News

Globale ignatianische Gebetsvigil vom 25. September: Gemeinsam atmen

von Pia Seiler

In unserer verwundeten Welt ringen wir um Atem. Das Gleichgewicht zwischen Gott, der Schöpfung und der Menschheit ist gestört, und wir erleben die Folgen dieses Klimawandels. Die Lungen unserer Welt – der Amazonaswald, das Kongobecken und die borealen Wälder Asiens – stehen buchstäblich in Flammen. Die Menschen schreien nach Gerechtigkeit. Mitten in der weltweiten Umweltaktion «Zeit der Schöpfung» sind Gläubige auf der ganzen Welt zu einer digitalen Vigil am Freitag, 25. September 2020 eingeladen: Die Gebetswache beginnt um 20 Uhr Ortszeit Rom/ Manila/ New York und wird auf dem Youtube-Kanal der Jesuitenkurie live übertragen. Arturo Sosa SJ, der Generalobere der Jesuiten, wird die Vigil mit einer Reflexion eröffnen.

Das Sekretariat der Jesuiten für soziale Gerechtigkeit und Ökologie organisiert die ignatianische Gebetsvigil im Rahmen der ökumenischen Umweltaktion «Zeit der Schöpfung». Die Aktion findet jeweils vom 1. September (Weltgebetstag für die Schöpfung) bis 4. Oktober (Fest des Heiligen Franz von Assisi) statt. Ziel ist es, die  Anliegen der Umwelt- und Sozialenzyklika Laudato si' von 2015 von Papst Franziskus Nachdruck zu verleihen. «Zeit der Schöpfung» wird von diversen konfessionellen Dachorganisationen mitgetragen, so vom Lutherischen Weltbund, vom Ökumenischen Rat der Kirchen, vom Global Catholic Climate Movement und vom Umweltnetzwerk der Anglikanischen Gemeinschaft.

 


Amazonas-Synode wünschte viri probati: Christian Rutishauser SJ zum Rückzieher des Papstes

von Pia Seiler

Viri probati – bewährte, verheiratete Männer als Priester: Das hätte sich die Amazonas-Synode gewünscht, die im Oktober 2019 während drei Wochen in Rom tagte. Papst Franziskus hat sich dagegen entschieden. Der Papst ist Jesuit und schreibt in einer Notiz, es habe kein discernimento stattgefunden – ein Begriff aus der ignatianischen Spiritualität. Dazu Christian Rutishauser, Provinzial der Jesuiten in der Schweiz im aktuellen Interview von kath.ch: «Die Unterscheidung der Geister ist ein methodischer Schritt in einer Urteilsfindung. Discernimento hat mehr den ganzen Prozess der Meinungsbildung im Blick». Im Interview mit Raphael Rauch erklärt Christian Rutishauser SJ den Rückzieher von Papst Franziskus.

Die persönliche Notiz von Franziskus zur Amazonas-Synode ist in Civiltà Cattolica erschienen; die Zeitschrift wurde von Jesuiten 1850 in Neapel gegründet und hat heute ihren Sitz in Rom. Der Beitrag gibt vertieft Aufschluss über das vorläufige Nein des Papstes zu den viri probati.


Aus Liebe zu Gott: Martin Föhn SJ gibt vor der Priesterweihe im Oktober Einblick zu seinem Weg

von Pia Seiler

Martin Föhn SJ

2012 legte er die ewigen Gelübde ab, nun wird der Jesuit Martin Föhn am 17. Oktober in Zürich zum Priester geweiht. Corona-bedingt sind die Plätze in der Liebfrauenkirche beschränkt. Sie können jedoch per Livestream (Link zeitnah hier) und Radio Maria ab 15 Uhr dabei sein.
Über seine Berufung lädt Martin Föhn zum Gespräch: 30. September in Basel (kug, Herbergsgasse 7) und 15. Oktober in Zürich (aki, Hirschengraben 86, je 20 Uhr). Weitere Termine: Gottesdienst noch als Diakon, 27. September 9 Uhr, Pfarrkirche im Muotathal. Erster Gottesdienst als Priester, 8. November 10 Uhr, Pfarrkirche im Muotathal.

Wie kam es, dass Martin Föhn ausgerechnet in den Orden des Heiligen Ignatius eintrat – wo er doch mit dem Mann aus Loyola zunächst wenig  anfangen konnte und ihm die Jesuiten gar suspekt waren? Wie wurde er vom Bauernsohn im Muotathal zum Theologen, Philosophen und Mediator – wo er doch einst fand, Studieren sei nichts für ihn? Er sagt nun auch ja zum Priestertum – wo er sich doch fragt: «Die Kirche ist heute dermassen unter Beschuss, in vielen Bereichen zu Recht, dass ich mir selber Rechenschaft ablegen musste: Will ich, kann ich diese Kirche als Mitglied des Klerus unterstützen?» Im Folgenden Antworten von Martin Föhn SJ (38).
Eine kürzere Version des Interviews finden Sie in der Herbstausgage der Zeitschrift Jesuiten weltweit.

«Die Suche nach einer grösseren Heimat ist zu Ende»

«Eigentlich waren mir Jesuiten immer eher suspekt und das Studienfach Theologie zu abstrakt.» Der Satz stammt von Ihnen, aus einem Interview 2013. 
Martin Föhn: Das habe ich tatsächlich einmal gesagt. 

Nun stehen Sie als Jesuit kurz vor der Priesterweihe. Wie kommt das? 
Zu Kirche, Religionsunterricht, christlichen Gebräuchen hatte ich immer einen guten Zugang – vor allem zu Christus als Freund und Begleiter. Gebete, das Tischgebet etwa, gehören bei uns zuhause im Muotathal zum Alltag. Ging ich morgens aus der Türe, sagte meine Mutter: «Gang i Gottes Name.» Prägend waren auch die Grosseltern, die jeden Abend den Rosenkranz beteten; war ich bei ihnen, betete ich mit. Als Jugendlicher dann stiess ich auf ein Buch mit Heiligen-Legenden: Dominikus, Franziskus, Antonius von Padua faszinierten mich. Zu Ignatius – Gründer eines Ordens, der nicht einmal heisst wie er – fand ich wenig Zugang. Das Einzige, was mir hängen blieb, war seine Innenschau auf Gefühle und Gedanken, das fand ich spannend. Dass ich je in seinen Orden eintreten würde, konnte ich nicht ahnen.

Um Jesuit zu werden, mussten Sie Theologie und Philosophie studieren, wie jeder Novize unabhängig seiner Vorbildung. Fanden Sie schliesslich Gefallen daran? 
Der eingangs zitierte Satz bezieht sich aufs Studieren allgemein. Kaum jemand im Umfeld meiner Herkunft hat studiert. Ich bin da als junger Erwachsener schon einen eigenen Weg gegangen. 

Sie lernten zunächst Landwirt, um den elterlichen Hof zu übernehmen und...
... so fest war die Absicht nicht (lacht).

Dann trat Ihr jüngerer Bruder an Ihre Stelle. War das eine Befreiung für Sie? 
Befreiung trifft es nicht. Ich war froh, dass mein Bruder Interesse für die Landwirtschaft hatte und den Hof übernahm. So konnte ich andere Wege einschlagen. Das Religiöse, das Spirituelle begleitet mich seit Kindheit. Ich suchte Kontakt mit Menschen in diesem Umfeld. Etwa zu einem anderen Landwirt-Lehrling, dessen Vater war Pastor einer Freikirche. Mit ihm redete ich oft und überlegte, mit seiner Organisation ins Ausland zu gehen. Bis mein Vater sagte: «Wenn du sowas machen willst, dann katholisch.» Für diesen Rat bin ich ihm bis heute dankbar. So lernte ich Mitarbeiter der Immenseer Missionare kennen, die Sozialeinsätze im globalen Süden vermitteln und konnte vier Monate nach Südamerika.

Wohin gingen Sie?  
Ich war in Peru, verbrachte vier Monate bei einer Luzerner Familie. Josy, der Gastvater,  arbeitete als Jugendarbeiter und Karin als Hebamme und Betreuerin von jungen ledigen Müttern.  

Die Welt stand Ihnen offen. Warum entschieden Sie sich ausgerechnet für ein  Ordensleben und das zölibatäre Priestertum?  
Die Stelle im Glaubensbekenntnis geht mir nahe, wo es heisst: «Ich glaube an den einen Gott... der alles geschaffen hat... die sichtbare und die unsichtbare Welt.» Diesen Gott liebe ich. Besonders fasziniert mich die unsichtbare, spirituelle, geistliche Welt. Alles Geschaffene hat eine materielle und eine spirituelle Seite. Spiritualität ist die Wahrnehmung von Beziehungsgeflechten in ihren Tiefen. So geht es im Geistlichen darum, wie man mit sich selbst, den anderen, der Umwelt und mit Gott in Beziehung treten kann. Es klingt vielleicht paradox, aber gerade der zölibatäre Priester befasst sich in umfassender Weise mit Beziehungen. Er ermutigt, tröstet, baut auf, denkt nach, vernetzt, versöhnt – darum dreht sich mein Leben, darum geht es im Orden, den ich gewählt habe. 

Gab es den einen, entscheidenden Moment, der Ihnen den Weg wies? 
Da gab es ein leises Gefühl in mir, dem ich gefolgt bin. Ich kann von keinem Erleuchtungs-Erlebnis berichten, vielmehr probierte ich Verschiedenes aus und näherte mich Schritt für Schritt meiner Bestimmung. 

Auf Ihrer Suche lernen Sie die Jesuiten eher zufällig kennen: Sie besuchten einen Exerzitien-Kurs im jesuitischen Lassalle-Haus und kamen auf den Geschmack. Wie denn? 
Ich wollte immer mal Exerzitien machen. Ferien standen an, und ich buchte kurzentschlossen einen Kurs, der ausser den Begleitgesprächen im Schweigen stattfand. Das gefiel mir. Ebenso die Atmosphäre, geprägt von der gelebten Spiritualität und Gemeinschaft der Handvoll Jesuiten im Haus. Ich erlebte, wie sie einerseits mitten im Leben stehen, sich mit ihren Gästen über Gott und die Welt auseinandersetzen und andererseits tiefe Verinnerlichung su- chen. Es war Frühjahr 2009. Die Entscheidung reifte heran. Am Weihnachtsessen mit der Familie sagte ich: «Ich probiers mal. Wenns nicht geht, bin ich nach zwei Jahren zurück.» Im Herbst 2010 trat ich in Nürnberg ins Jesuiten-Noviziat ein.

Im September 2012 dann legten Sie die ewigen Gelübde ab. «Ich setze einen Punkt hinter allem, was ich bisher gemacht habe», sagten Sie und verschenkten Ihr Vermögen. War das schwer?
Überhaupt nicht. Ich spürte schon in der ersten Woche im Noviziat: Ich war angekommen. Ich weiss noch, wie ich mit anderen zusammensass und mir bewusst wurde: «Ich denke ja gar nicht mehr an eine Weltreise» – lange ein sehnlicher Wunsch von mir. Die Suche nach Heimat war zu Ende. Ich setzte einen Punkt, begann einen neuen Absatz. Auch wenn ich weiterhin unterwegs bin, räumlich und innerlich: Ich habe meinen Ort in der Gesellschaft gefunden.

Was macht die Gesellschaft Jesu zu Ihrer Heimat?
Der Orden ist nicht dasselbe wie eine Familie. Er besteht auch nicht aus Freunden und Kollegen, die ich mir ausgesucht habe – wir sind Mitbrüder auf einem gemeinsamen Fundament und Freunde und Gefährten von Christus. Auf ihn und sein Projekt der Gerechtigkeit, des Friedens, der Freude sind wir ausgerichtet. Wo immer ich auf der Welt eine Jesuiten-Kommunität antreffe, gibt es dieses gemeinsame Vorangehen von der ersten Begegnung an. Das verbindet und gibt Rückhalt. Das gefällt mir sehr.

Als Jesuit haben Sie schon ein beträchtliches Wegstück hinter sich. Sie studierten in München Theologie, in Paris Philosophie, waren in Zürich Hochschulseelsorger, engagierten sich in den Sommern in Sozialprojekten. Vor kurzem erlangten Sie zudem in Paris das Diplom zum Mediator. Warum diese Zusatzausbildung?
Mediation fasziniert mich. Sie bietet Raum, zu zweit oder in einer Gruppe den Weg zueinander zu finden. Mediation ist Austragen von Differenzen, ist Versöhnungsarbeit. Ich war lange ein harmoniebedürftiger Mensch und musste doch immer wieder Streit ertragen. Irgendwann habe ich Streitkultur als positiv und befruchtend erlebt. Bleibt diese Kultur aus, kann das verheerende Folgen haben.

Künftig kümmern Sie sich in Basel um Studierende und Menschen in den Stadtpfarreien. Durften Sie wählen? 
Nein. Wir werden gesandt. Aber ich durfte mich im Entscheidungsprozess einbringen. Die Aufgabe in Basel war denn auch eine meiner persönlichen Optionen.

Könnten Sie frei wünschen: Wohin zieht es Sie? 
Diese Frage stellt sich mir nicht. Ich finde es bereichernd, dass ich innerhalb der Ordensgemeinschaft gebraucht werde und vertraue darauf, dass ich dorthin geführt werde, wo ich meine Fähigkeiten einbringen kann, um Not welcher Art auch immer zu lindern. 

Zunächst nun steht der 17. Oktober an, der Tag Ihrer Priesterweihe in Zürich. Priester haben es nicht einfach im heutigen Kontext. Mussten Sie den Wunsch, Priester zu werden, oft verteidigen?
Nicht direkt vor anderen, aber vor mir selber. 

Können Sie mehr darüber sagen? 
Die Kirche ist heute dermassen unter Beschuss, in vielen Bereichen zu Recht, dass ich mir selber Rechenschaft ablegen musste: Will ich, kann ich diese Kirche, dieses System als Mitglied des Klerus unterstützen? Das wird nicht immer einfach sein, ich habe aber Hoffnung. 

Worin besteht Ihre Hoffnung?
Die Kirche verfügt über ein reiches Instrumentarium an Hinweisen zur Lebensführung, geistlichen Übungen, Werten, Ritualen und Liturgien. Und es betrübt mich, dass wir es nicht schaffen, dies besser rüberzubringen. Das liegt aber nicht nur an der Kirche. Für eine Gesellschaft, die mehrheitlich konsum- und lustorientiert ist, bietet die Kirche eine Projektionsfläche für vieles. Mir geht es um die Tiefe in all ihren Dimensionen unseres Menschseins. Mein Ziel ist es, Menschen zu helfen, hier in eine grössere Fülle zu kommen.

Für die Einladungskarte zur Priesterweihe wählten Sie die Worte: «Wo wohnst Du? – Kommt und seht!» Ein Zitat aus dem Johannes-Evangelium. Wohin wollen Sie uns mitnehmen? 
In die unsichtbare, tiefe und erfüllende Welt der Beziehungen mit Gott und der Welt. Christus ist mit uns unterwegs, «kommt und seht», ruft er uns zu. Wenn es uns gelingt, die Brücke von der sichtbaren zur unsichtbaren Welt zu überschreiten, können wir die wertvollen Schätze unseres Glaubens, unserer Kirche entdecken, auch unsere Verletzlichkeit zulassen, damit sie geheilt werden kann. In der Tiefe erkennen wir das Fundament, auf dem wir stehen. Ist dieses Fundament fest und gut, können wir ganz uns selbst sein und gleichzeitig für andere da sein.
Interview Pia Seiler 

Zu den Bildern: 
Oben: Diakonweihe, Jesuitenkirche St. Ignace Paris, 6. April 2019.

Unten links: vor der Kapelle beim Pragelpass, August 2019. Team der katholischen Landjugend in den Muotathaler Bergen, Martin Föhn 2. von links. 

Unten mitte: Weihbischof Thibault Verny, Diakon Maurice Houeham SJ, Provinzial von Südafrika, Christian Rutishauser SJ, Provinzial der Jesuiten in der Schweiz. 

Unten rechts: Jesuiten-Symposion in Schwäbisch Gmünd 2018. Neben Martin Föhn SJ Alois Riedelsberger SJ aus Österreich.


Besinnungstage auf dem Simplon für junge Guides von Living Stones – den Kirchentouren mit Herzblut

von Pia Seiler

Living Stones, lebendige Steine, sind besondere Führungen: Junge Guides begleiten Interessierte auf kunstgeschichtlich-spirituelle Touren durch die schönsten Kirchen Europas und Amerikas. Die Guides erhalten dazu Inputs und fachliche Unterstützung. Mehrmals jährlich sind sie zu Bildungstreffen eingeladen. Und Ende August jeweils können sie mit anderen interessierten jungen Menschen an Exerzitien auf dem Simplonpass teilnehmen. Eine eindrückliche Erfahrung, wie das Video der diesjährigen Woche zeigt: Andreas Schalbetter SJ führte junge Frauen und Männer aus halb Europa in die Berge seiner Walliser Heimat. Mit im Leitungsteam der Besinnungstage waren Barbara Haefeli sa von der Gemeinschaft der Helferinnen und Jean-Paul Hernández SJ. 

Jean-Paul Hernández SJ rief die Bewegung 2008 zusammen mit engagierten Laien und Mitbrüdern ins Leben. Hernández wuchs mit spanischen Wurzeln in Biel auf, studierte unter anderem in Fribourg und trat in Italien in den Jesuitenorden ein. Mittlerweile machen rund 300 junge Menschen bei Living Stones mit. Sie führen mit Herzblut in 37 Städten durch Sakralbauten Europas und Amerikas – in der Schweiz durch die Hofkirche in Luzern, die Kathedrale in Fribourg, die Stiftskirche in St. Gallen und das Grossmünster in Zürich. 

Weitere Informationen hier. 

Living Stones-Kontakt Schweiz: 
Andreas Schalbetter SJ, Uni-Seelsorger in Basel: andreas.schalbetter@jesuiten.ch
Luzern und Zürich: marco.schmid@kathluzern.ch
Fribourg: PietreVive.Fribourg@gmail.com
St. Gallen: benjamin.ackermann@kathsg.ch 

Zu den Bildern: Impressionen aus der diesjährigen Exerzitenwoche von Living Stones Ende August auf dem Simplonpass


Peter Balleis SJ, Leiter von Jesuit Worldwide Learning: «Digitales Lernkonzept von JWL bewährt sich auch bei uns»

von Pia Seiler

Genf – «Wir müssen die Universitäten zu den Leuten bringen»: So lautet die Devise von Peter Balleis SJ. Der 63-Jährige ist Leiter der Bildungsinitiative Jesuit Worldwide Learning. JWL vermittelt jungen Leuten im globalen Süden, in abgelegenen Regionen und in Flüchtlingslagern mithilfe von digitalem Lernen eine weiterführende Bildung und eröffnet ihnen damit neue Perspektiven. In Zeiten von Corona hat sich das Lernkonzept von JWL bewährt – mittlerweile orientieren sich sogar Lehrerinnen und Lehrer in unseren Breitengraden daran.

«Als im März plötzlich der Shutdown kam, wurden Lehrerinnen und Lehrer hier bei uns quasi über Nacht damit beauftragt, Online-Unterricht zu machen», sagt JWL-Leiter Peter Balleis SJ. Dass viele aufgrund mangelnder Erfahrung mit dieser Aufgabe überfordert waren, sei kaum zu übersehen gewesen. Er kann mittlerweile auf zehn Jahre E-Learning zurückblicken – und zwar nicht in einem fortschrittlichen Land wie Deutschland und der Schweiz etwa, sondern in abgelegenen Dörfern, in denen der Zugang zum Internet lange Zeit eine der grössten Hürden war. Schon seit 2010 bauen die Jesuiten ein Netz von Zentren höherer Bildung in den ärmsten Regionen der Welt aus.

Angefangen habe alles mit einem Pilotprojekt im Flüchtlingslager Dzaleka in Malawi und im Flüchtlingscamp Kakuma in Nordwest-Kenia. «Ziel war es, jungen Menschen von unterschiedlicher Herkunft und Religion durch blended online learning – eine Kombination aus Online-Kursen und Präsenzveranstaltungen – Chancen auf ein Studium zu ermöglichen», erklärt Balleis.

Erst gab es ein Diplom in Liberal Arts, das auf ein späteres Studium vorbereitet. In diesem Grundstudium gehe es hauptsächlich um humanwissenschaftliche Bildung. «Wichtig für den Einstieg ist kritisches und politisches Denken. Die Studierenden müssen lernen, Dinge zu hinterfragen», betont Balleis. Hinzu kamen Kurse in Lehrmittel- und Sportpädagogik, in Englisch sowie in Mediation. Später auch Bachelor-Lehrgänge, etwa in nachhaltiger Entwicklung, in Betriebsadministration und Betriebsmanagement sowie in der Kunst der Führung. Dabei kooperiert das Bildungsprogramm JWL immer mit Universitäten aus den USA, Europa und Indien. Sie akkreditieren die Studenten, stellen die Lehrpläne und vergeben schließlich auch die Credits für den jeweiligen Abschluss.

«Dozenten der Unis unterrichten jeweils 15 Personen im sogenannten virtuellen Klassenzimmer oder liefern Lehrmaterial digital an die Laptops der Studierenden», so  Balleis. Gleichzeitig gebe es Lehrbeauftragte, die den Studierenden vor Ort zur Seite stehen und sie unterstützen. Partnerorganisationen und NGOs sorgen für die notwendige Infrastruktur in den Ländern, dazu gehört, die Studierenden mit der nötigen Technik auszustatten und Klassenzimmer mit Internetzugang bereitzustellen. Die Kosten für das Studium werden zwischen den Universitäten, Partnern vor Ort, Stiftungen, Spenden des Jesuitenordens und den Studierenden selbst geteilt, wobei für Studierende in Flüchtlingslagern keine Kosten anfallen.

Aktuell profitieren an 17 Standorten über 4 000 Studenten von den JWL-Programmen: in Asien, in Afrika, im Nahen Osten und seit Neuestem auch im Amazonas. «Unsere Vision ist es, durch die Ausbildung der jungen Leute vor Ort langfristig Veränderung zu schaffen», sagt Balleis. In Krisengebieten sei Bildung die einzige Option für ein besseres Leben und die einzige Option, die Lage in den Heimatländern zu verändern.

Besonders stolz ist Balleis auf junge Frauen aus dem Irak und aus Afghanistan, die in äusserst konfliktbedrohten Regionen an ihrem Diplom arbeiten. «Insgesamt sind 58 Prozent unserer Studierenden weiblich», berichtet der Jesuit. Es sei allerdings zu beobachten, dass Frauen eher für das Englischsprachprogramm sowie die berufsorientierten Kurse eingeschrieben sind. Im Bachelorstudium liege der Anteil der Studentinnen nur bei etwa 40 Prozent, und auch in Afrika sei der Frauenanteil nach wie vor niedrig. «Wir versuchen jetzt, in den afrikanischen Gegenden aktiv zu werden, um eine bessere Genderbalance zu erreichen», kündigt der 63-Jährige an.

Anders als etwa in vielen Schulen der Schweiz und Deutschland konnte der Unterricht in den Entwicklungsländern auch während der Corona-Krise ohne grössere Unterbrechungen fortgeführt werden, schildert Balleis die derzeitige Situation. «Die Kurse liefen online weiter. Der einzige Unterschied war, dass die Lernenden nicht mehr zu den Präsenzveranstaltungen zusammenkommen konnten.» Stattdessen hätten sich die jungen Leute über Whatsapp vernetzt, um so miteinander zu kommunizieren.

 «Die Corona-Pandemie hat uns noch einmal deutlich vor Augen geführt, welche Vorteile das E-Learning mit sich bringt», sagt Balleis. Im Normalfall genüge es aber nicht, einen Schüler, eine Schülerin einfach vor einen Laptop zu setzen. «Man muss mit den Studierenden interagieren, sie begleiten», weiss der Jesuit aus Erfahrung. Diese Erfahrung, die er mit JWL vorweisen kann, möchte er nun auch an Lehrerinnen und Lehrer hier bei uns weitergeben. Mit «e-Education-Tools – Digitale Lehr-Lernmethoden» bietet JWL in Kooperation mit der Universität Eichstätt in Ingolstadt einen 40-stündigen Kurs für deutsches Lehrpersonal an. Wöchentlich wird ein konkretes Unterrichtskonzept für den Einsatz eines der vorgestellten Tools in der Unterrichtspraxis erarbeitet, anschliessend ausprobiert und schliesslich durch eine Reflexion und Feedback durch den Online-Betreuer konstruktiv weiterentwickelt. Am Ende erhalten die Teilnehmenden eine Teilnahmebestätigung.

Die Fortbildung kommt laut Balleis gut an: «Mehr als 600 Lehrer haben bereits teilgenommen.» Künftig soll der Kurs auch auf Englisch angeboten werden. Wenn digitales Unterrichten in Entwicklungsländern funktioniere, «dann sollte es hier doch erst recht möglich sein», meint Balleis. Janina Fortenbacher

Der Beitrag erschien Anfang August im Badischen Tagblatt

 


Petrus Canisius: Neues Buch von Pierre Emonet SJ über den bedeutenden Jesuiten der Pionierzeit

von Pia Seiler

Weit herum bekannt in Nordeuropa, kaum beachtet bei uns: «Peter Canisius ist eine der beeindruckendsten Figuren aus der Pionierzeit der Gesellschaft Jesu – der Typus des einfachen Jesuiten», sagt Pierre Emonet SJ anlässlich der Veröffentlichung seines neuen Buches Pierre Canisius: L’infatigable réformateur de l’Église d’Allemagne (1521-1597)/ Petrus Canisius: Der unermüdliche Reformator der Kirche in Deutschland (1521-1597). Ein Überblick zu Canisius’ Leben und Wirken von Pierre Emonet SJ, ehemaliger Provinzial der Schweizer Jesuiten, heute Herausgeber der Zeitschrift Choisir.

Petrus Canisius ist der Typus des einfachen Jesuiten. Dennoch hatte dieser einfache Jesuit grossen Einfluss: Canisius hat den deutschen Katholizismus nachhaltig geprägt. John W. O’Malley, Historiker und Kenner der Jesuiten-Geschichte, schrieb über Canisius: «In keinem anderen Teil Europas, wo sich die Gesellschaft Jesu entwickeln konnte,  verdankt sie ihren Erfolg und ihre Identität so eindeutig einem Einzelnen wie in Deutschland. Nirgendwo in Europa hat die Gesellschaft Jesu so früh eine so zentrale Rolle bei der Definition des Charakters des modernen Katholizismus gespielt. Dies ist im Wesentlichen das Verdienst von Canisius.»(1)

Petrus Canisius lebte in einer Zeitenwende. Europa bewegte sich aus dem Mittelalter durch die Renaissance in die Moderne. Eine neue Welt war im Entstehen: Der Mensch rückte als Subjekt ins Zentrum, der Glaube wurde infrage gestellt, Autoritätshaltung und Nationalbewusstsein wurden neu überdacht. Traditioneller Glaube und religiöse Praxis schwächten sich in Deutschland ab; Korruption und der Wettlauf um kirchlichen Profit diskreditierten selbst die höchsten Ebenen der Kirche. Luthers Reformation gewann rasch an Boden und politischer Legitimität.

Im Gegensatz zu anderen Ordensgefährten ist Petrus Canisius kein Spezialist auf einem  Gebiet, ist als Theologe weniger originell und brillant als seine Kollegen Diego Laínez und Alfonso Salmerón. Und doch lehrte er an den Universitäten von Ingolstadt und Wien, wurde zweimal zum Konzil von Trient eingeladen und nahm als Theologe an zahlreichen Kolloquien und Tagungen des Landtages teil. 

In der Sendung bescheidener als Franz Xaver, durchkreuzte er Europa in alle Richtungen, von Messina bis Warschau und Prag, von Wien bis Köln und Strassburg. Zu Fuss und zu Pferd legte er gegen 100 000 Kilometer zurück – eine Strecke zweimal um die Welt, um Christus zu verkünden und den katholischen Glauben zu verteidigen.(2)

Canisius war ein erfolgreicher Schriftsteller und der erste Jesuit, der Bücher signierte. Seine Katechismen, mehrfach neu aufgelegt, blieben bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Gebrauch. Er wurde als Prediger an den Höfen von Wien, Innsbruck und München ernannt, und ihm standen die renommiertesten Lehrstühle Deutschlands offen. 1556 wurde Petrus Canisius zum  ersten Provinzial der süddeutschen Jesuiten ernannt. Die neu errichtete Provinz erstreckte sich vom Elsass über Süddeutschland und Österreich bis nach Böhmen und Polen. Er gründete im Lauf der Jahre 18 Jesuitenkollegs. Er war Rektor und Vizekanzler der Universitäten, Apostolischer Administrator der Diözese Wien, reiste, schrieb, lehrte, empfing, bekannte, besuchte Gefangene und Kranke, sammelte Gelder für seine Hochschulen und unterstützte die römischen Institutionen der Gesellschaft.

Als fleissiger Arbeiter scheint er die Müdigkeit zu ignorieren, wenn es darum geht, den Glauben zu verteidigen.Er war ein gefragter theologischer Berater für alle, die sich um das Schicksal der Kirche in Deutschland sorgten: Der Kaiser, der Papst und seine Kurie, Könige, Fürsten, Nuntien und Kardinäle sowie Ordensobere berieten sich mit ihm. Sein Einfluss auf die Religionspolitik des Reiches war entscheidend. Die Vielfalt seiner Verpflichtungen und die Bedeutung der Herausforderungen, denen er sich stellte, formten ihn. Mit seinem Leben und Handeln verkörpert er den idealen Typus der Gesellschaft Jesu  – dies zu einer Zeit und in einer Region, die von der mühsamen Geburt der Neuzeit besonders betroffen war. Pierre Emonet SJ

1. John W. O’Malley, Les premiers jésuites (1540-1565), Paris, Desclée de Brouwer, coll. Christus, 1999, S. 387-388.
2. Zu den damaligen Reisegewohnheiten der Jesuiten vgl. Mario Scaduto, La Strada e i primi gesuiti, Rom, Archivum Historicum Societatis Jesu, Extractum, Bd. XL-1971, 1971.

Das Canisius-Buch von Pierre Emonet SJ ist dieser Tage im Verlag Lessius erschienen, die deutsche Ausgabe folgt im Verlag Echter.


«Christentum ist Judentum für Nicht-Juden»: Christian Rutishauser SJ im Streitgespräch mit Notger Slenczka

von Pia Seiler

Giotto di Bondone, Christus bei den Toralehrern

Jesus war Jude. Mit ihm entstand eine neue Religion, die das Erste Testament mit dem Judentum gemeinsam hat. Wer war Jesus und was wollte er? Zu dieser Ausgangsfrage bat Christian Schrom Jesuit und Judaist Christian Rutishauser und den evangelischen Theologen Notger Slenczka zum Streitgespräch. Christian Rutishauer SJ berät den Vatikan im katholisch-jüdischen Dialog, Notger Slenczka löste mit seinen Veröffentlichungen zum Alten Testament eine grosse Debatte aus. Die beiden bieten interessante Ein- und Ausblicke, nachzulesen in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Publik-Forum 15/2020. 

Unter Angabe der Mailadresse kann das Streitgespräch hier gelesen werden:  
www.publik-forum.de/Religion-Kirchen/christentum-ist-judentum-fuer-nicht-juden?Code=Gustdo14282008 

Bild: Giotto di Bondone, Christus bei den Toralehrern, um 1305; Fresco in der Cappella degli Scrovegni, Padua


Beirut: Jesuiten, seit Jahren vor Ort, organisieren Nothilfe nach verheerender Explosion

von Pia Seiler

Sitz der Jesuiten-Provinz Naher Osten

Die verheerende Explosion im Hafen von Beirut vom 4. August hat weitreichende Folgen: Bis dato starben 158 Menschen, über 6 000 sind verletzt und 300 000 Menschen obdachlos. Die libanesische Regierung ist zurückgetreten. Ohne Hilfe der internationalen Gemeinschaft können die Menschen im Libanon die Katastrophe nicht bewältigen. Die Explosion fällt in eine Zeit erheblicher sozialer und wirtschaftlicher Unruhen im Libanon sowie mitten in der COVID-19-Pandemie. Seit Jahren leidet die Bevölkerung des Libanon unter Korruption und Misswirtschaft, zudem leben unter den 7,6 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern 1,5 Millionen syrische Flüchtlinge – kein Land hat so viele Syrerinnen und Syrer aufgenommen wie der Libanon. Das erschwert die Wiederaufbau-Bemühungen. Eine schwierige Erfahrung für alle, besonders aber für diejenigen, die bereits vor Krieg und Konflikten geflohen sind. 

Der Sitz der Jesuiten-Provinz Naher Osten in Beirut ist von der Explosion ebenfalls stark betroffen. Das Gebäude beherbergt Arbeits- und Wohnräume der Jesuiten, das Altersheim der Jesuiten-Provinz, eine Kapelle und soziale und kulturelle Einrichtungen. 

Der Jesuiten-Flüchtlingsdienst JRS ist in direkter Nachbarschaft und ebenfalls von Zerstörung betroffen. Auch das Sozialzentrum und die Schule im Stadtteil Burj Hammoud wurden schwer beschädigt. Der JRS hat im Libanon Stützpunkte in der Hauptstadt Beirut, in der Beekaa-Ebene in Baalbek und Bar Elias sowie in der Küstenstadt Byblos. Nebst syrischen Flüchtlingen unterstützt der JRS auch hilfsbedürftige libanesische Familien (Bericht im Magazin Jesuiten weltweit Ostern/2020, S. 11).

Jesuit Daniel Corrou, Regional-Direktor JRS Naher Osten/ Nordafrika, schreibt uns zur Stunde: «Glücklicherweise sind alle Jesuiten und Mitarbeitenden der Provinz und von JRS in Sicherheit. Viele haben Schnitt- und Schürfwunden erlitten, aber es gab keine ernsthaften Verletzungen. Leider sind zwei vom JRS-Zentrum Burj Hammoud unterstützte Menschen durch die Explosion getötet worden, ein dritter wird vermisst. Die Aufräumarbeiten und die Schadensabklärung haben begonnen. 
Wir sind daran, unsere bereits laufende COVID-19-Hilfe der Grundbedürfnisse (Nahrungsmittel, Hygiene- und Wohnungshilfe) auszubauen. Wir werden die Verteilung von Nahrungsmitteln anpassen müssen, da viele Menschen in Beirut keine Möglichkeit mehr zum Kochen haben. Unsere Planungsarbeit ist am Laufen, ebenso wie die Koordination mit anderen NGO-Hilfswerken vor Ort und dem UNO-Flüchtlingswerk UNHCR. Wie auch immer diese Werke und die internationale Gemeinschaft auf die Situation reagieren: Wir werden Hilfe brauchen. Die Gebäude werden leichter reparierbar sein als die menschlichen Wunden. Die Arbeit der Begleitung ist langfristige Heilung – unabdingbar für das menschliche Gedeihen.» 

Wenn Sie die Nothilfe und Aufbauarbeit der Jesuiten in Beirut unterstützen wollen, finden Sie  hier die Kontoangaben: 

Stiftung Jesuiten weltweit 

PostFinance 89-222200-9 

IBAN: CH 51 0900 0000 8922 2200 9 

BIC: POFICHBEXXX 

Bitte Vermerk anbringen: «Jesuiten Beirut» für Hilfe an Jesuiten-Provinz Naher Osten resp. «JRS MENA/Beirut» für Flüchtlingshilfe.

Sie können Ihre Spende auch online tätigen. 

Wir danken Ihnen für die Sorge und die Unterstützung, die Sie als Freundinnen und Freunde der Jesuiten zeigen. Seien Sie gewiss: Jesuiten begleiten die Schwächsten im Libanon und sind verlässliche Partner vor Ort.

Hafen von Beirut nach der Explosion, Bild Freimut Bahlo Wikipedia

Rückschritte in der Sozialpolitik und in autoritäres Gebaren: P. General Arturo Sosa SJ zur Corona-Krise

von Pia Seiler

P. General Arturo Sosa SJ ist sehr besorgt über die rasante Entwicklung der Corona-Pandemie in Lateinamerika und den Umgang vor Ort. Der Venezolaner ist seit 2016 Generaloberer der Jesuiten und sagt: «Es tut mir sehr weh zu sehen, dass die Pandemie nicht aufhört. Ich bin sehr besorgt, weil es keine sozialen oder politischen Strukturen gibt, um dieser Notlage wirklich zu begegnen.»

Die Gesellschaft Jesu ist weltweit in der Flüchtlingshilfe engagiert. Der  Orden werde derzeit weltweit Zeuge von ernüchternden Entwicklungen: «Mehrere Länder haben diese Pandemie ausgenutzt, um die Migrationspolitik dahingehend zu ändern, dass die Durchreise von Migranten oder die Aufnahme von Migranten eingeschränkt wird. Das ist ein grosser Fehler, wenn man bedenkt, dass wir die Welt brüderlicher und gerechter machen wollen. Zu diesem Zeitpunkt wäre und ist die erneute Diskriminierung von Migranten eine große Gefahr und wäre Zeichen einer Welt, die wir nicht wollen!»

Die Corona-Krise trifft die Ärmsten der Welt hart. Viele arbeiten im informellen Sektor und haben kaum Arbeit mehr. Und auch wer über eine Anstellung verfügt, ist vor Armut nicht gefeit. «Es gibt viele Unternehmen, die diese Gelegenheit nutzen, um Arbeitnehmer zu entlassen oder die Löhne zu kürzen oder nicht das zu zahlen, was sie zu zahlen haben, oder um Leistungen der öffentlichen Gesundheit zu kürzen ... Kurz gesagt, die Pandemie ist eine Gelegenheit, Schritte vorwärts oder rückwärts zu gehen. Und dessen müssen wir uns als katholische Kirche und als Menschen, die sich für Gerechtigkeit und Frieden einsetzen, sehr bewusst sein, um eine aufnahmebereitere, demokratischere Gesellschaft aufzubauen.»

Mehr dazu auf Radio Vatikan von Antonella Palermo und Anne Preckel.

 

 

 


Neuer Provinzial für neue Provinz Zentraleuropa

von Pia Seiler

Bernhard Bürgler SJ, Provinzial der neuen Zentraleuropäischen Provinz, SJ-Bild

München/Rom - P. Bernhard Bürgler SJ wird erster Provinzial der neuen Zentraleuropäischen Provinz. Der Generaloberer der Jesuiten, P. Arturo Sosa SJ, ernannte ihn an diesem Freitag. Bernhard Bürgler tritt sein Amt als Provinzial am 27. April 2021 mit der Gründung der neuen Provinz an. Diese wird die bisherigen Provinzen Österreich, Deutschland, Litauen-Lettland und der Schweiz ersetzen.

Bernhard Bürgler ist derzeit Provinzial in Österreich und gehört damit zu den Jesuiten, die den Zusammenschluss in den vergangenen Jahren massgeblich vorbereiteten. Die Herausforderungen, die auf ihn zukommen, sind ihm daher bewusst: «Wir können unsere Lebensform nur dann überzeugend vertreten, wenn wir zu einer Einheit in Vielfalt zusammenwachsen. Dazu müssen wir unsere Institutionen und Tätigkeiten im Hinblick auf die Nöte unserer Zeit und unserer begrenzten Möglichkeiten profilieren.» Die länderübergreifende Zusammenarbeit biete dafür enorme Chancen. «Unser Charisma als Jesuiten ist, dass wir in grösseren Zusammenhängen denken und gemeinsam handeln. Nationale Unterschiede werden im Laufe der Zeit an Bedeutung verlieren, so dass wir den Schatz der Ignatianischen Spiritualität besser fruchtbar machen können im Einsatz für Glaube und Gerechtigkeit, im Dialog mit unterschiedlichen Kulturen sowie in der Suche nach Versöhnung.»

Der General der Jesuiten, P. Arturo Sosa SJ, betonte in seinem Ernennungsschreiben, dass die neue Provinz die apostolische Planung erleichtere: «Die Sendung der Gesellschaft Jesu ist seit seiner Gründung universal und grösser als die Grenzen von Ländern oder Sprachen. Die Ordensstrukturen sind nur dazu da, diese Sendung zu ermöglichen.» Er verwies dazu auf die Universalen Apostolischen Präferenzen, mit denen der Orden seine inhaltliche Ausrichtung für die nächsten zehn Jahre festgelegt hatte. Dem zukünftigen Provinzial wünschte der Generalobere Energie und Tatkraft, aber auch mit Gottvertrauen und Gelassenheit.

Bernhard Bürgler ist ein ausgewiesener Experte in den Bereichen Spiritualität, Exerzitien, Meditation und Psychoanalyse. Der 60-jährige ist in Lienz, Osttirol geboren. Nach der Matura studierte er in Innsbruck Theologie. Im Anschluss an sein Studium arbeitete er im deutschen Exerzitienhaus Haus Gries mit, welches von den Jesuiten getragen wird. Nach weiteren Jahren als Religionslehrer in Österreich trat Bürgler 1991 in die Gesellschaft Jesu ein. Nach dem Noviziat promovierte er in Theologie und machte zudem eine Ausbildung zum Psychotherapeuten. Seine Tätigkeiten im Orden waren Spiritual im internationalen Priesterkolleg Canisianum (Innsbruck), Leiter des Exerzitienhauses Haus Gries (Wilhelmsthal), Bereichsleiter für Spiritualität und Exerzitien im Kardinal König Haus (Wien). 2014 wurde er Provinzial der Österreichischen Provinz der Jesuiten. 

Der Provinzial wird nach den Ordensregeln der Gesellschaft Jesu vom Generaloberen in Rom ernannt. Die Amtszeit beträgt in der Regel sechs Jahre. Neben der administrativen Leitung der Ordensprovinz gehört zu den zentralen Aufgaben eines Provinzials vor allem die so genannte «cura personalis», das regelmässige Gespräch mit jedem Jesuiten über seine Arbeit und sein Leben im Orden. Die neue Provinz wird 442 Jesuiten an 36 Standorten in Deutschland, Lettland, Litauen, Österreich, Schweden und der Schweiz umfassen. Martin Stark SJ

Christian Rutishauser SJ, Provinzial der Jesuiten in der Schweiz, kennt seinen österreichischen Amtskollegen Bernhard Bürgler SJ gut. «Wir haben zusammen ein Jahr im Noviziat verbracht», sagt Rutishauser im kath.ch-Interview, das Raphael Rauch gestern geführt hat. «Bernhard Bürgler steht für Spiritualität; hat auch eine psychotherapeutische Ausbildung. Er steht für Kontinuität und einen offenen Kirchenkurs. Auch hat er eine Weile in Vorarlberg gelebt und gute Kontakte zur Schweiz.» Noch kann Rutishauser nicht sagen, wie es mit ihm in der Zentraleuropäischen Provinz weitergeht. «Ich bin bis zum 27. April 2021 als Provinzial im Amt. Was für eine Aufgabe ich dann kriege, ist noch offen. Letztlich wird das der neue Provinzial bestimmen.» 

Hier gelangen Sie zum kath.ch-Interview mit Christian Rutishauser SJ.

Bernhard Bürgler SJ und Christian Rutishauser SJ, SJ-Bild

Jesuiten in Basel: Andreas Schalbetter SJ ist neuer Leiter der Katholischen Universitätsgemeinde, Martin Föhn SJ vertärkt das Team

von Pia Seiler

Andreas Schalbetter SJ, Martin Föhn SJ

Die Herbergsgasse in Basel wird zum neuen Zentrum der aktiven Jesuitenkommunität in Basel. Andreas Schalbetter SJ hat von Beat Altenbach SJ die Leitung der Katholischen Universitätsgemeinde kug übernommen, und nun werden auch Hans Schaller SJ und Martin Föhn SJ im Dachstock des Studentenhauses einziehen. Martin Föhn wird ab September zu 50 Prozent für die Fachstelle Spiritualität und Bildung der Römisch-Katholischen Kirche in Basel-Stadt (RKK) arbeiten und nach seiner Priesterweihe im Oktober auch für priesterliche Dienste in Basel zur Verfügung stehen. 

Mehr zur langen Tradition der Jesuiten in Basel im Beitrag von Beat Altenbach SJ Pfarrblatt Kirche heute


1. Freitagsgebet in der Hagia Sophia: «Lieber kein Gebet als ein solches Gebet», sagt Tobias Specker SJ

von Pia Seiler

Die Hagia Sophia in Istanbul ist offiziell wieder eine Moschee. Letzte Woche wurde unter Anwesenheit des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan das erste Freitagsgebet seit 85 Jahren abgehalten. Die Fresken und Mosaike aus christlich-byzantinischer Zeit waren verhängt, und der Chef der türkischen Religionsbehörde Diyanet, Imam Ali Erbaş, erschien zu seiner Predigt mit einem Schwert in der Hand. Tobias Specker SJ hat das Freitagsgebet mitverfolgt und sagt in der Nachrichtensendung Echo der Zeit: «Es war ein Ausdruck des Triumphalismus.» Und: «Lieber kein Gebet als ein solches Gebet», so der Islamwissenschafter, der an der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Georgen in Frankfurt lehrt.

Hier gelangen Sie zum Echo der Zeit-Interview vom 24.7.2020