-Jahren als Geschenk nach Zürich mitgebracht. 

Der Krieg in Syrien 
Über die Jahre ergaben sich vielfältige Kooperationen zwischen dem JRS Inter- national und der Stiftung Jesuiten welt- weit Schweiz. Zum Beispiel waren zwei Schweizer Jesuiten in der Zentralafrikani- schen Republik im Einsatz. Luc Ruedin SJ arbeitete 2009 ein Jahr lang in Ouadda und Toni Kurmann SJ 2012 in Markounda fünf Monate im Rahmen seines Tertiats. P. Christoph Albrecht SJ baute JRS Schweiz auf (siehe Seiten 10–12 dieser Ausgabe) und engagiert sich für Flüchtlinge mitten unter uns. 
Intensiv beschäftigt hat uns der Krieg in Syrien. Pater Nawras Samour SJ, Syrer und bis Mitte 2020 Regionaldirektor des JRS Naher Osten, war ein Mann der ersten Stunde beim Aufbau von Nothilfe für die geflüchteten Menschen in seiner Heimat und in den umliegenden Ländern. 2014 erhielt er in Luzern den Schweizer «Prix Caritas» zusammen mit dem Caritas-Direk- tor von Jordanien. Immer wieder auf Be- such in der Schweiz, zuletzt 2019, hat er auf die grosse Not der Menschen aufmerk- sam gemacht. Die Solidarität der Schwei- zer Spenderinnen und Spender hat den grössten Fonds in der Geschichte der Stif- tung Jesuiten weltweit geäufnet. Nach wie vor brauchen die Flüchtlinge in Syrien wie auch in den Ländern Jordanien und Liba- non viel Unterstützung. 

JRS agiert immer globaler 
Der JRS versucht, das ignatianische Prin- zip «dorthin zu gehen, wo die Not am grössten ist» umzusetzen. Er kann nicht auf jede humanitäre Krise reagieren, hat aber in den 40 Jahren ein weltweites En- gagement entfaltet. Seine Arbeit spiegelt die grossen humanitären Katastrophen. In Afrika die Bürgerkriege in Angola und Mosambik im Rahmen der Unabhängig- keitsbewegungen, die Genozide in der Region der Grossen Seen. 
In Asien begleitet JRS Geflüchtete aus Myanmar in Thailand, seit 2017 auch die Rohingya, die Richtung Bangladesch und Indien flüchteten. Seit 2005 engagiert er sich auch in Afghanistan. Von Anfang an war dort die Bildung von Frauen ein wich- tiger Schwerpunkt. JRS hat gerade seine globale Bildungsinitiative Global Educa- tion Initiative, welche als Mercy in Motion (von Mitgefühl bewegt) startete, erfolg- reich abgeschlossen. Ziel war es, mög- lichst vielen von Flucht und Vertreibung betroffenen Kindern Schulbildung zu ermöglichen. Weltweit sind zwischen 

2015 und 2019 zusätzliche 38 Millionen Franken Spendengelder zusammenge- kommen. Damit haben 356 164 junge Menschen qualifizierte Schulbildung er- halten. Im Jahr 2019 weist JRS Hilfe für 811884 Menschen in 56 Ländern in sei- nem Jahresbericht aus. 

Einsatz auch für die Binnenvertriebenen
1980 konnte sich Pedro Arrupe SJ wohl nicht vorstellen, dass 40 Jahre später ge- mäss den offiziellen Statistiken des UNHCR in Genf 79,5 Millionen Menschen auf der Flucht sind. Die Dauer von durchschnitt- lich 17 Jahren zwischen dem Verlassen des ursprünglichen Lebensraumes bis zu ei- nem gesicherten neuen Leben zeigt die bleibende Wichtigkeit einer humanitären Begleitung von Menschen auf der Flucht. Wie sich die gegenwärtige Covid-19- Pandemie auswirken wird, kann zurzeit noch niemand ermessen. All diese Heraus- forderungen im Blick, versucht JRS Inter- national auch in den kommenden Jahren seinen Beitrag zu leisten. 
Da sie keine internationalen Grenzen überschritten haben auf ihrer Flucht, werden sogenannte Binnenvertriebene von ihren Regierungen oft übersehen und nicht in Hilfsprogramme eingeschlossen. Gegen- wärtig gibt es 45,7 Millionen Binnenver- triebene. Für sie setzt sich JRS in den kom- menden Jahren verstärkt ein und will dazu beitragen, dass angemessene Gesetze in Kraft gesetzt werden. Damit will JRS dabei helfen, dass auch für die Binnenvertriebe- nen zukunftsorientierte Lösungen gefun- den werden. 

Ein besonderes Augenmerk auf Frauen
Gerade Frauen und Mädchen sind auf der Flucht besonders vulnerabel. Hinzu kommt, dass ihnen unter derartigen Ex- tremsituationen oft nur sehr beschränkte Möglichkeiten zur Verfügung stehen, ihre Zukunft abzusichern und zu gestalten. JRS will verstärkt geschützte Räume schaffen, in denen Frauen ihre traumati- schen Erfahrungen aufarbeiten können. Auch werden sie unterstützt beim Aufbau eines sicheren Lebens für sich und ihre Familien. 
Damit nicht ganze Generationen von Menschen auf der Flucht ihre Schulbildung verpassen, engagiert sich JRS wei- terhin für eine Zukunft ermöglichende Bildung. In den klassischen Flüchtlings- lagern wird eine eigene Schulinfrastruk- tur aufgebaut. Für die in den Städten als Flüchtlinge lebenden Kinder wird die Integration in das lokale Schulsystem gefördert. 
Dies bedeutet, die Kinder beim Erlernen der lokalen Schulsprache mit ausserschu- lischen Kursen zu unterstützen. Dabei werden immer mehr auch Formen des Lernens über das Internet eingesetzt. Wenn Kinder in Lagern aufwachsen, brau- chen sie nach der Grundschule auch wei- terführende Bildungsmöglichkeiten. Ein Schwerpunkt liegt auf praktischen Aus- bildungen, die selbst unter den Bedin- gungen eines Flüchtlingslagers sinnvoll eingesetzt werden können. Für die Begabten stehen sogar universitäre Fern- kurse zur Verfügung. 

Bleibendes Lernen
Vierzig Jahre JRS ist auch ein Rückblick auf vier Jahrzehnte intensiven Lernens an der Seite von Vertriebenen und Geflüchteten. Bruder Noel Oliver, Schwester Denise Coghlan, Pater Christoph Albrecht und Sil- via Käppeli erzählen von Begegnungen, die ihr Leben prägen. Silvia Käppeli ist Ende Oktober 2020 von Kabul in die Schweiz zurückgekehrt. Als Expertin im Gesundheitswesen hat sie in den vergan- genen acht Jahren intensiv mit Frauen Wege gesucht, ihren Alltag in Familie und Gesellschaft zu gestalten. Rückblickend sagt sie: «Es ging um Bildung, Bildung, Bil- dung, aber nicht nur im Sinne von Wissens- vermittlung, wie Englisch oder Mathema- tik, sondern um Reflexion von Werten, die das Leben leiten, im afghanischen Islam und im Leben der Christinnen und Chris- ten, die dort arbeiten.» Sie konnte mit den afghanischen Frauen zusammen ihre Not und ihr Leid erkennen, benennen und ver- suchen, die Not zu lindern. Sie konnte Mit- gefühl in Handlung umsetzen. Dies wird nur in einer Kooperation mit den betroffe- nen Menschen möglich. 

Die Beiträge finden Sie auch im JWW-Weihnachtsmagazin 4/2020.

 


Gedenktag 40 Jahre Jesuiten-Flüchtlingsdienst: Festakt und Gottesdienst am 14.11.2020

von Pia Seiler

Am Samstag, 14. November 2020 findet um 15 Uhr der Festakt zu 40 Jahre Flüchtlingsdienst der Jesuiten statt. Der Anlass wird hier auf Facebook übertragen; wer vor dem Computer teilnehmen will, kann hier weiterklicken.

Anschliessend findet unter Leitung von Pater General Arturo Sosa SJ um 17.30 Uhr ein Gottesdienst zum Gedenktag statt.  

Der Hintergrund des Jubiläums: Als vor 40 Jahren Tausende von Menschen aus Vietnam flüchteten und sich das Drama der so genannten Boat People zuspitzte, initierte der damalige Generalobere der Jesuiten Pedro Arrupe SJ die Gründung des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes (Jesuit Refugee Service, JRS). Mehr dazu hier von Christoph Albrecht SJ, der bei der Entstehung des JRS Schweiz mitwirkte und den Jesuiten-Flüchtlingsdienst Schweiz seit 10 Jahren leitet. 

Papst Franziskus richtet sich zum 40-Jahr-Jubiläum in einem Brief an Tom Smolich SJ, Direktor von JRS International.


Woche der Religionen: Christian Rutishauser SJ im Interview vom Pfarrblatt Bern

von Pia Seiler

Zur Woche der Religionen hat Hannah Einhaus vom Pfarrblatt Bern  mit Christian Rutishauser SJ ein Interview geführt. Der Provinzial der Schweizer Jesuiten berät den Papst in Fragen des christlich-jüdischen Dialogs und sagt: «Jesuiten und rabbinisches Judentum haben viel gemeinsam»
Hier gelangen Sie zum Interview.

Die Woche der Religionen findet noch bis zum 15. November 2020 schweizweit statt, so auch in Zürich: Hier gelangen Sie zu den Veranstaltungen vom Zürcher Forum der Religionen